Zeitung Heute : X Coupé: Warum symmetrisch? - BMW-Design auf neuen Wegen

Ingo von Dahlern

Seine noch heute gültige Grundform mit tiefem Schwerpunkt, vier gleich großen Rädern, dem Motor vorn und dem Passagierraum zwischen den beiden Achsen erhielt das Auto vor genau 100 Jahren, als Karl Maybach den ersten Mercedes präsentierte und das Auto Abschied nahm von der Kutschenform der ersten Jahre. Anfangs kantig, dann immer rundlicher, erst mit Kotflügeln, seit den Fünfzigern in Pontonform, hat sich die äußere Gestalt im Lauf der Jahrzehnte beständig gewandelt. Neben die klassiche Limousine traten ganz neue Karosserieformen vom Kombi über verschiedene Formen von Großraumlimousinen bis hin zum hochbeinigen Off-Roader. Über deren äußere Gestalt sprachen neben den Technikern die Designer ein immer gewichtigeres Wort mit. Denn bei im Prinzip ähnlicher Technik unterm Blech unterscheiden sich die einzelnen Marken vor allem durch ihr unverwechselbares markentypisches Erscheinungsbild.

Trotz dieser Differenzierung durch die Designer nach Form und Auftritt gelten allerdings bis heute einige Grundregeln. Zu denen gehört, ausgenommen einige Minivans mit unterschiedlicher Türenzahl an beiden Seiten und ausgenommen die Auslegung als- Links- oder Rechtslenker, auch, dass Autokarosserien normalerweise symmetrisch sind. Aber es geht auch anders. Das zeigt BMW mit der Studie X Coupé, die derzeit in Detroit präsentiert wird. Denn die rechte Flanke und die linke Flanke dieses Fahrzeugs sind völlig verschieden. So gibt es auf der linken Seite die typische C-Säule, die sogar den für BMW so charakteristischen legendären Hofmeister-Knick zeigt. Doch rechts sieht das Auto ganz anders aus. Hier fehlt die C-Säule, geht die rechte Seitenscheibe nahtlos in die Heckscheibe über, die ebensowenig symmetrisch ist wie das Heck selbst.

Das hat neben dem linken Rücklicht eine einzige vertikale Fuge und - sieht man etwas genauer hin, zwei unterschiedliche Rücklichter - und wirkt trotzdem nicht unharmonisch. Ebenso wie ein menschliches Gesicht, das gerade dadurch lebt, dass seine beiden Hälften unterschiedlich sind. Oder auch ein perfekt sitzender Anzug, der mit den sich überlappenden Knopfleisten und den nur einseitigen Brusttaschen normalerweise asymmetrisch ist - im Unterschied zu den meist symmetrischen Uniformen.

Wie stark die Asymmetrien beim X Coupé sind, zeigt sich, wenn man die Heckklappe öffnet. Denn da hebt sich praktisch das gesamte hintere Karosserieviertel rechts und gibt den Zustieg zu den Fondsitzen ebenso frei wie den Zugang zum Laderaum. Überrascht stellt man fest, dass diese Form, die für klassisches Automobildesign eigentlich ein Tabu bricht, trotz dieser Provokation gefällt und überzeugt.

Das gilt gleichermaßen für den Innenraum des

X Coupés. Der ist so extrem fahrerorientiert, dass man statt von einem 2+2-Sitzer erstmals von einem

1+3-Sitzer sprechen muss. Der Fahrer sitzt, in einer eigenwilligen Mischung aus hoher und flacher Sitzposition, fast wie in einem eigenen Abteil, das durch eine ungewohnt hohe Mittelkonsole vom übrigen Innenraum abgetrennt wird. Seine Instrumente sind konsequent auf ihn hin orientiert und zum Teil so angeordnet, dass der Beifahrer sie nicht einsehen kann.

Noch mehr als die asymmetrische Raumaufteilung fallen allerdings die ungewöhnlichen Formen von Türinnenseiten, Armaturenbrett, Türgriffen, Hebeln und Schaltern auf. Denn die Krümmungen ihrer Oberflächen unterliegen einem ständigem Wechsel, sind hier noch konvex, um gleich danach konkav zu werden, und verändern ständig ihre Radien. Flame Surfacing nennt man bei BMW diese Formensprache, die für das Automobildesign einen ebenso neuen Trend setzt wie die Asymmetrie.

Gemeint sind mit Flame Surfacing Oberflächen, die optisch an die Formen energiereicher, kraftvoller Flammen erinnern, deren Gas unter hohem Druck ausströmt und verbrennt. Dabei ergeben sich eigenwillige Kombinationen von konvexen und konkaven Krümmungen, die nahtlos ineinander übergehen und dadurch eine ganz besondere Spannung erzeugen - wie schon die legendäre Coca-Cola-Flasche. Eine Spannung, die sich unverkennbar in der gesamten Karosserielinie des X Coupés manifestiert, die aus dem Wechsel der Krümmungen und ihrer Radien und den daraus sich ergebenden Lichteffekten lebt. Es ist verblüffend, wie viel Dynamik in dieser Karosserie steckt, die auf den ersten Blick voller Widersprüche zu stecken scheint, die trotzdem ein geschlossenes Gesamtbild ergeben.

Doch obwohl dieser BMW ganz anders ist als alle bisher entworfenen BMWs, erkennt man auf den ersten Blick, dass man einen BMW vor sich hat. Und das nicht nur aus der Frontperspektive, bei der die charakteristische Doppelniere - wenn auch aus gelochtem Aluminium - klar signalisiert, dass man es hier mit einem BMW zu tun hat, sondern auch beim Blick aufs Fahrzeug von hinten und in der Silhouette.

Auffallend beim X Coupé sind die großen 20-Zoll-Räder und die beachtliche Bodenfreiheit. Und wenn man unter die komplett aus Aluminium gefertigte Karosserie blickt, dann zeigt sich schnell, dass dieses Auto alles andere als ein übliches Sportcoupé für gut ausgebaute Straßen ist. Denn die Bodengruppe mit aller dazu gehörenden Technik stammt vom BMW X5 - einem Allradler also, der nicht nur auf der Straße, sondern auch im Gelände eine überzeugende Figur macht.

Wie ein hochwertiges Mountainbike ist dieses Auto ein sportliches High-Tech-Gerät auch und gerade für Fahrten abseits der Straße. Eine für die Automobilwelt auf den ersten Blick neuartige Kombination von Eigenschaften, die allerdings ganz so neu auch nicht ist. Denn wenn man an den derzeit in der Entwicklung befindlichen Porsche Cayenne und sein VW-Pendant denkt, denn entdeckt man hier eine ähnliche Idee, wenn auch in etwas anderer Form.

Das X Coupé ist eine fahrfertige Studie. Folglich hat sie auch einen kompletten Antriebsstrang. Aber ihre Kraft beziehen die vier Räder nicht etwa von einem kraftvollen Benziner, sondern von einem Dieselmotor. Das ist der bereits bewährte 3,0-Liter Sechszylinder mit Common-Rail-Hochdruckeinspritzung und einer Leistung von 135 kW (184 PS), der mit einer Fünfgang-Automatik mit Steptronic kombiniert ist. Mit ihm lassen sich Geschwindigkeiten jenseits von 200 km/h realisieren. Und dank eines auf 450 Nm erhöhten Drehmoments stehen auch für Fahrten in schwerem Gelände ausreichende Kraftreserven bereit. Zudem hat er für solche Fahrten die aus der X Familie bekannten elektronischen Fahrwerksregelsysteme wie ADB-X (automatische Differenzialsperre), DSC (Stabilitätssystem) und HDC (Bergabfahrhilfe).

Noch ein Blick in den Innenraum. Spannungsreich wie das Formenspiel ist auch die Kombination der hier verwendeten Materialien und Farben. Hier glänzendes Neopren im Kontrast zu weichem Nubuk-Leder, dort Bedienelemente aus massivem Aluminium, da ein heller Fahrzeughimmel eingerahmt von grünem Neopren, dort ein granitgrauer Bodenteppich.

Eine hochinteresante Studie, werden viele sagen, aber eben doch nur ein Spiel der Designer. Doch sieht man sich die aktuelle BMW-Designentwicklung genauer an, dann zeigt sich, dass hier nicht nur mit neuen Formen gespielt, sondern bereits sehr klar gezeigt wird, in welche Richtung das neue BMW-Design geht. Denn die nächsten Generationen der BMW-Personenwagen werden keine evolutionäre Designentwicklung mehr bringen wie bisher, sondern einen gewaltigen Sprung in ein neues BMW-Design wagen. Und einige wesentliche Elemente dieser neuen Formensprache findet man sowohl beim X Coupé als auch den schon bekannten Z9- Studien.

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