Zeichen der Einheit : Demokratie und Denkmal

Zwietracht um das geplante Einheitsdenkmal: Keinen der 532 Entwürfe wollte die vom Bund installierte Jury für die Endrunde nominieren. War das 19-köpfige Preisgericht zu feige, sich zu entscheiden?

Christiane Peitz

Zwietracht um das geplante Einheitsdenkmal: Keinen der 532 Entwürfe wollte die vom Bund installierte Jury für die Endrunde nominieren. War das 19-köpfige Preisgericht zu feige, sich zu entscheiden? Nein, es gehört mehr Mut dazu, den Jubiläumsreigen 20 Jahre nach dem Mauerfall aus dem Takt zu bringen und die Errichtung des Denkmals am Berliner Schlossplatz mit einem so unbequemen Votum zu verzögern.

Aufgeschoben ist aufgewertet. Zwar engagieren sich seit 1998 Politiker, Historiker und namhafte Bürger für das Denkmal. Aber eine gesamtgesellschaftliche Debatte über das Verständnis der friedlichen Revolution und der nationalen Einheit, ein fruchtbarer Denkmalstreit zwischen Ost und West, Berlin und Leipzig, der Hauptstadt und Restdeutschland – das hat bis heute nicht stattgefunden.

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29.07.2009 08:28So hätte das Einheitsdenkmal aussehen können: Der Siegerentwurf im Wettbewerb zu einem "Denkmal für Freiheit und Einheit" in...


Einheitsdenkmal? Ist mir doch egal. Mit dieser Gleichgültigkeit dürfte nach dem Paukenschlag der Jury Schluss sein. Wenn demnächst im Kronprinzenpalais alle abgelehnten Entwürfe präsentiert werden, besteht die Chance, dass die vielzitierte Mauer in den Köpfen auf dem Feld der Symbole zu bröckeln beginnt. Dass man sich über Bedeutung und Gestaltung auf breiter Basis verständigt. Auch darüber, dass der wilhelminische Granitsockel gegenüber der Barockfassade des Hohenzollernschlosses als Standort vielleicht weniger taugt als authentische Wende-Schauplätze wie der Leipziger Nikolaikirchhof oder der Alex in Berlin.

Was heißt heute überhaupt Nationaldenkmal? Zwar geht Deutschland spätestens seit der WM 2006 zum Stolzsein nicht mehr in den Keller, aber Reiterstandbilder, Walhallas und Heldenverehrung sind Zeichen vergangener Zeiten.

Denkmal und Demokratie, eine tückische Liaison. Im Denkmal manifestiert sich Stolz oder Trauer, es ist eine pathetische nationale Geste. Das geht leicht, wenn einer daherkommt und per Dekret verfügt: Da kommt sie hin, so soll sie aussehen, basta. Kanzler Kohl hat das mit der Kollwitz-Pietà in der Neuen Wache so gemacht – und niemand war glücklich damit. Das geht nicht so leicht, wenn eine lebendige Demokratie sich als solche auch ernst nimmt.

Demokratie, das heißt reden, reden, reden: Hearings, Podien, Bürgerforen, drei, vier Bewerbungsrunden, Wettbewerbskorrekturen, Debakel, Skandale, Eklats. Berlin kennt das vom Holocaust-Mahnmal. Solche Selbstvergewisserung ist eher Dissoziation als Manifestation. Auch wenn sie oft Überdruss provoziert: Freiheit und Demokratie – die das Einheitsdenkmal ja versinnbildlichen soll – sind anders nicht zu haben.

Dennoch ist die Debatte nicht das Denkmal. Das Holocaust-Mahnmal ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein jahrelanger, mitunter quälender Disput eine gelungene, von Bürgern wie Berlin-Besuchern angenommene Gedenkkunst hervorbringt. Wobei die Kunst selbst, das ist die Crux, nie demokratisch entsteht: Dem kollektiven Entscheidungsprozess folgt die individuelle, eigenwillige Kreation. Aber sie ist vom Konsens getragen.

Eine Gesellschaft kann nicht über alles gleichzeitig debattieren. Nach der neuen Mitte mit Potsdamer Platz, Kanzleramt und Holocaust-Mahnmal ist jetzt Zeit für die alte Mitte: für Stadtschloss, Marx-Engels-Forum und das Einheitsdenkmal. Ein guter Zeitplan: Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls diskutiert Deutschland über seine wiedervereinigte Identität und ein adäquates Symbol dafür, im Zentrum der Hauptstadt. Zum 25. Jahrestag kann das derart von allen mitgestaltete Denkmal dann feierlich eingeweiht werden.  

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