Zeitung Heute : Ziffernblätter schmelzen

SANDRA LUZINA

Sasha Waltz und Christina Ciupke in den Berliner SophiensälenSANDRA LUZINAWie ein Riesenbaby steht er da in seinen Polyesterhosen: Benoît Lachambre bläht die Backen, würgt und preßt, stößt schließlich unartikulierte Laute aus.Den Tänzer drängt es nach Ausdruck, doch er scheint sich an seinen eigenen Impulsen zu verschlucken.Der Eintritt in die Sphäre der Sprache mißlingt.Hinter ihm kommentiert Robert Meilleur sachlich die gestörten Abläufe, den mißglückten Versuch, sich mitzuteilen. Sasha Waltz wurde gebeten, für den kanadischen Tänzer Benoît Lachambre ein zwanzigminütiges Stück zu choreographieren.Das Resultat eines dreiwöchigen Probenprozesses wurde nun in den Sophiensälen vorgestellt.Im Mai wird das Stück in Montreal uraufgeführt, zusammen mit den Arbeiten von zwei weiteren Choreographen.In "Rötung" besitzt der Kanadier die rührende Hilflosigkeit eines Kleinkindes.Sasha Waltz lenkt den Blick auf elementare Vorgänge, die freilich alle Geläufigkeit eingebüßt haben.Verwundert schaut der Tänzer auf seine Hand, die ins Leere greift.Ein Zustand noch vor allem Begreifen wird vorgeführt, eine gefährdete Existenz, die überall anstößt und aneckt.Auf der Kante eines Tisches balancierend, absolviert er mit Hilfe seines Partners aberwitzige Verschraubungen.Nur knapp entgeht er dem Absturz. Benoît Lachambre ist ein Tänzer von ungewöhnlicher darstellerischer Kraft.Die inszenierten Faux pas sind von grotesker Komik.In den riskanten Aktionen und prekären Balancen werden existentielle Störungen und Verstörungen körperlich erfahrbar."Zeitränder" nennt Christina Ciupke ihre neue Produktion, die im Theater am Halleschen Ufer zu sehen ist.Die Tänzerin setzt ihre Zusammenarbeit mit der Fotografin Gisela Dilchert und dem Musiker Nirto Karsten Fischer fort.Das Treppenhaus entlang windet sich eine Fotoserie, die die Tänzerin an öffentlichen Orten der Kommunikation zeigt.Von den aufgesuchten Örtlichkeiten ist dann und wann ein akustisches Echo zu vernehmen, von den dort zirkulierenden Energien aber nur wenig zu spüren. Das Stück mutet eher wie eine Meditation über die Zeit an.Im Mittelpunkt der Bühne befindet sich eine Bahnhofsuhr.Christina Ciupke bewegt den Stundenzeiger, ihr Körper paßt sich der gleichförmigen Bewegung an.Sie beugt sich dem Diktat der Zeit und stemmt sich zugleich dem mechanischen Verstreichen der Stunden entgegen.Im Spannungsfeld von subjektivem Zeitgefühl und einer objektiven Zeitmessung siedelt ihr Stück sich an.Da geraten die tickenden Uhren bisweilen aus dem Takt, scheinen die Ziffernblätter zu schmelzen, trudelt die Tänzerin am Ende wie ein unbeschriebenes Blatt über die Bühne.Doch nur selten gelingen einprägsame Szenen.Christina Ciupke will wachrütteln, indem sie den leeren Ablauf der Zeit spürbar werden läßt, doch die szenische Reflexion driftet selbst in Monotonie ab.

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