Wundervolle Welt : Den Wissenshunger stillen

Wir verdanken den Naturwissenschaften mehr als Penicillin und Plutonium. Sie haben uns eine spannendere Welt geschenkt.

Kai Kupferschmidt

Um die Bedeutung der modernen Wissenschaft zu messen, könnte man die Leben zählen, die sie gerettet hat, durch Antibiotika, Airbags, Impfstoffe, Wasserfilter. Man könnte ausrechnen, wie lang die Reihe dieser Menschen wäre, wenn sie sich alle an der Hand fassen würden, wie häufig die Menschenkette den Äquator umrunden würde oder wie weit sie ins Weltall reichen würde. Bis zur internationalen Raumstation oder sogar bis zum Mond? Man könnte aber auch die Toten zählen, in Hiroshima und Nagasaki, in den Giftgaswolken des Ersten Weltkrieges. Man könnte die Lebensjahre zusammenzählen, die so ausgelöscht wurden, von unschuldigen Menschen, von ihren Kindern und ihren Kindeskindern.

Aber weder das eine noch das andere würde wirklich die Frage beantworten, was die Naturwissenschaften geleistet haben. Denn Wissenschaft ist nicht nur die Entdeckung von Penicillin und Plutonium, nicht nur die Erfindung von Automobil und Atombombe. Wissenschaft ist mehr als Technologie, mehr als Nutzen.

Der Physiker Michael Faraday soll auf die Frage, wofür die Naturwissenschaft gut sei, geantwortet haben: „Welchen Nutzen hat ein neugeborenes Kind?“ Vielleicht wollte er damit sagen, dass sich viele Anwendungen erst entwickeln müssen. Vielleicht wollte er aber auch sagen, dass Wissenschaft, wie ein Kind, Freude bereitet und ein Nutzen an sich ist. Dass sich Wissenschaft so wenig in Erfindungen messen lässt, wie sich ein Menschenleben durch die Menge der Wärme messen lässt, die der Körper produziert.

Wenn es darum geht, eine Eigenschaft zu finden, die den Mensch von allen anderen Lebewesen der Erde unterscheidet, dann eignet sich diese genauso gut wie viele andere: dass der Mensch verstehen will. Dass ihn etwas drängt, Fragen zu stellen und nach Antworten darauf zu suchen.

Die Naturwissenschaft bietet nicht nur diese Antworten, sie bietet Überraschungen, Revolutionen, Geschichten. Der englische Dichter John Keats warf Isaac Newton vor, er habe den Regenbogen entzaubert, indem er ihn erklärt habe. Dabei ist es doch umgekehrt: Der Regenbogen hat durch Newton dazugewonnen. Weil wir jetzt verstehen, wie Millionen kleine Wassertropfen das Licht auffächern und so dieses Naturschauspiel verursachen. Weil wir jetzt wissen, dass über jedem Regenbogen ein zweiter Regenbogen thront, schwächer und in umgekehrter Farbreihenfolge.

Und ist die Geschichte der Evolution des Lebens mit all ihren Seitenzweigen und Sackgassen, ihren Katastrophen und Kompromissen, ihren Zufällen und Zwischenfällen nicht viel interessanter als die paar kargen Kommentare, die die Genesis dafür bereithält? Ist ein Sonnenuntergang nicht noch faszinierender, wenn man versteht, wie im heißen Kernschmelzofen der Sonne Masse in Energie umgewandelt wird, in das Licht, das sich dann acht Minuten lang durch das Vakuum des Weltraums bewegt, ehe die Strahlen auf unsere Atmosphäre treffen, wo sie unterschiedlich abgelenkt werden, sodass uns nur die langen Wellen erreichen, die roten?

Die Wissenschaft erweitert die Welt für uns: Aus einem statischen Universum, in dem die Sterne an die äußerste Sphäre geklebt sind wie leuchtende Aufkleber an der Decke eines Kinderzimmers, ist ein unendliches, sich ausdehnendes Universum geworden, mit unvorstellbar vielen Sonnen, einige von ihnen sicherlich umgeben von Planeten wie dem unseren.

Diese wundervolle Welt steht uns allen offen – wenn wir uns darauf einlassen und bereit sind, Zeit und Arbeit zu investieren. Die Hirnforscherin Susan Greenfield hat einmal gefordert, es müsse genauso normal werden, abends in einen wissenschaftlichen Vortrag zu gehen, wie ins Theater oder ins Kino. Aber dass das jemals passiert, ist unwahrscheinlich. Theater ist ebenso wie die Malerei und die Musik entstanden, um den Menschen zu unterhalten. Wissenschaft kann, gut aufbereitet, zwar auch unterhalten, aber das ist nicht ihr Ziel. Sie ist anstrengend, sie fordert uns heraus. Dass das, was hinter dieser Anstrengung liegt, die Arbeit wert ist, das sollte in Schulen und Universitäten immer wieder klargemacht werden.

In den vergangenen Jahrhunderten haben viele Forscher hart gearbeitet, um auch schier unerreichbare Früchte vom Baum des Wissens herunterzuholen. Dorthin, wo sie uns allen zur Verfügung stehen. Ihre Erkenntnisse sind jetzt da, für jeden nachzulesen, nur einen Klick entfernt, aufbereitet in verständlicher Sprache und verdaulichen Happen. Das Essen ist angerichtet. Aber solange wir nicht begreifen, dass dieses Gefühl im Magen Hunger ist, bleibt das Festmahl unangerührt – und wir verhungern am gedeckten Tisch!

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