ZEITGESCHICHTEBerlin 68: Sichten einer Revolte : Ein Jahr wird besichtigt

Martina Scheffler

„Richter, lass die Roben runter, es sind braune Höschen drunter.“ Die 68er hatten viele Themen: Kampf gegen den Staat, vertreten durch Justiz und Polizei, Kampf gegen 1000-jährige muffige Talare, Kampf gegen den überall vermuteten Faschismus und auch ein bisschen für die freie Liebe. Ein Kaleidoskop dieser Zeit ist im Ephraim-Palais zu besichtigen, das acht zentrale Ereignisse jenes Jahres in den Mittelpunkt stellt. Aufbereitet werden sie in der Ausstellung „Berlin 68: Sichten einer Revolte“ durch Flugblätter, Fotos, Plakate, „Ami go home“-Buttons, Ausschnitte aus Fernsehsendungen und Aussagen der damals Beteiligten.

So kann man sich einfach in einen der revolutionsroten harten Sessel fallen lassen und den Worten von Studenten oder Polizisten lauschen, die ihre Erinnerungen an die wilde Zeit preisgeben. Das ist einerseits eine Fülle von Material zum Nachdenken, andererseits gibt es auch die kleinen persönlichen Memorabilia wie Rudi Dutschkes Lederjacke, braun mit Karofutter, im Taxifahrerstil, und die rote Mao-Bibel des Maurerlehrlings Günter Grunow, der sie gegen wütende Mitfahrer in der U-Bahn verteidigen musste. Wer will, lässt sich die harten Fakten von Musik untermalen. An der Musicbox findet der Roy-Black-Fan ebenso Erfüllung wie Bob-Dylan-Anhänger. Dass 1968 wirklich eine ganze Generation prägte, zeigt der Brief der sechsjährigen Janine an Gretchen Dutschke: „Es tut mir sehr leid das Rudi angeschosen ist.“ Ja, das waren noch Zeiten, als sich selbst die kaum dem Kindergarten Entwachsenen politisch engagierten. Gut, dass das vorbei ist. Oder?Martina Scheffler

Ephraim-Palais, bis So 2. 11., Di-So 10-18,

Mi 12-20 Uhr, 5 €, erm. 3 €

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