Zeitung Heute : Zerstörte Baudenkmäler dem Vergessen entreißen

NINJA KAISER

In der Renaissance war die Entdeckung der Zentralperspektive Motor einer wissenschaftlichen Revolution.Sie ermöglichte erstmals die errechenbare Abbildung der Wirklichkeit in der zweiten Dimension.Mit der modernen CAD-Technik wird die Realität nun auch in der dritten Dimension virtuell erfahrbar.Architekten nutzen den Computer, um ihre Planungen anschauchlich zu machen, schon bevor der Grundstein gelegt ist.Doch nicht nur zur Veranschaulichung von noch nicht Gebautem, auch zur virtuellen Rekonstruktion von nicht mehr Erhaltenem können die CAD-Modelle dienen.Mit ihrer Hilfe können zerstörte Kulturdenkmäler zu neuem, virtuellem Leben erwachen und wieder für alle erlebbar werden.

Im Fachbereich "CAD in der Architektur" der Universität Darmstadt wollen Studenten an die vom Nationalsozialismus zerstörte jüdische Kultur erinnern.Sie bauen Synagogen im virtuellen Raum wieder auf, die in der Reichspogromnacht im November 1938 zerstört wurden.Die Idee stammt von Studenten, die damit ein Zeichen gegen die ausländerfeindliche und antisemitische Gewalt setzen wollen.Einer von ihnen, Marc Grellert, betreut das Projekt heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter.Berührungsängste mit der jüdischen Gemeinde, die der für das Projekt verantwortliche Architekturprofessor anfangs befürchtet hatte, erwiesen sich schnell als unbegründet.Im Gegenteil war die Unterstützung groß.Sie war besonders deshalb wichtig, weil bei der Rekonstruktion von zunächst drei Synagogen aus Frankfurt oft nur noch die Erinnerung von Zeitzeugen wertvolle Hinweise auf Details der Gebäude liefern können.

Nach der Veröffentlichung im Internet bekamen die Studenten positives Feedback aus aller Welt.Und auch der Bundesminister für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technik, Jürgen Rüttgers, lobt den virtuellen Wiederaufbau der Synagogen: "Das Darmstädter Projekt ist ein wirkungsvoller Beitrag zur Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte." Er fördert nun die 3D-Rekonstruktion von drei Synagogen aus Köln, Hannover und Plauen mit 92 000 Mark.Die virtuelle Führung innerhalb und außerhalb der Gebäude soll durch Erläuterungen, Quellenmaterial und filmische Berichte von Zeitzeugen über den Alltag in den Synagogen, über Diskriminierung und Verfolgung der Juden und über die Zerstörung der Gebäude ergänzt werden.Der daraus entstehende Film soll dann auch für die Bildungsarbeit, etwa in Schulen, eingesetzt werden.

In der interdisziplinären Arbeit zwischen Architekten und Kunsthistorikern verbindet sich die Erinnerung an die Pogrome des Naziregimes mit der Erinnerung an die bauhistorische Bedeutung der Synagogen, die gerade im 19.und 20.Jahrhundert das Stadtbild vieler deutscher Städte mitprägten.Die Auswahl der Synagogen war dementsprechend von architektonischen Kriterien geleitet.Exemplarisch wurden drei typische Baustile ausgewählt: Die vom Kölner Dombaumeister Friedrich Zwirner 1861 erbaute Synagoge in der Glockengasse war maurisch, die in Hannover neoromanisch und in Plauen wurde 1930 eine Synagoge im Bauhausstil eingeweiht.Zwölf weitere Synagogen sollen danach noch rekonstruiert werden, darunter auch die Berliner Synagage in der Fasanenstraße.Allerdings ist die Finanzierung dafür noch nicht gesichert.Und auch Zeitzeugen, die darüber berichten können, wie diese Synagoge ausgesehen hat, werden noch gesucht.

In eine ganz andere historische Epoche soll den Betrachter ein Projekt in Magdeburg versetzen, wo die Kaiserpfalz Ottos des Großen bald virtuell zu besichtigen sein wird.Die Reste des um das Jahr 960 auf dem heutigen Domplatz erbauten und nach 1209 beim Bau des gotischen Domes abgetragenen Palastes wurden in den sechziger Jahren bei archäologischen Ausgrabungen entdeckt.Das zu seiner Zeit größte profane Gebäude nördlich der Alpen wird nun mit Mitteln des Landes Sachsen-Anhalt und der Deutschen Telekom AG im Computer wieder aufgebaut.Je 250 000 Mark lassen sie sich den virtuellen Spaziergang durch die mittelalterliche Kaiserpfalz kosten, der im Jahr 2001 Herzstück der Landesausstellung "Otto der Große, Magdeburg und Europa" im Kulturhistorischen Museum Magdeburg sein wird.Ab Mitte nächster Woche ist das Projekt auch im Internet anzuschauen.Verantwortlich für die Umsetzung dieses Projekts ist die Otto-von-Guericke-Universität.Als Grundlage für die Rekonstruktion dienen die Grundrisse der Kaiserpfalz, die Archäologen von 1948 bis 1968 fanden.

Der Berliner Archäologe Steffen Kirchner reist in der Zeitmaschine noch weiter zurück.In Eigeninitiative begann er noch als Student, den mehr als 2000 Jahre alten Löwentempel aus dem sudanesischen Tal Musawwarat dreidimensional im Computer abzubilden.Für ihn gibt es viele Gründe, die CAD-Technik stärker als bisher in die archäologische Forschung einzubeziehen.Durch die Rekonstruktion im Computer kann das Gebäude von Studenten besichtigt werden, ohne daß sie die teure Reise in den Sudan unternehmen müssen.Außerdem ist das vom Zerfall bedrohte Gebäude nun virtuell konserviert.In der Forschung wäre die Arbeit nach Steffen Kirchners Ansicht eine erhebliche Erleichterung: "Archäologen könnten sich etwa siebzig Prozent an Kosten und Zeitaufwand sparen, würden sie bei Ausgrabungen gleich die Daten in ein Laptop eingeben und direkt ein virtuelles Modell der Rekonstruktion erstellen." In den nächsten Wochen soll eine Führung durch den Löwentempel in Echtzeit auch im Internet möglich sein.Außerdem soll das Projekt am 29.oder 30.August von 10-17 Uhr im Rahmen der Humboldt-Uni-Schau auf dem Bebelplatz zu sehen.

Internet-Adressen der Projekte

Synagogen: www.cad.architektur.tu-darmstadt.de

Kaiserpfalz: http://isgwww.cs.uni-magdeburg.de/projects/pfalz/ (ab Mitte nächster Woche)

Löwentempel: www.vordenker.de/tempelvr/tempelvr.htm

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