Zeitung Heute : Wurzeln des Übels

ULF MEYER

Experten debattieren über Hochhausplanung in BerlinDie Berliner Hochhausgeschichte ist überwiegend tragisch: Mit Ausnahme weniger Beispiele der frühen Moderne sind die Berliner Hochhäuser über Mediokrität nie hinausgekommen.An der Debatte vorbei sind seit der Wiedervereinigung zwar über ein Dutzend Hochhäuser gebaut worden oder im Bau - mehr als jemals zuvor in Berlin.Ein Expertengespräch im Deutschen Architektur Zentrum widmete sich den geplanten Hochhäusern rund um den Breitscheidplatz.Zwei Eier wurden dabei der City West ins Nest gelegt: das Zoofenster von Richard Rogers und das Victoriahaus von Helmut Jahn.Beide Gebäude sind etwas hilflose Exponenten einer Art Downtown-Aufrüstung.Offenbar will keiner die ungeliebten Häuser so recht haben.Der Senat, auf dem Podium vertreten durch Senatsbaudirektorin Barbara Jakubeit, hat deshalb die Flucht nach vorne angetreten und bei dem Architekten Christoph Mäckler eine Studie in Auftrag gegeben, die die bisherigen Planungsfehler durch "ergänzende Hochhäuser" relativieren soll.Mäcklers Plan schafft etwas Raffiniertes: Er sieht zwar Hochhäuser vor, wirkt aber dennoch konservativ.Nicht als Idealplan, sondern als Krisenmanagement versteht sich die Studie. Das beliebte Argument, Berlin brauche Hochhäuser, um im globalen Wettbewerb um Unternehmensansiedlungen bestehen zu können, ließ Monika Zimmermann, Chefredakteurin des Tagesspiegels, nicht gelten.Attraktiv - auch für Investoren - seien eben nicht gesichtslose und austauschbare Bürocontainer, vielmehr Städte mit starker Identität, zu der, wie im Falle Berlins, nicht zwangsläufig eine Vielzahl an Hochhäusern gehören müsse. Der Architekturtheoretiker Fritz Neumeyer beschrieb treffend zweierlei Nostalgie in Berlin.Eine, die nach dem Schloß ruft und Gebäude wie das Hotel Adlon entstehen läßt.Die andere, die sich um einer falschen Ausgewogenheit willen einem "Modernitätsstreß" unterzieht.Den Vorstoß von Florian Mausbach und Meinhard von Gerkan, auf dem Gelände der Bundesbaudirektion hinter dem Bahnhof Zoo einen ersten Super-Skyscraper in Berlin zu planen, hält Neumeyer für den Versuch mit einer pseudo-modernen Ikone neue Motive für das Postkartengewerbe zu schaffen. Tatsächlich entspringen Gebäude wie das Zoofenster einer architektonischen Auffassung, die vor 15 Jahren aktuell war.Mäcklers Plan ist der neueste Versuch, eine Sykline zu "planen".Zur Belebung der Debatte läßt er es sich nicht nehmen, die Werke von Kollegen wahlweise als "unwirtschaftlichen Architektenfurz" (Zoofenster), "Schrotthaufen" (Schimmelpfenghaus) oder "Hüttenkonglomerat" (Europa Center) zu denunzieren.Als Wurzel allen Übels der maßstabsprengenden Gebäude von Jahn und Rogers, zu denen er auch die neue Börse von Nicholas Grimshaw zählt, hat er die Tatsache ausgemacht, daß sie alle von "Ausländern aus heilen Städten" entworfen wurden, die von Berlin nichts verstünden.Vielleicht wäre das am Ende gar ein Trumpf.ULF MEYER

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