Zeitung Heute : Zettels Traum

THOMAS LACKMANN

"Aufstand der Geräte": ein Vortrag an der Humboldt-UniversitätTHOMAS LACKMANNDer Maschinenmensch? Nein, nicht das Horrormärchen vom show down zwischen Geist und Materie, der die Welt auseinanderfliegen läßt, ist angesagt.Man muß die Welt verändern!, mahnt Marx im Uni-Foyer; oben, an den Senatssaal-Wänden, denken die Humboldt-Brüder (in Öl) mit Büsten von Hegel und Einstein nach, wie das geht, während Eberhard Lämmert die erste Mosse-Lecture des Semesters eröffnet: "Der Aufstand der Geräte.Die Künste im Zeitalter der apparativen Kommunikation".Einstieg: die "wachsende Asynchronität mit der Produktewelt"; Wissens-Input und gemächliche Evolution driften auseinander.Spätestens mit dem Schritt vom Hebel- zum Knopfdruck, sagt der Literaturwissenschaftler, habe die Kunst sich vom Handwerk getrennt.Die Maschinenmensch-Phantasien der Dichter endeten oft mit der Zerstörung der Menschheit; tatsächlich sei ein unbegrenzter Kommunikationsraum für die Künste entstanden."An die Stelle der Partitur tritt die technische Arbeitsanweisung." Wie das elektronische Buch ohne Autorenschaft, ohne Beständigkeit, aussehen kann, referiert der Gelehrte an einem Daten-Konvolut "Die Entdeckung Amerikas".Dem Bildschirmleser öffnen sich per mouseclick Hypertexte, Rubriken und Fenster: er klickt eine Kladde an - das Navigationsbuch; klickt auf "Landung", sieht Matrosen und Indios; er ruft "Erträge" der Kolonisierung ab oder schaut mit Lichtenbergs Zitat "über die Schulter" der Kolonisierten: "Der erste Indianer, der einen Europäer sah, machte eine schlechte Entdeckung." Wie im Mittelalter, als Schrift-Kopisten Fragmente tauschten und variierten, aber frei von einem "überpersönlichen Regulativ", sei dem User heute - radikaldemokratisch, spielerisch - die Auswahl überlassen.Wissenschaft gerate so wieder in die Nähe der Kunst.Vielleicht, meint Lämmert, wird "Zettels Traum" von Arno Schmidt erst in solcher Menu-Form lesbar? Freilich seien derart komplexe Texte ohne Navigationshilfen und größere Urteilssicherheit kaum zu nutzen.Der kleine Monitor erzwinge argumentative, stilistische Verarmung.Die Künste sollten "dem Aufstand der Geräte neue Möglichkeiten abtrotzen, neue Einsichten in das Verhältnis Mensch - Maschine gewinnen." Utopieverlust gebe es hier nicht: "wenn man Utopie nennen will, daß man immer weitermacht." Die Mosse-Lectures machen (am 6.11.) weiter, mit jener Instanz, die unsere Welt im Innersten zusammenhält: dem Feuilleton! 

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