Zeitung Heute : Zinédine wohnt in Wechmar Helmut Schümannn findet einen erstaunlichen Namen

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Wechmar hat als Dorf nicht so viel zu bieten. Es liegt bei Gotha im Thüringer Burgenland „Drei Gleichen“, es hat zwei Kneipen, eine Eisdiele und ein Bach-Haus. Bach-Häuser aber hat in Thüringen jeder Weiler, irgendein Stein, vor den Johann Sebastian Bach getreten ist, findet sich immer. Hier ist es die Mühle, wo Urahn Veit Bach zur Laute gegriffen hatte. Wechmar ist sehr verschlafen. Hier wohnt Zinédine.

Nein, man muss sagen, Zenédine wohnt hier, weil das örtliche Standesamt Zinédine zu ungewöhnlich fand für den Thüringer Raum und auf einer Buchstabenänderung bestand. Zenédine heißt ja im Thüringer Raum praktisch jedes zweite Kind, versteh einer die Gedankenwelt des Standesamtes. Nun also Zenédine, geboren am 16. 4. 2006, Zenédine Elias Rückbeil. Und wer diese Namensgebung in ihrer Gesamtheit für einen Unfall hält, der soll heute mal Frankreich gegen die Schweiz schauen und dabei Zinédine Zidane, den immer noch grandiosen Franzosen. So elegant, so leicht, so spielerisch, dabei so leise. So wünscht man sich sein Kind.

Eltern, die ihren Neugeborenen Zinédine nennen, stellt man sich frankophil vor – als fußballfanatische Frankophile. Die Mutter, Doreen Rückbeil, 25, Krankenschwester, versteht, wie sie sagt, vom Fußball nicht viel, fand aber den Namen überzeugend. Der Vater, André Feldt, 33, KfZ-Mechaniker, hat vor vielen Jahren mal selber gekickt, ist interessiert am Fußball und schaut sogar manchmal Spiele im Fernsehen. Er hält aber nicht zu Frankreich. „Man hat vom Fußballer Zidane nie etwas Negatives gehört“, sagt er, „der König am Ball eben, und unser Sohn soll ja auch ein kleiner König sein.“ Der kleine Prinz schläft draußen in der Sonne, Kira, die Schäferhündin schlägt an, aber das stört Zenédine nicht, Bessy, der Sittich, bleibt ebenfalls gelassen, Jackie, die Katze, hat für den Besucher nicht mal einen Blick übrig. Eine entspannte Familie in einem kleinen thüringischen Dorf. Ob das so bleibt, wenn Zenédine Elias mal läuft und in die Schule geht? „Die Eltern taten sich anfangs schwer mit der Aussprache“, sagt Mutter Doreen, „aber jetzt geht’s und alle Freunde fanden den Namen toll.“ Nun denn, Zenédine Elias Rückbeil, viel Glück. „Wir wollen ja heiraten“, sagt Doreen, dann heißt er nicht mehr Rückbeil, dann heißt er Feldt.“ Zenédine Elias Feldt, man kann schon fast hören, wie ein Lehrer vor dem Nachnamen noch ein Fußball einführt. Der Fußball treibt mitunter schon erstaunliche Blüten. Mal sehen, was er morgen zu bieten hat, wenn die Reise nach Görlitz geht.

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