Zeitung Heute : Wunderwerke in XXS

Stents können Organe stabilisieren oder erweitern. In Rostock entstehen immer raffiniertere

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Die Mini-Architektur im Millimeter- und Mikrometerbereich therapiert bisher nicht ausreichend behandelbare Krankheiten. Foto:...

Bauwerke großer Architekten können sich der Bewunderung der Mitmenschen immer sicher sein. Stents, diese kleinen architektonischen Meisterwerke, die als medizinische Implantate in bestimmte Organe eingebracht werden, um sie zu stabilisieren, zu erweitern oder als Spender von Medikamenten zu dienen, haben es schwerer. Sie sind nicht nur winzig, einmal verwendet sind sie auch noch unsichtbar. Trotzdem sind diese Stents Wunderwerke der Technik und der Architektur. Denn sie müssen auch unter extremen Bedingungen funktionieren, wie gute Architektur auch. Stent-Architekten sind Naturwissenschaftler, Mediziner und Ingenieure. Ihr Markenzeichen in Rostock ist ihr weltweit anerkannter Erfolg. Diese kleinen Gittergerüste aus Metall oder Kunststoff in den verschiedensten Formen haben die Medizin in den letzten Jahren revolutioniert. Mit Stents, die sich nach getaner Arbeit im menschlichen Organismus einfach auflösen, ist die Forschung auf diesem Gebiet inzwischen in die nächste Runde eingetreten.

Diese Architektur im Millimeter- und Mikrometerbereich soll zukünftig weitere bisher nicht ausreichend behandelbare Krankheiten therapierbar werden lassen. Mikrostents können zum Beispiel eingesetzt werden bei der Behandlung des Glaukoms (Grüner Star), das bisher zwangsläufig zur Erblindung führte, bei der Behandlung von Belüftungsstörungen im Mittelohr oder als Schrittmacherelektrostimulation bei Herzschwäche. Der Einsatz von Stents in der Medizin ist nahezu unbegrenzt. Ein Weltmarkt, der Milliardenumsätze garantiert.

Mit ihrem Forschungsprogramm „REMEDIS - Höhere Lebensqualität durch neuartige Mikroimplantate“ spielt die Rostocker Medizintechnik weltweit in der Spitzenliga. 14 Millionen Euro wurden REMEDIS in diesem Jahr von der Bundesregierung für die nächsten fünf Jahre zur Verfügung gestellt. Weitere 1,4 Millionen Euro schießt das Land Mecklenburg-Vorpommern hinzu. Spitzenforschung und Innovation in Ostdeutschland – hier sind sie mit Händen zu greifen.Unter der Federführung der Rostocker Wissenschaftler arbeiten Forscher aus Aachen, Hannover, Greifswald, den Niederlanden und den USA bereits an der nächsten Generation dieser medizinischen Wunderwerke im XXS-Format. Mit sogenannten Drug-Eluting Stents, das heißt Stents, die in der Lage sind, Medikamente in exakt bestimmten Dosen an den Organismus abzugeben, wurde schon vor einiger Zeit Neuland betreten und medizinischen Therapien völlig neue Betätigungsfelder eröffnet. Denn nur so kann man die Wirkstoffe exakt dorthin bringen, wo sie im Körper auch benötigt werden. Jetzt ist die Forschung dabei, einen Stent zu entwickeln, der sich in körpereigene Substanz auflöst, wenn er seine medizinische Funktion erfüllt hat. Während ein konventioneller Stent als Fremdkörper im Organismus verbleibt oder operativ wieder entfernt werden muss, wird die neue Stent-Generation ihre Arbeit verrichten und danach einfach spurlos verschwinden. Die Vorteile liegen auf der Hand.

Um gegenüber den USA, die im Bereich Medizintechnik noch immer das Maß der Dinge sind, konkurrenzfähig zu sein, müssen wir Europäer Netzwerke entwickeln und viele Partner einbinden. Und genau das tun wir mit REMEDIS und mit dem bereits etablierten Netzwerk des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Transregio-Sonderforschungsbereiches 37 Hannover-Aachen-Rostock „Mikro- und Nanosysteme in der Medizin - Rekonstruktion biologischer Funktionen“ gemeinsam mit unseren Partnern in Deutschland, Europa und in Übersee. Solche Forschungsverbünde sind in der Lage, ganz neue Wege zu beschreiten. Zum Beispiel erhoffen wir uns von der Kombination mit Nanotechnologien für die jeweilige Implantatanwendung je nach Spezifik und Funktionalität, völlig neue Werkstoffe entwickeln zu können, die sich mit körpereigenen Geweben vertragen. Die Gefahr, dass der Organismus Implantate/Stents als Fremdkörper auffasst und damit den medizinischen Effekt zunichte macht, könnte so gebannt werden. Fortschritte auf diesem Gebiet sichern Alleinstellungsmerkmale gegenüber Wettbewerbern auf dem Weltmarkt.

Dass REMEDIS und der Transregio-SFB 37 an der Universität Rostock einen hohen Stellenwert genießen, wundert da nicht. Für die interdisziplinäre Kooperation im Department Life, Light & Matter sind beides Vorzeigeprojekte, die alles versprechen: wissenschaftliche Exzellenz, marktfähige Produkte und hohe Rentabilität. Einen Großteil dieses Versprechens haben Stentforschung und Stenttechnologie in Rostock schon eingelöst.

Mit der Firma CORTRONIK, einem Unternehmen der BIOTRONIK-Gruppe, zum Beispiel sind die Rostocker Forscher auf dem Weltmarkt erfolgreich. Sie liegt nur einen Steinwurf von den Laboratorien in Rostock-Warnemünde entfernt. Weltweite Vernetzung bei der Forschung und die Nähe von Wissenschaft und Praxis haben aus den kleinen Wunderwerken der Architektur ein Erfolgsmodell gemacht.

Professor Klaus-Peter Schmitz leitet das Institut für Biomedizinische Technik an der Universität Rostock. Professorin Katrin Sternberg leitet den Forschungsverbund REMEDIS.

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