Zeitung Heute : Zahmer Osten, Wilder Westen

Der Tagesspiegel

Von Ursula Weidenfeld

Die ersten Warnstreiks in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie von gestern haben das Land nicht gerade erschüttert. Sie zeigen nur, dass es jetzt ernst wird. Die Tarifrunde läuft langsam heiß. Die Warnstreiks dienen der IG Metall dazu, die Aufmerksamkeit der eigenen Leute zu schärfen. Gewerkschaftsmitglieder werden auf einen möglichen Arbeitskampf vorbereitet, Nichtgewerkschaftsmitglieder mit dem Versprechen für die Organisation geworben, dass auch sie im Falle eines Streiks Geld aus dem Arbeitnehmertopf bekommen können.

Die Warnstreiks in Ostdeutschland sind eine Vorbereitung auf die Warnstreiks in Westdeutschland, die unmittelbar vor Ostern beginnen. Und die Warnstreiks in Westdeutschland sind dann wieder die Vorbereitung für die heiße Phase der Tarifpolitik und den wirklichen Streik, wenn sich die Tarifparteien nicht einig werden. Voraussichtlich in den ersten Tagen nach Ostern werden die Weichen für die Entscheidung gestellt. Erst dann wird klar, in welchem Tarifbezirk die Gewerkschaft einen Abschluss sucht, erst dann wird deutlich, wie stark die Arbeitgeber in diese Tarifrunde gehen.

Ist das Land tatsächlich streikbereit? Sind die Arbeitnehmer so enttäuscht von den vergangenen Lohnrunden, dass sie es diesmal um jeden Preis wissen wollen? Gehen sie für die Frage, ob am Ende ein Minus oder ein Plus hinter der drei steht, das Risiko eines Arbeitsplatzverlustes ein?

Der Ärger der Arbeitnehmer scheint sich in diesen Tagen mehr gegen die Regierung als gegen die Arbeitgeber zu richten. Ihre Unzufriedenheit zielt auf den Kanzler, der ihnen ein Konjunkturprogramm verweigerte. Auf den Finanzminister, der sich gegen kostspielige Rettungsaktionen für Traditionsfirmen sperrt. Auf den Arbeitsminister, der nun endlich die Reform der Arbeitsverwaltung anpacken will. Dagegen aber steht die Angst vieler Arbeitnehmer. Sie bezieht sich sehr konkret an den eigenen Betrieb. Auf den eigenen Arbeitsplatz.

Es ist kein Wunder, dass die Beschäftigten trotz der Warnstreiks einen ziemlich friedfertigen Eindruck machen. Das wird erst anders, wenn von der kommenden Woche an die Arbeitnehmer im Südwesten, die Porsche- und Mercedesarbeiter, ins Geschehen eingreifen. Ihre Unternehmen haben auch in der Krise ziemlich gut verdient. Und sie sind nicht bereit, bis zur Bundestagswahl zu warten, um ihrem Ärger Luft zu machen. Das weiß die IG Metall, das wissen auch die Arbeitgeber. Ob gestreikt wird oder nicht, entscheidet sich in Baden-Württemberg. Und nicht in Sachsen oder Brandenburg.

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