Zeitung Heute : Zeitlos spielen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Sigrid Kneist

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Modisch blicken wir ständig in die Vergangenheit. Retro nennt man das. In den Achtzigern bewegen wir uns momentan. Girlies machen diese Trends natürlich mit. Solche Blüschen, wie Charlotte sie schön findet, habe ich vor gut 20 Jahren auch getragen. Jetzt warte ich eigentlich darauf, dass mein Kind Schulterpolster verlangt. Die waren damals ein absolutes Muss. Sue Ellen Ewing hatte es in „Dallas“, der stilbildenden Serie der damaligen Zeit, eindrucksvoll vorgemacht. Womit sie, die ewig Betrogene, deutlich machte, dass breite Schultern noch lange keine starken Schultern sind. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nicht nur bei Klamotten, auch bei den Spielen der Kinder gibt es den Retro-Trend. Der verläuft nicht parallel zur Mode.Die Zeitsprünge sind bedeutend größer, die Vorlieben wechseln noch schneller. Im vergangenen Sommer waren die Girlies in den Fünfzigern angekommen: Hula-Hoop war das Maß aller Dinge. Die Reifen über den schlanken Hüften wirbelten ohne Unterlass, heute stehen sie in der Ecke. Zwischendurch gab’s mal ein bisschen Siebziger, mit Gummitwist und Flummies. Danach wurde es Super-Retro: Mit den Murmeln, dem nach Ansicht von Hamburger Sportwissenschaftlern ältesten Spiel der Welt, ging es in die Antike.

Während die Jungs derzeit auf den Schulhöfen der modernen Kreiselvariante, dem so genannten Beyblade, frönen, halten sich die Mädchen an Klatschspiele. Die kann ich zeitlich nicht einordnen, aber ziemlich alt müssen sie sein. In meiner Kindheit gab es die auch. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass sie so altmodisch und nicht mehr in die Zeit passend sind. Vielleicht lag das aber nur daran, dass ich die dazugehörigen Sprüche nicht verstand. Charlotte und ihre Freundinnen aber haben mit den Klatschspielen überhaupt keine Probleme. Und die heutigen Verse, die ungefähr genauso gaga sind wie zu unserer Zeit, scheinen ihnen egal zu sein. Ob „My name is singa, baby, singa, baby, snicker, snicker, bum bum bumm“ oder „Wir fuhren nach Spanien zu den Kastanien, dort war ein böser, böser Mann, der hieß Professor Knoblauchfresser und wir sagen stop“, die Händchen klatschen, schnalzen, wedeln, oder was sie sonst noch können.

Beliebt ist auch „In einer französischen Eisenbahn, da saß ein chinesischer Weihnachtsmann, der rief die ganze Zeit: ,Zum Himmeldonnerwetter‘“. Oder war es eine chinesische Eisenbahn mit einem französischen Weihnachtsmann? Macht auch nicht viel Sinn. Den muss man wohl nicht kennen, wenn man sieben Jahre alt ist und Klatschen einfach klasse findet. Da kann ein Vers auch so sein wie „dam dam deo, dam dam, ole ole, sissi deo, jimmy jimmy jacko, jimmy jimmy jaja, okopoko okopoko okopoko schü.“ Wo der Spruch wohl herkommt? Irgendwie sehe ich dabei kleine schwarze Sklavenkinder im rhythmischen Sprechgesang auf den Baumwollplantagen Alabamas vor mir. Das ist wahrscheinlich politisch nicht korrekt, nicht „pc“. Political Correctness, die gehört doch in die Neunziger. Was hat man da eigentlich so gespielt?

Sue Ellens Schulterpolster gibt es montags um 22.15 Uhr auf Kabel 1 zu sehen. Beyblades kosten in einer Standardausführung 9,99 Euros.

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