Zeitung Heute : Wunderwaffe oder Teufelszeug

Derivate sind komplexe künstliche Finanzinstrumente. An ihnen scheiden sich die Geister der Experten. Doch wie so oft im Leben liegt die Wahrheit in der goldenen Mitte

Udo Rettberg

Kein anderes Segment der Finanzwelt weist solch gigantische Wachstumsraten auf wie der Markt für Derivate. Doch an kaum etwas anderem erhitzen sich die Gemüter führender Vertreter der Finanzszene auch so sehr wie an diesen Finanzinstrumenten. Derivate werden auf der einen Seite als Stabilisator der Finanzmärkte und damit als Wunderwaffe gepriesen, auf der anderen Seite auch als destabilisierender Faktor der Märkte und damit als Teufelszeug gescholten.

Wie so oft im Leben liegt die Wahrheit über Derivate in der goldenen Mitte. Der eigentliche Sinn dieser Vehikel liegt im Transfer von Risiken. Einerseits ermöglicht die Nutzung von Derivaten der Wirtschaft eine bessere Kalkulationsgrundlage, weil sie unternehmerische Risiken reduzieren. Andererseits sind Spekulanten bereit, diese Risiken mit der Chance zur Erzielung von Gewinnen zu übernehmen. Derivate sind also der Ausgleich der unterschiedlich gelagerten Interessen dieser beiden Gruppen.

Derivate sind komplexe künstliche Finanzinstrumente, die für sich allein nicht existieren können. Sie beziehen sich stets auf ein Basisinstrument, wie Aktien oder auch Rohstoffe. Da führende Vertreter der globalen Finanzszene vor der breiten Weltöffentlichkeit jedoch ein verbales Gefecht über Sinn und Unsinn von Derivaten ausfechten, dann zeigt dies, dass es bei der Aufklärung über Derivate Nachholbedarf gibt. Wenn sich die Geister von Experten wie US-Notenbankchef Alan Greenspan – mit dem Spitznamen „Mister Unsicherheit“ belegt – auf der einen und dem weltweit wohl erfolgreichsten Großanleger Warren Buffett – als „Orakel von Omaha“ bezeichnet – auf der anderen Seite scheiden, dann lauschen die Medien aufmerksam.

Buffett geht in seiner publikumswirksamen Kritik so weit, Derivate als „Zeitbomben“ zu bezeichnen. Er schreibt ihnen das Potenzial „finanzieller Massenvernichtungswaffen“ zu. Damit sei die Gefahr eines systematischen Risikos für das Welt-Finanzgefüge verbunden, sagt das Orakel von Omaha. Greenspan dagegen weist auf die positiven Einflüsse von Derivaten als Risikosicherungs-Instrumente hin. „Mister Unsicherheit“ erklärt, dass die Vorteile und Kosten von Derivaten immer wieder Mittelpunkt von geistigen Debatten seien. Die Entwicklung der Weltwirtschaft und des globalen Finanzsystems belege jedoch eindeutig, so Greenspan, dass die Vorteile von Derivaten die Kosten weit übertroffen hätten. Greenspan warnt daher vor einer Überregulierung der Derivatemärkte.

Woran kann der Nutzen von Derivaten gemessen werden? Die nackten Fakten sprechen für sich: Derivate wiesen in den vergangenen Jahren explosionsartige Umsatzsteigerungen auf. Ein Unterscheidungsmerkmal von Derivaten liegt in den Strukturen der Handelsplätze. Derivate werden sowohl OTC – an wenig regulierten Freiverkehrsmärkten direkt zwischen Banken – als auch an Terminbörsen gehandelt. Das Volumen der OTC-Märkte liegt deutlich über dem der Terminbörsen.

Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist das an den OTC-Märkten ausstehende Nominalvolumen von Devisen-, Zins-, Aktien-, Rohstoff- und Kreditderivaten von Mitte 2001 bis Mitte 2004 um 120 Prozent gestiegen. Was Warren Buffett so besorgt, ist wohl allein die Tatsache, dass diese OTC-Märkte nur wenig transparent sind und kaum Kontrollen von Aufsichtsbehörden unterliegen. Das hier stattfindende Geschäft geht an der breiten Öffentlichkeit vorbei.

Weniger riskant für das Welt-Finanzsystem erscheint dagegen der Börsenhandel mit Derivaten. Ein Grund: Hier werden die Geschäfte über Clearinghäuser abgeschlossen, an denen alle großen Banken beteiligt sind. Diese Clearinghäuser gelten daher finanziell als stabil und genießen eine hohe Bonitätseinstufung durch die Ratingagenturen. Ähnlich wie die OTC-Märkte warteten auch die Terminbörsen in den vergangenen Jahren mit einer Umsatzexplosion auf. Einen Überblick über das Wachstum im vergangenen Jahr gibt die Tabelle „Die größten Terminbörsen der Welt“ (siehe unten).

Mit anderen Worten: Immer mehr Akteure in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten nutzen Derivate auf der einen Seite zur Absicherung von Risiken und auf der anderen Seite zur Spekulation. Doch Derivate daher als Wunderwaffen zu bezeichnen, wie es einige Banken tun, ist schlichtweg falsch. Wer beim Umgang mit Derivaten die notwendige Sorgfalt vermissen lässt, geht große Risiken ein. Sollten die globalen Finanzmärkte durch besondere Ereignisse in Stress-Situationen geraten, sind selbst Systemrisiken nicht auszuschließen.

In geordneten und stabilen Märkten bieten Derivate indes weltweit uneingeschränkte und interessante Investitionsmöglichkeiten in nahezu allen Vermögensklassen. Bei Privatanlegern in Deutschland besonders beliebt sind dabei die von Banken emittierten Zertifikate und Optionsscheine. Der Anleger erwirbt dabei durch den Kauf eines verbrieften Derivates eine Inhaberschuldverschreibung. Die Höhe des Anspruchs leitet sich von der Kursentwicklung des Basiswertes (Aktie, Anleihen, Rohstoffe) ab.

Der Siegeszug von Derivaten scheint daher kaum zu stoppen. Anleger sollten jedoch ein Risiko nicht unterschätzen. Derivative Produkte wie Optionsscheine und Zertifikate unterscheidet von der direkten Investition (zum Beispiel Aktien), dass kein direktes Engagement erfolgt, sondern eine Inhaberschuldverschreibung einer Bank erworben wird. Der Anleger muss sich also mit dem Ausfallrisiko des Emittenten auseinandersetzen. Ein solches Risiko besteht indes nicht, wenn der Anleger auf börsennotierte Derivate wie Optionen und Futures an der Eurex oder anderen Terminbörsen setzt.

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