Zehn Jahre nach dem ICE-Unglück : Die Wunden von Eschede

Miriam Arndts

Die Kirschbäume mit ihren hellgrünen Blättern wirken freundlich. Manche tragen noch zarte Blüten. Die Stimmung unter ihrem Blätterdach jedoch ist bedrückend. Menschen weinen, umarmen sich und legen Blumen nieder. Sie gedenken der Menschen, die bei dem schwersten Zugunglück Deutschlands vor zehn Jahren getöteten wurden. Am 3. Juni 1998 um 10 Uhr 59 entgleiste hier, nahe dem niedersächsischen Eschede, der ICE 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“ wegen eines defekten Rades und raste gegen eine Brücke, die auf einen Teil des Zuges stürzte. Die folgenden Wagen wurden, einer Ziehharmonika gleich, zusammengedrückt. 101 Menschen kamen ums Leben, mehr als hundert wurden schwer verletzt.

Für jeden Getöteten wurde neben den Schienen ein Kirschbaum gepflanzt. Eine Treppe führt nach oben durch ein Steintor auf die Straße. „Das Unglück hat die menschliche Zerbrechlichkeit, Vergänglichkeit und Unzulänglichkeit gezeigt“, ist auf einer Torseite zu lesen. „Beispielhaft und aufopfernd haben Retter, Helfer und Bürger dieses Ortes selbstlos eine schwere Aufgabe angenommen, haben geholfen und getröstet. Durch ihren Einsatz ist Eschede auch ein Ort der Solidarität und gelebter Mitmenschlichkeit geworden.“ Auf der anderen Straßenseite steht der Beginn einer Treppe. Sie soll in das Unendliche, hoch zu den Verstorbenen führen.

Man wisse heute, dass man den Zug nicht auf den Weg hätte schicken dürfen, sagt der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff in seiner Rede. Heinrich Löwen, Mitbegründer der „Selbsthilfe Eschede“, findet härtere Worte. Er selbst hat Frau und Tochter bei dem Unglück verloren. „101 Menschen sind grob fahrlässig in den Tod gefahren worden“, sagt er mit fester Stimme, während unter der Brücke ein Güterzug durchfährt. Dann wird Löwen noch eindringlicher: „Der ICE-Unfall von Eschede war ein Ergebnis von Fehlleistungen und Schlampereien bei der Bahn. Niemand bat um Verzeihung oder gab Fehler zu.“ Die Einstellung des Verfahrens im Jahre 2003 gegen drei Ingenieure der Bahn habe vielen den Weg zum inneren Frieden beschwert, beklagt Löwen.

Als er und eine weitere Hinterbliebene die Liste mit Namen und Alter der Toten langsam vorlesen, wird der Schmerz der Anwesenden fast greifbar. Die Liste scheint unendlich lang. Immer wieder ist Schluchzen zu hören. Eine Frau befand sich auf Hochzeitsreise, als sie bei dem Unfall starb. Zwei Kinder wurden zusammen mit ihrer Mutter und Großmutter getötet. Ganze Familien wurden ausgelöscht. Auch die Helfer von damals können die Bilder des 3. Juni 1998 nicht aus ihrem Gedächtnis verbannen, das ist den Feuerwehrleuten und Sanitätern anzusehen. In Eschede hat die Zeit die Wunden nicht geheilt. Miriam Arndts

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