Zeitung Heute : Zeitschriften: Das Imperium schlägt zurück

Gregor Dotzauer

Der erste Gedanke ist natürlich: Könnten wir in Deutschland auch gebrauchen. So eine Liste mit den 100 einflussreichsten Intellektuellen, wie sie Richard A. Posner gerade für Amerika veröffentlicht hat: errechnet aus allen Erwähnungen, die 546 zumeist universitär verankerte Kandidaten durch ihre wissenschaftlichen und publizistischen Veröffentlichungen in Leitartikeln, Essays oder Webkommentaren zwischen 1995 und 2000 gefunden haben. Denn was haben wir? Die 100 peinlichsten Berliner, die 50 meistbegehrten Singles - und in der nächsten Talkshow schon wieder Guido Westerwelle als liberalen Vordenker. Gut, dass zumindest in den Staaten endlich mal einer anhand einer solchen Aufstellung darüber nachdenkt, in welchem Verhältnis Leistung und öffentliche Präsenz stehen. Einer, der Maßstäbe hat - und die nötige Ironie, zu erkennen, dass es niemals Gerechtigkeit geben wird.

Das Ergebnis steht schon im Titel von Posners Buch. Es heißt "Public Intellectuals: A Study of Decline" (Harvard University Press, 29,95 USD), und sein kulturpessimistisches Resümee lautet: "Wir Feinschmecker (we Feinschmeckers) müssen schon mit Vulgaritäten in der Popkultur leben, mit dem Anblick übergewichtiger Männer in mittlerem Alter, die Shorts und Baseball-Kappen tragen, mit dünnem Kaffee und dem Plärren des Fernsehers in jeder Flughafen-Lounge. Es ist zu bezweifeln, dass der intellektuelle Markt ein weniger Kräfte zehrenderer und besser steuerbarer Teil der gegenwärtigen amerikanischen Kultur ist als diese anderen Affronts gegen die Anspruchsvollen."

Posner selbst befindet sich übrigens auf Platz 70, fern von seinem Champion Henry Kissinger. Doch immerhin ist er, Judge Posner, der im Auftrag seines Landes im Prozess um die Zerschlagung des Microsoft Trusts zwischen den Gegnern vermittelt hat und in Chicago Jura lehrt, mit von der Partie - was sich etwa von dem Philosophen John Rawls und dessen viel diskutierten Gerechtigkeitstheorien nicht sagen lässt: Rawls schreibt lieber wissenschaftliche Arbeiten als Editorials. Dafür ist wiederum Albert Camus dabei, den man einen Moment lang für nichts weiter als einen toten Franzosen halten könnte. Man sieht: Ganz einfach ist es um Posners Kategorien offenbar nicht bestellt. Und die Medienwelt, die er als reinen Markt betrachtet, haut sie ihm, weil es einigen ihrer Protagonisten doch auch um Ideen zu gehen scheint, nach Kräften um die Ohren: Das Imperium schlägt zurück.

In der "New York Times Book Review" vom 13. Januar dieses Jahres (im Netz über www.nytimes.com zu finden) fällt David Brooks (Platz 85) über Posner her - mit wunderbaren Spitzen, unter denen die Bemerkung, dass Posner praktisch nach jeder Mahlzeit ein Buch veröffentliche, noch die harmloseste ist. Und in "The New Republic" (www.thenewrepublic.com) von Silvester lässt sich Alan Wolfe (Platz 98) sogar auf ein ausführliches Für und Wider ein, dessen Differenziertheit Posners Lamento auf Anhieb übertrifft. Einig sind sie sich in der Grundbewertung: In dieser Form ist die Liste Blödsinn, die Analyse unscharf und das Buch, das alte Rezensionen Posners verwurstet, ein schlampig hergestelltes Produkt, das seine eigenen Diagnosen bestätigt. Man spart also viel Zeit, wenn man es mit der Lektüre der Rezensionen bewenden lässt (und Geld, wenn man sich mit den ersten 50 Buchseiten unter www.harvard.edu zufrieden gibt).

Posners Grundanliegen hat freilich seine Berechtigung. Dass akademische Welt und Zeitungswelt immer weiter auseinander fallen, ist ein Übel, an dem nicht nur die Denkfaulheit einer auf Geld und Show fixierten Gesellschaft Schuld ist, sondern auch die Unlust vieler Professoren, mit ihren Anliegen überhaupt die Öffentlichkeit zu erreichen, die sie bezahlt.

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