Zeitung Heute : Young blue eye

SUSANNA NIEDER

Unverkrampft: Begegnung mit Michael Winterbottom, Regisseur von "I want you"VON SUSANNA NIEDERMichael Winterbottom ist ein Regisseur, dessen Bilder sich überlebensgroß ins Gedächtnis einprägen.Das war in der gewalttätigen Liebesgeschichte "Butterfly Kiss", die vor drei Jahren im Wettbewerb der Berlinale lief, nicht anders als in der Verfilmung von Thomas Hardys "Jude The Obscure" (die in Deutschland unter dem unmotiviert schmonzigen Titel "Herzen in Aufruhr" nicht besonders erfolgreich war) und jetzt wieder in "I Want You", Winterbottoms diesjährigem Wettbewerbsbeitrag.Jeder dieser drei Filme hinterläßt einen so starken Eindruck, daß man das Kino verläßt wie geohrfeigt.Winterbottom gehört zu den Regisseuren, die Gefühlsregungen so minimalistisch anlegen können, daß man schon zusammenfährt, wenn jemand gegen die Tür einer Telefonzelle hämmert - eben so wie im richtigen Leben. Bei diesen Vorgaben erwartet man automatisch einen Hünen von ähnlichem Format wie seine Bilder.Den Raum betritt stattdessen ein zierlicher Mann, der jünger aussieht, als er ohnehin ist.Winterbottom wurde 1961 im nordenglischen Lancashire geboren.Er hat den Akzent und das verbindliche Auftreten der gebildeten englischen Mittelklasse, ein offenes Gesicht und eine unverkrampfte Körpersprache; das Gesagte unterstreicht er mit klaren, mühelosen Gesten.Kommunikation ist offensichtlich eine seiner Stärken, er spricht schnell und animiert und geht auf jede Bemerkung mit derselben Ernsthaftigkeit ein. Die Frage, woher dieser freundliche junge Mann den Biß für Filme mit einer derartigen Strahlkraft nimmt, erübrigt sich in dem Moment, in dem Winterbottom den Blick auf die fragende Person richtet: dunkelblau, unverwandt und von einer Konzentration, die für den Moment alles andere ausblendet. Seine Beziehung zum Kino fing mit 14 Jahren im Filmclub seiner Heimatstadt Blackburn an."Faßbinder zum Beispiel - dessen Filme hatten eine ganz andere Verbindung zum Leben als das, was in den kommerziellen Kinos gezeigt wurde.Man konnte fast sehen, wie sie gemacht worden waren." Wobei Winterbottom sich gerade mit der engen Beziehung von Mitwirkenden und Produkt im Autorenkino überhaupt nicht identifiziert. "In einem Film ist die Arbeit von Schauspielern und Regisseur zu sehen, nicht sie selber.Das wird oft verwechselt." Daß sich in seinen Filmen Motive wiederholen, daß er beispielsweise Liebe und Gewalt Kehrseiten einer Medaille bilden läßt und oft eine düstere Atmosphäre schafft, ist ihm nicht unbedingt bewußt.Ihm kommt es bei einer Liebesgeschichte darauf an, daß sie interessant ist.Und das ist sie natürlich nur, wenn es Komplikationen gibt, ob gewalttätiger oder anderer Art. Den Genres nach betrachtet, hat Michael Winterbottoms bisherige Arbeit tatsächlich eine große Bandbreite: "Butterfly Kiss" ist ein Roadmovie, "Jude" eine Literaturverfilmung, "Welcome To Sarajevo", der demnächst anläuft, hat einen politischen Hintergrund.Seine Vorhaben wählt er nach Drehbüchern aus, und meistens reagiert er auf das vorhergehende Projekt, indem er das nächstemal etwas ganz anderes anpackt. In "I Want You" ist die Geschichte weniger wichtig als die Atmosphäre."Es ging uns nicht in erster Linie um den Plot.Das Ganze soll wirken wie ein Lied mit Echos, Refrains und Raum für die eigenen Assoziationen der Zuschauer." Beabsichtigt war ein Film, der mehrere mögliche Bedeutungen hat, sich aber auf keine festlegt, der Motive aufgreift wie das Leben im Exil - ob das nun heißt, daß jemand aus Ex-Jugoslawien kommt, acht Jahre im Knast verbracht hat oder von zu Hause ausgezogen ist. Es spricht für Winterbottoms Souveränität, daß genau diese Absicht im Zuschauerraum ankommt und man sich über den Sinn des Films fast so wenig Gedanken macht wie über den eines Popsongs - wie beispielsweise "I Want You" von Elvis Costello, eines seiner Leitmotive. Und das nächste Projekt? Eine Geschichte, die während des Goldrauschs Mitte des letzten Jahrhunderts in Amerika spielt.Ein Mann verkauft Frau und Kind, zwanzig Jahre später trifft man sich wieder.Eine Liebesgeschichte, bei der Liebe und Gewalt die Kehrseiten einer Medaille bilden? Kann schon sein...

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