Zeitung Heute : Zerrbildervom Balkan

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Der lange Weg, an dessen Ende ein demokratisches Serbien stehen könnte, ist nur gangbar, wenn das jetzige Regime fällt VON CHRISTOPH V.MARSCHALLIm Rückblick scheint die Geschichte der Beziehungen Westeuropas zum Balkan eine Abfolge von Mißverständnissen gewesen zu sein.Man muß sich nur einmal vergegenwärtigen, wie das Bild Jugoslawiens und Serbiens, des größten seiner Nachfolgestaaten, in den letzten 20 Jahren mehrfach von einem Extrem ins andere gewechselt ist.Titos blockfreies Land wurde in den Zeiten des Ost-West-Konflikts schon fast zu einer westlichen Demokratie hochgelobt.Und so vermochte sich auch kaum jemand vorzustellen, daß unter der Decke einer oberflächlichen gesamtjugoslawischen Identität solch starke nationale Antagonismen schwelten, daß sie diese angeblich bereits moderne Gesellschaft in einen Krieg reißen würden.Als der dann ausbrach, als Nachrichten von unfaßbaren Greueltaten zu uns drangen, da dominierte plötzlich eine ganz gegenteilige Vorstellung: ein Land, das die Steinzeit mental nicht hinter sich gelassen habe, das von archaischen Killerinstinkten beherrscht sei, in dem die Rambofiguren mit Kalaschnikow und Patronengurten über der entblößten Brust den Ton angeben.Das ist erst ein, zwei Jahre her.Dann aber genügten gut 80 Tage bewundernswerter Demonstrationen einer im Gesamtmaßstab jedoch gar nicht so großen, vor allem studentischen Minderheit - und schon galt wieder ein anderes Extrem: als sei Serbien so ungefähr die Wiege der Demokratie. Es sind natürlich nicht die Verhältnisse dort, die so stark schwanken, sondern es sind die Bilder, die wir uns davon machen und die der nüchterne Rückblick als Zerrbilder enttarnt - als sehr gefährliche Zerrbilder.Denn sie führen zu falschen Erwartungen, und auf sie sind wohl auch falsche Reaktionen von Öffentlichkeit und Politik zurückzuführen.Hat das Ausland bei all den Kriegen auf dem Balkan in diesem Jahrhundert - und es sind, weiß Gott, mehr als die zwei mit deutscher Hegemonialsucht verbundenen - vielleicht auch deshalb nicht rechtzeitig präventiv eingegriffen, weil es sich keine richtige Vorstellung von der Realität dort machte? Auch die jüngste Euphorie könnte schon bald wieder bitter enttäuscht werden.Es müßte sich gleich ein ganzes Bündel derzeit eher unwahrscheinlicher Bedingungen erfüllen, damit die Welt in den nächsten Monaten tatsächlich einen friedlichen und verläßlichen Systemwandel auch in Serbien erlebt.Slobodan Milo«sevi¿c müßte die vor Jahresende fälligen Wahlen zulassen.Soll die Opposition eine Siegchance haben, müßte sie, erstens, die Mittel bekommen, um in den Kommunen, wo sie nun mit Verspätung doch noch an die Macht gelangte, trotz der verzweifelten Lage nach wenigen Monaten Erfolge vorweisen zu können.Zweitens müßte sie Zugang zu den derzeit noch vom Regime kontrollierten Massenmedien erhalten.Eine Wahl gewinnen kann sie nur, wenn sie auch die Bürger fern von Belgrad erreicht.Und wenn das Bündnis von Zoran Djindjic, Vuk Dra«skovi¿c und Vesna Pe«si¿c, das allein durch den Kampf gegen Milo«sevi¿c zusammengehalten wird, überhaupt so lange hält, dann müßte ihnen nach einem Sieg auch noch gelingen, was bislang nirgends auf dem Balkan auf Anhieb klappte: Daß Menschen, die über keine Regierungs- und Verwaltungserfahrung verfügen, ihr Land aus einer so tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise führen, wie wir im Westen sie uns kaum vorstellen können.Das alles zusammen käme schon fast einem Wunder gleich. Man kann natürlich an Wunder glauben.Aber vernünftiger wäre es vielleicht, daran zu arbeiten, daß es auch ohne Wunder geht.Dafür müßte man zunächst einmal die Zerrbilder beiseitelegen, die Defizite an demokratischen Traditionen, die den glaubhaften Wandel zur zivilen Gesellschaft behindern, nüchtern analysieren und sie konsequent angehen: Frühzeitig Kontakte knüpfen, "Zajedno" bei der Kommunalverwaltung beratend helfen und gemeinsam Wahlprogramme entwerfen, in die dann auch westliche Vorstellungen wirklicher Demokratie Eingang finden.Denn so wahr es ist, daß diese Oppositionspolitiker durch ihr Auftreten in den letzten Jahren manchen Zweifel provozierten, wie demokratisch sie denn seien, so muß doch auch gelten: Ein dynamischer Prozeß, an dessen Ende langfristig - sehr, sehr langfristig und nach manchen Rückschlägen - ein demokratisches Serbien stehen könnte, wird überhaupt nur in Gang kommen, wenn das jetzige Regime fällt.

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