Zeitung Heute : Zauber paart sich mit eisernem Willen

NANTES .Brasil, o Brasil.Die "selecao" hat die Weltmeisterschaft endgültig verzaubert.Nicht allein mit fußballerischer Samba, sondern vor allem mit eisernem Willen spielte sich der Titelverteidiger aus Südamerika zum neunten Mal in ein Halbfinale und in die Herzen der Fans."Ich habe schrecklich gelitten.Jetzt bin ich überglücklich und einfach nur noch müde", meinte Trainer Mario Zagallo nach dem 3:2-Erfolg im denkwürdigen Viertelfinale von Nantes über den fast ebenbürtigen Ex-Europameister Dänemark.

Zagallo mußte am Spielfeldrand aufgebracht und zugleich machtlos miterleben, wie der Favorit wankte.In seiner grenzenlosen Erleichterung griff der um Jahre gealtert wirkende Zagallo sofort nach dem Abpfiff zum Telefon, um Frau und Kinder an seiner Freude teilhaben zu lassen.Nach einem Gipfeltreffen, das eines Finals würdig gewesen wäre."Die Dänen hätten jederzeit ein drittes Tor schießen können, dann wäre das Spiel zur Hölle geworden", gestand Zagallo nach den 90 Minuten voller Rasse und Klasse, Spannung und Dramatik pur.

Eine Halbzeit lang lief der Ball bei den Brasilianern um Dunga, Rivaldo, Leonardo im Angriff wie in Trance.In der Abwehr offenbarte der viermalige Weltmeister aber sehr große Löcher, die die Dänen wie zu besten Zeiten des "danish dynamite" von 1986 bis 1992 und Toren von Martin Jörgensen (2.) und Brian Laudrup (50.) eiskalt nutzten."Ich habe meine Spieler davor gewarnt, aber es hat nichts genutzt", sagte Zagallo.Erst als der Kopfball von Marc Rieper in der vorletzten Minute an die Latte klatschte, war ein fantastisches dänisches Team endgültig geschlagen.

"Es war ein ungeheures Erlebnis, selbst wenn wir verloren haben", war sich Dänemarks Trainer Bo Johansson bewußt, eine Sternstunde erlebt zu haben.Selbstbewußt, geradlinig und schnörkellos trug der Nigeria-Bezwinger einen Fußball vor, der sich hinter dem brasilianischen Zauber nicht zu verstecken brauchte.Kapitän Michael Laudrup bewies als Kopf der Elf, welchen Verlust sein angekündigter Rücktritt nun sein wird."Es ist einfach schade, daß ein Mann wie Michael aufhört", meinte sein schwedischer Coach, der auf dem Wege zu den Interviews von Zagallo tröstend in den Arm genommen wurde."Es ist einfach toll für Michael, daß er auf diese großartige Weise aufhören kann", sagte Bruder Brian.In Kopenhagen wurde trotz der Niederlage gefeiert: 130 000 Menschen kamen auf Straßen und Plätzen zusammen.

Den hauchdünnen Unterschied zugunsten der "Grün-Gelben" machten am Freitag abend zwei andere Weltklasse-Fußballer aus.Bei Carlos Dunga liefen alle Fäden des brasilianischen Teams zusammen.Der 25 Jahre alte Rivaldo vom FC Barcelona übernahm neben Bebeto (11.) die Rolle des Vollstreckers (27./60.)."Ich fühle mich wegen dieser beiden Tore nicht als Star.Ich widme diesen Sieg der gesamten Mannschaft", erklärte Rivaldo bescheiden, der einmal von Ronaldo mit einem Traumpaß auf die Reise geschickt wurde und dann mit einem Solo die Entscheidung herbeiführte.

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