Zeitung Heute : Zeichen bewussten Lebens

Amy Sillman spielt virtuos mit den unterschiedlichen Stilen der Malerei

Claudia Schmuckli

Für Amy Sillman ist die Malerei mehr als ein bloßes Medium; sie ist eine Verfassung. Da die Malerei Zweifeln und Skepsis hinsichtlich der Gültigkeit ihrer Unternehmung ausgesetzt ist, muss ihr Stellenwert vom Künstler unablässig überdacht und neu definiert werden. Sillman gehört einer Generation von bildenden Künstlern an, deren Schaffen sich zu einer Zeit entfaltete, als die Malerei ihre größte Krise durchlebte; gegen den Widerstand und den Spott einer Kunstwelt, die von allem Möglichen, nur nicht der Malerei gefesselt war, reklamierten sie das Medium für sich. Ohne Rückgriff auf konzeptuelle Einklammerung, Vermittlungsleistungen der Fotografie oder ironische Distanz, bahnten sie einer neuen Generation junger Maler den Weg, deren Arbeit heute wieder anerkannt wird und die sehr erfolgreich sind.

Die seltene Qualität von Sillmans Arbeiten rührt daher, dass sie sich ganz offen und stolz auf unzählige Typen und Stile der Malerei berufen: Historisches oder Zeitgenössisches, westliche oder östliche Kunst, high und low art, all das verschmelzt Sillman ganz frei und zuversichtlich zu einer neuen Bildsprache, die unbestreitbar zeitgenössisch und persönlich ist. Anders als die meisten ihrer gleichaltrigen Kollegen bekundet Sillman unbefangen ihre Liebe für das Projekt, die Flugbahn der Moderne, das heißt für die Bewegung der Form hin zur Abstraktion ebenso wie für den emotionalen Sog jener irrationalen Manifestationen des Unbewussten, die die junge Wissenschaft der Psychoanalyse aufgedeckt hat. Sillman vergleicht ihr Vorgehen gern mit einer Spielart der Psychoanalyse, die den freien, assoziativen Gedankenfluss an analytischer Kritik misst. Diese Metapher eignet sich gut zur Beschreibung einer Praxis, die sowohl auf Intuition als auch auf Kritik setzt und die darauf insistiert, jede Entscheidung in einer Weise zu hinterfragen, dass die Korrektur einer einzigen Geste möglicherweise alles verdunkelt, was vor dem Punkt der Auslöschung da war. In ihrer Praxis ist sie Patient und Arzt zugleich. Folglich handelt eines der mächtigsten Narrative, die Sillmans Bilder bergen, von ihrer eigenen Entstehung. Die Figuren und Formen erscheinen immer als in unterschiedlichen Zuständen des Werdens und Veränderns begriffen, die das Vorübergehende und Zerbrechlichkeit thematisieren. Sie erzählen Geschichten, die ebenso fragmentarisch wie vorläufig sind und eher Momente des Hervortretens oder der Annäherung markieren als einen Abschluss.

Inspiriert durch Philip Guston, der für sie eine geistige Leitfigur war, arbeitet Sillman genau in der Lücke zwischen Repräsentation und Abstraktion und birgt die Reichtümer einer philosophischen Kluft, die mittlerweile längst überwunden ist. Ihre Zusammenführung einer ganzen Phalanx von Genres und Stilen war all die Jahre von dem Wunsch getragen, „bewusstes Leben“ so einzufangen, „als ob es von den Organen und Geweben des eigenen Körperinneren gelebt werde“, und damit einem Phänomen Form zu verleihen, das sowohl physisch als auch psychisch ist.

„Ich möchte das Zweifeln als Thema formulieren“, sagt Sillman. „Das ist das Großartige an der Malerei – man kann das Zögerliche und die Ungewissheit förmlich sehen. Malen heißt performativ festzuhalten, was passiert, wenn man nicht weiß, wohin man geht.“ Sillman arbeitet intuitiv, ihr Verfahren besteht aus einer langsamen Abfolge von Aktionen und Reaktionen, die sorgfältig abgewogen und untersucht, bestätigt oder verworfen werden, bis sie zu einem Ergebnis kommt, das einer erneuten Infragestellung standhält. Indem sie ihr eigenes Zweifeln malt, hat sie die Dekonstruktion in Gestalt eines Ent-Malens – beziehungsweise einer „konstruktiven Ausradierung“ wie die Kunsthistorikerin und Kritikerin Linda Norden es einmal treffend nannte – ebenso zum Teil ihres Vorgehens gemacht wie deren positives Pendant.

Die Ungelenkigkeit, die man Sillmans Kompositionen oft attestiert, geht aus einer gegenläufigen Dynamik hervor, die auf jeder ihrer Leinwände am Werke ist: Dadurch dass sie einander entgegenstehende Malstrategien einsetzt, erscheinen ihre Bilder, wie sie einst selbst sagte, „ein bisschen falsch oder verquer, wie unterschiedliche Spielarten von Dingen zu ein und demselben Zeitpunkt“. Ihr zufolge ist jedes Bild „der Versuch, gegensätzliche Kräfte zusammenkommen zu lassen“, um „die Dialektik zwischen Innen und Außen darzustellen und die Vorstellungen von Empfinden und Denken und Erinnern und Wissen in einen Topf zu werfen – also wirklich da sein oder komplett abwesend“.

Auch wenn sie ihr Vorhaben als ein Ringen darum formuliert, etwas so Ungreifbares wie Bewusstsein sichtbar zu machen, ist es dennoch eine Bemühung, die sie mit bewundernswerter Leichtigkeit und einer gesunden Dosis Humor vollführt, basierend auf und in Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Dasein. Als „romantische modern-postmoderne ästhetische Sensualistin“, als die sie sich selbst bezeichnet, ist Sillman jemand, der stets Kunst und Leben aufeinander bezieht. Sie malt ganz wie sie lebt: Motiviert von Leidenschaft und Begehren ist sie voller Zweifel, aber auch vollen Muts, niemals am Ende einer Sache, sondern immer an einem Anfang – und immer dafür gut, uns zu überraschen. Claudia Schmuckli

Der Text ist ein Auszug aus dem Katalog zur Ausstellung „Amy Sillman: Suitors & Strangers“ im Blaffer Museum der University of Houston.

Aus dem Englischen von Antje Korsmeier

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