Zeitung Heute : "xs4all" nicht für "Radikal" verantwortlich

JÖRN HASSELMANN

Der Chef des holländischen Providers zu einem Treffen in BerlinVON JÖRN HASSELMANN

Felipe Rodriguez kam - die Polizei aber nicht.Manch einer hatte spekuliert, ob die deutschen Strafverfolger sich den Manager des kürzlich in die Schlagzeilen geratenen holländischen Providers "xs4all" vorknöpfen würden.Denn xs4all steht für "access for all" - also Zugang für alle - und genau das sieht die Bundesanwaltschaft ganz anders.Wie berichtet, mußten auf Druck der Behörde im September 1996 mehrere deutsche Provider ihren Zugang zu xs4all kappen, weil die linksextremistische und in Deutschland verbotene Zeitschrift "radikal" dort zu lesen war.Felipe Rodriguez blieb bei seinem Besuch in Berlin unbehelligt - und plädierte bei einem internen Treffen mit deutschen Internet-Providern und Fachleuten für mehr Toleranz im weltweiten Netz.Denn kontrollieren lasse sich das World Wide Web nun einmal nicht. Rodriguez betonte, daß xs4all als Provider nicht für die "radikal" verantwortlich zu machen sei.Zudem sei das Kappen des xs4all-Zugangs untauglich, da durch die öffentliche Aufregung die inkriminierte Seite vielfach "gespiegelt", also vervielfältigt worden sei.Seitdem ist die radikal viel schneller im Netz zu finden.Ganz Pfiffige unter den Experten machten auf dem Treffen deshalb den nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag, doch die Bundesanwaltschaft wegen Förderung einer terroristischen Vereinigung anzuzeigen.Schon ernster war die Idee, eine Art Notfallkasse einzurichten, um einen möglichen Prozeß gegen einen kleinen Provider gelassener erwarten zu können.Dies ließ sich auf die Schnelle an diesem Abend jedoch nicht organisieren.Die kurzzeitige Sperre von "xs4all" wegen der Radikal-Seite hat gerade die kleineren Internet Service Provider (in Deutschland) nervös gemacht.Am Montag abend trafen sich Vertreter mehrerer Provider deshalb mit Fachleuten zu einem Informationsgespräch."Stargast" war Felipe Rodriguez, Gründer, Macher und Manager von xs4all.Jörn Hasselmann sprach am Rande des Treffens mit ihm. TAGESSPIEGEL : Wer ist verantwortlich für den Schmutz im Internet, also Nazipropaganda oder Kinderpornografie? RODRIGUEZ : Die Urheber. TAGESSPIEGEL : Nur die, also nicht die Provider? RODRIGUEZ : Ja. TAGESSPIEGEL : Was kann denn gegen verbotene Inhalte im Netz getan werden? RODRIGUEZ : Im Netz selbst gar nichts.Außerhalb auch nur wenig, weil vieles nur in einzelnen Ländern verfolgt wird.Bei Nazipropaganda sind zum Beispiel die Amerikaner sehr tolerant, bei Sex die Schweden.Und die Radikal ist in Holland frei am Kiosk zu kaufen.Anders sieht es bei Kinderpornografie aus.Die ist weltweit illegal.Wenn zum Beispiel die deutsche Bundesanwaltschaft im Internet Kinderpornografie aus den USA entdeckt, könnte sie sich direkt an die Amerikaner wenden.Eine solche weltweite Übereinkunft wäre noch in einem zweiten Bereich vorstellbar: beim Urheberrecht.Für den Rest brauchen wir einen Konsens. TAGESSPIEGEL : Sie haben eine Hotline gegen Kinderpornografie geschaltet.Wozu? RODRIGUEZ : Alle können uns anrufen, wenn sie auf einer bestimmten Web-Seite etwas entdecken.Wir wenden uns dann an den Anbieter und warnen ihn, daß Kinderpornos im Netz mit vier Jahren Haft bedroht sind.Wenn er die Inhalte dann nicht löscht, melden wir ihn der Polizei. TAGESSPIEGEL : Funktioniert das?RODRIGUEZ: Ja.Bislang hatten wir 12 Fälle.Sechsdavon betrafen Kinderpornografie, diese Anbieter haben auf unseren Hinweis ihre Seiten zurückgezogen.Die anderen sechs Fälle waren meist normale Pornografie, da haben wir nichts unternommen. TAGESSPIEGEL: Was halten Sie von der deutschen Internet Content Task Force? RODRIGUEZ: Ich weiß nicht so recht.Die haben bis jetzt nicht sehr professionell gearbeitet.Das ist kein Modell für die Zukunft.Vielleicht wollen sie nur zeigen, daß Zensur im Internet nicht möglich ist. TAGESSPIEGEL : Und was ist mit der englischen Variante, dem Safety Net?RODRIGUEZ: Vieles davon ist sehr gefährlich.Die gehen sehr weit und wollen die Anbieter stark kontrollieren.Das wird nicht funktionieren, da sie zu wenig über internationale Aspekte nachdenken. TAGESSPIEGEL : Wenn nur eine internationale Gemeinschaft wirksam gegen Kinderpornografie vorgehen kann, wer organisiert diese denn? Die Vereinten Nationen? RODRIGUEZ: Zunächst wird sich Europa, die USA und dann wohl Asien organisieren.Später wird es eine globale Übereinkunft geben, vielleicht unter der UN. TAGESSPIEGEL : Das World Wide Web scheint also resistent gegen Zensur? RODRIGUEZ : Ja. TAGESSPIEGEL : Die Technologie entwickelt sich rasant.Gilt das auch in fünf Jahren noch? RODRIGUEZ : Das weiß ich nicht.

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