Zeitung Heute : Zieges Tränen berühren die ganze Mannschaft

NIZZA .In einer ähnlichen Situation hatte sich Stefan Effenberg vor vier Jahren zu dem folgereichen "Stinkefinger" hinreißen lassen - bei Christian Ziege rollten dagegen Tränen."Er war ziemlich deprimiert", berichtete Kollege Thomas Helmer."Die Zuschauer haben ihn beim Iran-Spiel dermaßen beschimpft, daß er hinterher in der Kabine geweint hat", sagte ein betroffener Bundestrainer Berti Vogts.Und Kapitän Jürgen Klinsmann stellte klar: "Das hat nicht nur Christian Ziege, sondern die ganze Mannschaft hart getroffen." Als der Mann vom AC Mailand bei seiner Einwechslung gegen Iran auf "seine" linke Seite kam, wurde Ziege von deutschen Fans mit Äußerungen belegt, "die man lieber nicht wiederholt", sagte Helmer.

Die Zuschauer hatten Ziege die katastrophale Vorstellung beim 2:2 gegen Jugoslawien übel genommen, als er nach längeren Verletzungs- und Krankheitsproblemen wieder in der Anfangself gestanden hatte."Das ist ein mentales Problem.Wenn er vom Kopf frei ist und seine Leistung bringen kann, dann gibt es bei dieser WM keinen besseren Linksverteidiger", gab Klinsmann dem 26jährigen Ziege Rückendeckung.Einige Fans dagegen zeigten keine Verständnis für die sensible Psyche des Profis.

1994 in den USA hatte Effenberg auf Beschimpfungen der Fans beim 3:2 gegen Südkorea in Dallas mit der eindeutigen Geste des gestreckten Mittelfingers reagiert.Effenberg flog daraufhin für alle Zeiten aus der Nationalmannschaft.Daß Ziege an jene Situation vor vier Jahren gedacht hatte, scheint unwahrscheinlich, zumindest ließ er sich in Lens nicht provozieren, brach dafür aber innerlich zusammen.Seinen Stammplatz im WM-Team hat Michael Tarnat übernommen, Zieges Nachfolger beim FC Bayern."Ich kenne Christian seit seinem 16.Lebensjahr und weiß, daß er ein begnadeter Fußballer ist, dem man jetzt helfen muß", betonte Vogts vor dem WM-Achtelfinale gegen Mexiko.Auch Klinsmann hofft, "daß sich Christian von allen Nebengeschichten befreit.Die Mannschaft hat sehr viel Vertrauen zu ihm, und sie kennt seine Qualitäten."

Ziege suchte mit Frau Pia und dem kleinen Sohn Alessandro gemeinsam mit den Familien Helmer und Marschall Entspannung und Ablenkung bei einem Bummel durch die Altstadt von Haut de Cagnes."Was in der Vorrunde passiert ist, ist eigentlich ziemlich egal", meinte der Profi und machte sich neuen Mut.Er hofft, daß seine Zeit bei dieser Weltmeisterschaft noch kommen wird.Die Tränen scheinen getrocknet.

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