Zeitung Heute : Zähnefletschende Geduld

Manchmal flüsterte er sogar, und seine Stimme klang besorgt. George W. Bush trat auf als Anwalt der Armen, der Umwelt, der Aidskranken. Als er dann zum Thema Krieg kam, wussten alle: Hier redet ein aufrechter Mann. Umso besser konnte der Präsident nun sein zweites Gesicht zeigen.

Malte Lehming[Washington.]

Von Malte Lehming,

Washington.

Nanu? Ist er das wirklich? Eindringlich schildert der Mann da vorne am Rednerpult das Leiden von Kindern, deren Eltern im Gefängnis sitzen. Ihre Einsamkeit, ihre Tränen, die sie vergießen, wenn sich nach einem Besuch hinter ihnen wieder die Tore schließen. Diesen Kindern muss geholfen werden, durch Patenschaften. Das ist dem Staat 450 Millionen Dollar wert. Dann redet der Mann, kaum weniger emphatisch, über die Umweltverschmutzung. Um 70 Prozent, das ist nicht wenig, soll sich der Ausstoß giftiger Gase von Kraftwerken reduzieren. Außerdem werden 1,2 Milliarden Dollar in die Forschung gesteckt, damit bald alle Autos mit sauberem Wasserstoff fahren können. Wer ist dieser Mann? Ein Öko-Träumer, ein Gutmensch?

Der Kongress steht

Natürlich wendet er sich auch, das ist sein nächster Punkt, gegen alle Formen des menschlichen Klonens. Er fordert ein sicheres Israel neben einem demokratischen Palästina. „Diese Welt muss besser werden“, ruft er aus. In vielen Ländern Afrikas seien mehr als ein Drittel der Bevölkerung an Aids erkrankt. Oben auf der Tribüne, neben der Ehefrau des Redners, sitzt Peter Mugyenyi aus Uganda. Er ist der Ehrengast des Abends. Als Direktor einer Aidsklinik hat er Pionierarbeit geleistet. Er hört, wie der Redner satte 15 Milliarden Dollar verspricht, um die Aidsepidemie einzudämmen, um diese „Geißel der Menschheit“ zu bekämpfen. Das geht ans Herz.

Der Redner heißt George W. Bush, er ist der 43. US-Präsident, und er hält gerade seine Rede an die amerikanische Nation. Eine Stunde dauert sie. Bush gibt sich ernsthaft, an manchen Stellen flüstert er, dann wieder hebt sich seine Stimme, klingt abwechselnd besorgt, entschlossen, moralisch, resolut. Die Wortwahl ist einfach, die Sätze sind kurz. Es sind schöne darunter. „Die Freiheit, die wir preisen, ist nicht Amerikas Geschenk an die Welt, sondern Gottes Geschenk an die Menschheit.“ Oder, an das irakische Volk gerichtet: „Euer Feind hat euer Land nicht umstellt, euer Feind regiert euer Land.“ Nach solchen Sätzen brandet Applaus auf, dutzende Male stehen die Abgeordneten aus beiden Häusern des Kongresses auf.

Ein Stuhl auf der Ehrentribüne bleibt leer. Die Geste soll an die Opfer des 11.September erinnern. Die Sicherheitsvorkehrungen rund um das Kapitol sind noch schärfer als vor einem Jahr. Den Journalisten wird, wie im Flugzeug, vor Beginn der Bush-Rede ein Film gezeigt, in dem sie über Fluchtwege informiert werden und darüber, wo sie im Falle einer biochemischen Attacke Gasmasken finden. Für den Fall der Fälle wurde Justizminister John Ashcroft an einen geheimen Ort gebracht. Falls an diesem Abend eine Bombe aufs Kapitol fällt, wäre er automatisch Präsident. Nicht jeder findet diese Vorstellung beruhigend.

Um Punkt 21 Uhr – „Ladies and Gentlemen, the President of the United States“, ruft der Saaldiener – kommt Bush. Irgendwie verströmt er eine neue Form von Selbstbewusstsein, die nicht so aufreizend ist wie früher. Der Mann ist gereift. Immer öfter wird er, in einer Mischung aus Verwunderung und Respekt, der Teflon-Präsident genannt. Nichts bleibt haften an ihm. Trotz Enron-Skandal, möglichem Irak-Krieg, mieser Wirtschaftslage: Bei den Kongresswahlen im November hat seine Partei triumphiert. Dann kam der Dezember. Wieder sah es schlecht aus für Bush. Sein inkompetentes Wirtschaftsteam musste er auswechseln. Der Konflikt mit Nordkorea überlagerte plötzlich die Irak-Politik. Der Senatsführer der Republikaner musste wegen rassistischer Bemerkungen zurücktreten. Schlappe reihte sich an Schlappe. Derweil drifteten Außenminister Colin Powell und Vizepräsident Dick Cheney in der Irak-Frage immer weiter auseinander.

Und Bush? Vollkommen unbeeindruckt. Seine Umfragewerte sind, obwohl sinkend, hoch. Ein ernst zu nehmender Rivale hat sich unter den oppositionellen Demokraten bislang nicht herausgeschält. Jeder ausgestandene interne Regierungszwist scheint seinem Image sogar zu nützen. Hieß es nicht einst, er sei bloß ein Vatersöhnchen, ein Leichtgewicht, eine Marionette? Seht her, kontert Bush, ich setze mich gegen Cheney ebenso durch wie gegen Powell, habe Rumsfeld nicht minder im Griff als jedes andere Polit-Schwergewicht in meinem Kabinett und auf der Welt. In der Tat: Hat er nicht letztlich alles erreicht? Ein gigantisches Steuersenkungspaket wurde verabschiedet, der Afghanistan-Krieg war, mit allem Vorbehalt, ein Erfolg, der Kongress hat ihm eine umfassende Vollmacht für einen Krieg gegen den Irak erteilt, der UN-Sicherheitsrat verabschiedete einstimmig eine scharfe Resolution. Dabei ist die Strategie von Bush recht einfach: Wenn du etwas bewegen willst, musst du erst poltern und die Waffen zeigen, dann kannst du am Ende einem Kompromiss zustimmen, der das enthält, was du ursprünglich wolltest.

Deshalb gibt es den doppelten, den janusköpfigen Bush. Es gibt den moralisierenden Missionar, der die „Achse des Bösen“ brandmarkt, mit Alleingängen droht und Präventivschläge ankündigt. Und es gibt den Pragmatiker, der, wie im Fall Afghanistan, kühl und sorgfältig seine Schritte plant, und der sich, wie in der Irak-Frage, an die Uno wendet und wochenlang um den Text einer Resolution feilscht.

In seiner Rede an die Nation zeigte Bush äußerst raffiniert beide Seiten seiner Persönlichkeit. Sein ausgedehntes Präludium – er als Anwalt der Armen, der Umwelt, der Aidskranken – sollte jeden Zweifel an ihm zerstreuen. Als er dann zu seinem eigentlichen Thema, dem Irak, kam, war im Zuhörer das Gefühl gereift, hier rede ein aufrechter Mann, den nur lautere Motive leiten. Unterstützt wurde dieses Gefühl durch die nahtlose Aneinanderreihung der moralischen Diskurse. Die Gräueltaten Saddam Husseins schilderte Bush en détail. Kinder würden vor ihren Eltern gefoltert, er sprach über Elektroschocks und Säureverätzungen. Das kommt in einer Rede an die Nation nicht oft vor.

78 Prozent für Krieg

Allerdings hielt sich der Pragmatiker Bush dann einige Hintertürchen offen. Das Präsentieren von Beweisen, die den Irak des Betruges überführen, überließ er Powell, der sich damit in der kommenden Woche an den Sicherheitsrat wendet. Zu einer Frist, einem Ultimatum gar, rang sich Bush ebenfalls nicht durch. Kein Zweifel: Am liebsten hätte er für einen Feldzug das ausdrückliche Mandat der Uno und eine möglichst große Allianz. Er verfolgt dieses Ziel, solange er glaubt, es durch diese ihm eigentümliche Mischung aus Zähnefletschen, Geduld und Hartnäckigkeit erreichen zu können.

Ist ein Irak-Krieg seit der Rede wahrscheinlicher geworden? Noch in der Nacht befürworteten in einer Blitzumfrage statt vorher 66 Prozent 78 Prozent der Amerikaner einen Waffengang. Kommentatoren witterten den „Beginn des Endspiels“, registrierten ein „Überschreiten des Rubikon“. Der Präsident habe keinen Zweifel mehr daran gelassen, was auf die Amerikaner zukomme, hieß es auf CNN. Rein theoretisch hat Saddam noch eine letzte Chance. Er kann kooperieren und sämtliche Fragen beantworten, die ihm die US-Regierung und der UN-Sicherheitsrat stellen. Doch diese Chance währt nicht mehr lange. Das hat Bush überdeutlich gemacht. In atemberaubendem Tempo verstreicht eine Frist, die bislang niemand gesetzt hat.

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