Zeitung Heute : Zentrum wird man

CARSTEN GERMIS

Der Termin für den Umzug des Parlaments steht unverrückbar fest.Doch politisches Zentrum ist Berlin dadurch noch nicht.Das verlangt Kreativität und Unruhe.VON CARSTEN GERMISManchmal geschieht Großes, und man merkt es gar nicht richtig.Dieser Tage in Bonn zum Beispiel.Raumkommission, Haushaltsausschuß und Ältestenrat des Bundestags haben endgültig den Weg dafür frei gemacht, daß die volle parlamentarische Arbeit in Berlin im Herbst 1999 beginnen kann.Jetzt, sechseinhalb lange Jahre nach dem Umzugsbeschluß des Parlaments, steht der Terminplan.Der schier endlose Leidensweg der Beschlüsse, der Anzweifelung dieser Vorgaben, deren Bekräftigung und In-Frage-Stellung ist vorbei.Fast beiläufig setzte der Bundestag diesen Schlußpunkt hinter der Debatte um den Umzug, der Berlin wenige Monate vor der Jahrtausendwende wieder zum politischen Zentrum Deutschlands machen wird.Nun steht unverrückbar fest, ab 1999 bekommt die Hauptstadt nach Jahrzehnten der Insellage und der Teilung diese Funktion zurück, die sie zur neuen Mitte der Republik machen soll. Mit ihren Bauten nimmt diese neue politische Mitte sichtbar bereits Gestalt an.Das neue Parlament im alten Reichstagsgebäude wächst, der Grundstein für das Kanzleramt ist gelegt, die Ministerien werden renoviert.Das Ende der Wartezeit war mit jedem Spatenstich absehbarer geworden.Was bedeutet es für die Stadt, wenn 1999 nach einem halben Jahrhundert Bonner Republik wieder von Berlin aus regiert wird? Wird Bonn nur einfach per Umzugswagen an die Spree gebracht, oder kündigt sich mit der Berliner Republik etwas Neues an? Es wird nicht ohne Spuren bleiben, wenn das wichtigste politische Zentrum der Republik künftig mitten in den neuen Ländern beheimatet ist, nur eine knappe Autostunde von Polen entfernt.Der Schwerpunkt verlagert sich. Damit sind Hoffnungen ebenso verbunden wie Ängste.Wie wird die Stadt ihre neue Rolle an der Nahtstelle der beiden Welthälften finden, die 1989 so überraschend wieder zueinander fanden? Wie kann Berlin der Politik im geeinten Deutschland einen Resonanzboden geben, den Bonn ihr, vor allem zur Enttäuschung vieler Ostdeutscher, weitgehend schuldig bleiben mußte.Eine Hauptstadt, in der sich die politischen Entscheidungsträger ballen, aber unter sich bleiben, kann ziemlich langweilig bleiben.Politische Zentren lassen sich nicht einfach beschließen, sie müssen sich durch eigene Anstrengung herausbilden und entwickeln.Bonn hat das in den vergangenen 50 Jahren auf seine eigene Art erfolgreich getan.Berlin tastet sich seit 1989 zögernd heran und wächst unsicher in diese Republik hinein, die bereits ihren Namen trägt.Der planerische Boden für die neue Rolle steht, wie das Gebäude darauf am Ende aussehen wird, dahinter stehen noch viele Fragezeichen. Die Antwort Berlins darauf darf nicht sein, mit dem zu brechen, was in Bonn gewachsen ist.Die Fundamente der Bundesrepublik, auf denen die Berliner Republik aufbaut, dürfen nicht ausgehöhlt werden.Es wäre gefährlich, an falsche Kontinuitäten aus den Zeiten Berlins als Reichshauptstadt anknüpfen zu wollen.Ein Regierungssitz im 21.Jahrhundert, kann sich nicht an den Hauptstädten der Nationalstaaten des 19.Jahrhunderts orientieren.Das Zeitalter der Globalisierung, der kommunikativen Beschleunigung und des zusammenwachsenden Europas wird die Stadt ebenso in ihre neue Rolle zwingen wie ihre geographische Lage als Drehkreuz zwischen den beiden wieder zueinander findenden Hälften Europas.Das verlangt Kreativität und Unruhe.Die Politik kommt.Der Termin steht unverrückbar fest.Politisches Zentrum wird Berlin dadurch allein noch nicht.Vielleicht blieb es auch deswegen so leise, als die Parlamentarier jetzt die letzten Voraussetzungen dafür schufen, in 22 Monaten nach Berlin zu kommen - ohne Rückfahrticket nach Bonn.

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