Zeitung Heute : Zentral in der Bildung

Unionspolitiker, darunter Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger, wollen in Deutschland ein einheitliches Zentralabitur einführen. Wie passt das mit der Föderalismusreform zusammen?

Albert Funk

Ein Zentralabitur soll es also sein, in ganz Deutschland, für alle. So hat es Baden- Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) gefordert, Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) springt ihm bei, auch Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) findet’s gut. Sogar aus Bayern kommt Zustimmung. Nanu, auch die Oberföderalisten wollen zentralisieren? Schon das macht stutzig, weil man aus der blau-weißen Ecke in der Frage eher Widerstand gewohnt ist. Was also ist da plötzlich los?

Zumal es das Zentralabitur – also die schriftliche Prüfung nach zentral ausgewählten, einheitlichen Aufgaben für alle – im Prinzip bereits bundesweit gibt. 14 von 16 Ländern haben es schon oder führen es gerade ein. In Bayern und Baden- Württemberg gibt es das Zentralabi seit 1946, die meisten anderen Länder haben sich nach dem Pisa- Schock umorientiert, in Berlin war das 2006. Der Grund liegt darin, dass man allseits den pädagogischen Sinn des Zentralabiturs akzeptiert hat – die Leistung der Schüler zu heben, weil Lehrer gezwungen werden, sich stärker an vorgegebenen Standards zu orientieren.

Warum nun auch noch die Aufgabenstellung im Detail bundesweit einheitlich sein soll, wo doch die Länder sonst so eifersüchtig auf ihre Eigenständigkeit pochen – dafür könnte es parteipolitische Gründe geben. Die Union, vor allem die CDU, aus der allein der Vorstoß kommt, will das Zukunftsthema Bildung besetzen, sich als reformerische Kraft präsentieren nach dem Merkel’schen Motto, ganz Deutschland wieder ganz nach vorn zu bringen. So wie es einst die SPD mit anderen bildungspolitischen Themen unter der Regierung Schröder vorexerzierte (zum Beispiel bei den Ganztagsschulen). Wie damals Schröder & Co. sind nun auch der Union Wort und Geist der Verfassung nicht mehr ganz so wichtig, und das, obwohl in der Föderalismusreform I gerade erst die Bildungszuständigkeit der Länder gestärkt wurde. Das Zentralabitur würde aber eher zu mehr Bildungszentralismus führen, weil dann auch die Lehrpläne für die Oberstufe – wohl bis in Details hinein – stark vereinheitlicht werden müssten.

Dabei hatte gerade die Union den Bildungsföderalismus bislang tapfer verteidigt. Bayerns Schulminister Siegfried Schneider (CSU) versucht das Dilemma schlau zu lösen: Er sieht im einheitlichen Zentralabitur einen Ausdruck von Wettbewerbsföderalismus, weil es die Vergleichbarkeit der Ergebnisse bringe. Das würde freilich erst stimmen, wenn auch bundesweit einheitlich bewertet würde, womit schon die Schwierigkeiten beginnen. Im Übrigen haben Schneiders Äußerungen in der „Süddeutschen Zeitung“ mit Wettbewerbsföderalismus wenig zu tun: Denn dessen Ziel ist es nicht, das Abschneiden von Regionen beim Erfüllen zentraler Vorgaben zu bestimmen. Das erinnert eher an die bürokratische Erfolgsmessung in dezentralisierten Einheitsstaaten. Andererseits hat der Wettbewerbsföderalismus gerade beim Zentralabitur seinen Zweck bestens erfüllt, nämlich dafür zu sorgen, dass sich eine als gut empfundene Lösung durchsetzt, indem immer mehr Länder dem Beispiel folgen. Der Schritt hin zu einem einheitlichen Zentralabitur aber wäre wieder ein Schritt weg vom Föderalismus.

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