Zeitung Heute : Wurzelbehandlung in Athens

Von Martin Kilian

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Von Martin Kilian

Psst! Ich habe mich aus dem Staub gemacht. Washington war mir mal wieder über, worauf ich der manchmal ätzenden Hauptstadt entfloh und zu meinen Wurzeln zurückkehrte. Jawohl, Wurzeln! Ab in den amerikanischen Süden flitzte ich, wo die Luft bereits nach Frühling duftet, die Menschen freundlich sind und die Viktualien herzhaft. Nanu? Das ist ja eine regelrechte Liebeserklärung! Nirgendwo in Amerika sind G.W. Bush und Jesus so populär wie im Süden, was der Region von Texas bis hinauf nach Virginia indes zu bekommen scheint.

Obwohl er schneller wächst und wirtschaftlich dynamischer ist als jeder andere Teil Amerikas, hat sich der Süden, das einstige Stiefkind der Nation, einen eigenen Charakter bewahrt. Schon entlang des Highways 95 hinunter nach Georgia wirken die Menschen netter, je größer der Abstand zu Washington wird. Ihre Sprache wird langsamer und melodischer, angenehm klingt der „Drawl“ der Südstaatler. Und die Kassiererinnen an Tankstellen und in Läden reden mich mit „Honey“ und „Sweetie“ an – ich, ein „Honey“ und ein „Sweetie“!

Die Rassenbeziehungen zwischen Schwarz und Weiß, diese historische Bürde des Südens, sind besser geworden; erstmals ziehen mehr Afroamerikaner zu als weg. Und kulinarische Traditionen florieren: Maisgrütze, prächtiges Barbecue, Krautsalat, panierte und frittierte Austern, schwarzes Soulfood.

Nichts wäre die Region aber ohne ihre Musik: Jazz, Bluegrass, Country, Gospel, Rock’n’Roll, Blues – allesamt Geschenke des Südens für die Welt. Spät nachmittags erreiche ich Athens im Bundesstaat Georgia, wo vor drei Jahrzehnten mein langer Aufenthalt in Amerika begann. Zurück zu den Wurzeln heißt zurück zur Musik; Athens trägt schließlich zu Recht den Beinamen „Liverpool des Südens“. R.E.M., die B-52’s, Widespread Panic, Love Tractor, Pylon, Vic Chesnutt und hunderte anderer Musiker und Bands hat die wunderbar lebendige Atmosphäre dieser Universitätsstadt geboren.

Nun lümmele ich nach 800 Kilometern Fahrt an der Broad Street, der breiten Straße gegenüber dem Campus der University of Georgia, und schaue den Menschenmengen zu. Der Abend ist warm, und Studenten und Touristen beginnen die vielen Clubs der Stadt zu füllen. Mich zieht es zum berühmten „40 Watt Club“, wo heute Abend die „Drive-By Truckers“ auftreten, eine phänomenale Südstaaten-Band aus Alabama. „Die halten nicht zurück“, sagte der geschäftstüchtige Mensch, der mir seine Eintrittskarte mit saftigem Aufschlag verkaufte. Eine kolossale Vorstellung liefert die Truppe, und unweigerlich kreisen ihre Texte um die ewigen Themen des Südens: Religion, Sünde, Erlösung, die düstere Vergangenheit der Region.

Anschließend entdröhne ich mir die Ohren in der City Bar, ein bisschen grauer und ein bisschen älter als der Rest der Klientel. Was mich hierher verschlagen habe, wollen meine jungen Nachbarn an der Bar wissen. Die Wurzeln, sage ich. Und schon darf ich loslegen, ein Pseudo-Griot mit Geschichten von damals, circa 1979, als die Pop-Szene in Athens geboren wurde. Die B-52’s? Aber klar, die spielten unbekannt und schlecht bezahlt in der Soundso-Lounge. R.E.M. formierte sich gerade, außerdem wummerte eine recht interessante Country Band, die Normaltown Flyers, jeden Mittwoch in einem desolaten Schuppen namens Allen’s.

Selbstverständlich war damals die Musik nobel und edel, wohingegen ja heute bekanntlich Kommerz und Ausverkauf regieren. Und überhaupt: Was habt ihr doch alles verpasst! Respektvoll lauscht die Jugend den Moritaten vom artistischen Urknall in Athens, als mir schlagartig klar wird, dass nicht nur meine Wurzeln alt sind. Ich bin es auch, zumindest in einem Kreis von 20-Jährigen. Opa erzählt von den Ursprüngen!

Donnerkeil, ich bin ein lebendes Stück Geschichte! Ein Augenzeuge! Oder etwa ein Fossil? Eine alte Wurzel? Himmel, so war das eigentlich nicht gedacht.

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