Zeitung Heute : Wundern und walzen Gefragt, weil konservativ: Wiens Tanzschule Elmayer

Paul Kreiner[Wien]

Die Köpfe rauchen, immer häufiger verheddern sich die Beine. Foxtrott mit Promenade und verkehrter Promenade, Boogie mit Platzwechsel, Cha-Cha-Cha, wieder eine Promenade, aber eine andere – Veronika Schnaitt mutet den Anfängern allerhand zu. Den „Unterschied zwischen Karree-Drehung beim Walzer und Wiegeschritt-Drehung beim Foxtrott“ versucht sie ihnen begreiflich zu machen: „Ich möchte, dass sich das in Ihr Kleinhirn eingräbt.“ Silvester ist vorbei, die Ballsaison hat angefangen.

Eine edle Adresse, das Palais Pallavicini gleich neben der Wiener Hofburg; oben, in den barocken Prunksälen mit Goldstuck und Marmor, tafeln Österreichs Staatsgäste, aber die Tanzschule hat sich zu ebener Erde in den einstigen Pferdeställen eingerichtet, spartanisch, die Wände halbhoch mit dunklem Mahagoni getäfelt. Das also ist „der Elmayer“.

„Der Elmayer“ darf beim Opernball das „Alles Walzer!“ sprechen, er drillt die „Debütanten“-Paare, die dann in schwarz-weiß kreiselnder Hunderterformation Wiens glanzvollste Gesellschaftsfeste eröffnen, und in Buchform ist „der Elmayer“ das, was in Deutschland „der Knigge“ ist, nur halt wienerisch verfeinert. Mit Handkuss.

„Den lehren wir jede Stunde“, sagt Thomas Schäfer-Elmayer, der Chef des Hauses. „Damit er durch die Übung ganz natürlich aussieht, damit er Grandezza und Eleganz bekommt.“ Während viele Wiener Tanzschulen damit werben, das es in ihren Kursen „keine Kleidervorschriften“ gebe, bleibt Elmayer streng: Ohne Anzug und Krawatte kommt niemand ins Haus, zumindest die Jugendlichen müssen auch noch weiße Handschuhe tragen; wer keine besitzt, wer keine in der Familie ererbt hat, kann sie für einen Euro und zehn Cent am Empfang ausleihen. Trotzdem oder deswegen, sagt Thomas Schäfer-Elmayer, sei man beim Tanz „der Jugendtreffpunkt im Stadtzentrum“ geblieben. 22 Kurse für Schüler bietet Elmayer an. Die Konkurrenz dagegen hat ihr Programm für die Jungen mangels Nachfrage stark eingeschränkt.

Schäfer-Elmayer empfängt hinter den beiden Tanzsälen, in einer Biegung des Flurs, wo an einem Tischchen zwei Sessel mit spürbar angejahrter Federkernpolsterung stehen. Der kleine Spiegelsaal ganz hinten? „Der ist für den Privatunterricht. Der hat einen eigenen Eingang für Leute, die nicht gerne gesehen werden wollen.“ Wie bitte? „Na ja, irgendwelche Prominente eben, Politiker vielleicht. Oder Unternehmer, die  bei Gästen aus dem Ausland  Eindruck machen müssen. Die ausländischen Gäste können ja meistens tanzen.“ Und wenn sie’s doch nicht können, dann kommen sie eben auch hierher: „Wir stehen in japanischen Reiseführern.“

Aber wie wird man zu einer Institution? In dem Saal, in dem Tanzlehrerin Schnaitt versucht, die weltweit üblichen Kommunikationsprobleme zu lösen – „Meine Herren, irgendwann werden Sie die Dame schon erzogen haben!“ –, dort hängt auch das entscheidende Porträt: In Öl gemalt ist hier Willy Elmayer-Vestenbrugg, k.u.k. Rittmeister und Reitlehrer. Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie herren-, titel- und arbeitslos, baute er 1919 die Pallavicini-Ställe zur Tanzschule um. „Die einen Aristokraten haben ihn dafür geschnitten“, sagt sein Enkel, „das hab’ ich noch in den 50er Jahren auf der Pferderennbahn miterlebt; andere Adelige aber haben bei ihm als Eintänzer mitgemacht. Deshalb haben wir uns anders entwickelt als andere Tanzschulen. Unser Publikum war aristokratisch, auch wenn man keine Adelsprädikate führen durfte.“

Und heute? „High Society, Katholische Privatschulen, Militärakademie, Vienna International School, Diplomaten. Die lösen damit das Integrationsproblem. Sie kriegen bei uns sofort Eingang in die Wiener Gesellschaft.“

Aber den Hauptgrund für den Erfolg sieht Schäfer-Elmayer „in der Show, die wir hier immer schon abgezogen haben“: Es ist die Pädagogik im k.u.k. Geist. „Weil alle unsere Tanzlehrer aus dem eigenen Haus kommen, verwenden wir bis heute die gleichen Worte, die gleichen Gags, die haargenau gleichen Anweisungen wie mein Großvater.“ Die Tanzschule als Exerzierplatz wie beim Rittmeister selig? „Sie haben schon recht.“ Und dabei fällt einem ein, wie Tanzlehrerin Schnaitt zuvor den Platzwechsel im Boogie beschrieben hat: „Meine Herren, Sie müssen genau an die Stelle, wo der Gegner steht.“

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