Zeitumstellung : Weihnachten vor der Tür

Am Sonntag wird mal wieder die Uhr verdreht und der Sommer abgeschaltet. Zu früh? Unser Kolumnist Helmut Schümann hat am Potsdamer Platz die ersten Aufbauten des Weihnachtsmarktes entdeckt. Von wegen zu früh.

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Wer hat an der Uhr gedreht? Nächstes Wochenende ist Zeitumstellung.
Wer hat an der Uhr gedreht? Nächstes Wochenende ist Zeitumstellung.Foto: dpa

Es ist wieder so weit. Am Potsdamer Platz, im Herzen der Hauptstadt, mithin mit einer gewissen normativen Aussagekraft für den Rest der Republik, am Potsdamer Platz also haben sie jetzt angefangen, die Rodelbahn zu bauen. Keine Sommer- oder Herbstrodelbahn, wie man sie zeitlich einordnen möchte, nein, es ist die Winterrodelbahn. Die kleine Piste, die immer dort zu berutschen ist, wenn Weihnachten mehr oder weniger vor der Tür steht. Erst ein, dann zwei, dann drei Monate, schon steht das Christkind vor der Tür.

Das Tempo dieser Zeit ist keine Kleinigkeit. Wem das ein wenig zu früh erscheint, weil er den Sommer noch nicht verdaut hat, der sei erinnert, dass am kommenden Sonntag Schluss mit lustig ist und der Sommer abgeschaltet wird.

Wir werden das wieder nicht mitkriegen, die meisten zumindest nicht, weil die Abschaltung nachts um drei Uhr vollzogen wird, was dann aber erst zwei Uhr in der Nacht zum Sonntag ist. Also zwei Stunden, nicht drei nach der Schnittstelle vom Samstag auf den Sonntag. Und am Sonntag, wenn es dann auch hell geworden ist, wird es die üblichen alljährlichen echten und vorgegebenen Irritationen geben, ehrliche und erschwindelte Ausreden. „Ich warte schon seit einer Stunde, wir waren doch um zwei verabredet!“ – „Genau, jetzt ist es zwei.“ – Nee, kannste die Uhr nicht lesen? Jetzt ist drei!“ – „Eben, Schnarchnase, vergessen, die Uhr umzustellen!“ Dergleichen wird sich noch bis Montag fortsetzen, sich noch ein wenig in den Dienstag schleppen und am Mittwoch wieder normal sein.

Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Echtzeit nämlich. Winterzeit ist echte Zeit, Sommerzeit ist künstliche Zeit. Wer es authentisch mag und naturbelassen, darf sich also ab Sonntag wieder freuen. Aber ich wette, dass ein Großteil der Naturbelassenheitsfreunde spätestens eine Woche darauf wieder aufstöhnt wegen der tristen Dunkelheit, die das gute und fröhliche Serotonin nicht durchkommen lässt, das dadurch dem bösen und düsterem Melatonin keinen Einhalt gebieten kann. Wenn dann die Naturbelassenheit gegen die Winterdepression kämpft (und verliert, weil die Sommerzeit einfach die schönere Zeit ist), dann hilft nur eins: eine Rutschpartie auf dem Potsdamer Platz im Herzen Berlins mit anschließenden Glühweinen auf dem Weihnachtsmarkt. Die Aufbauten haben begonnen.

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