Zeitung Heute : Zitatensicher

MICHAEL PILZ

Die Sterne aus Hamburg schrummeln auf der Insel der Jugend Und wieder befindet sich deutschsprachiger Pop gewissermaßen im Jahr Eins.1996 überwanden die Hamburger Gruppen Die Sterne und Tocotronic die Kopflast und erhoben sich aus den independent-Sparten in die Hitparaden.1997 sind zunächst Die Sterne wieder da, und siehe da: Junge Menschen belagern enttäuscht die Brücke zur Insel der Jugend, deren Klub an diesem Abend ein ausverkauftes Konzert vermeldet.Drinnen drängeln sie geduldig bis kurz vor Mitternacht.Bis die Musiker die kleine Bühne erklimmen, einstöpseln, ohne aufwendig den Sound zu prüfen.Dann schlurft auch Frank Spilker herbei, der Sänger, Texter, Gitarrist.Die Sterne schrummeln hinein in den Dunst, scheinbar dilettantisch, beiläufig, zuweilen amüsiert - unter bewußter Vermeidung jeder verdächtig deutschen Sekundärtugend."Scheiß auf deutsche Texte", singen sie. Vor Jahren hatte sich Chris von Rautenkranz, Label-Inhaber und Produzent der Band, an die Feuilletons gewandt mit der Forderung: "Popmusik darf nicht dumm sein!" Das hat einer sogenannten Hamburger Schule zu einigem Ansehen verholfen.Natürlich darf und muß Pop mitunter trivial sein, und Die Sterne nähern sich mit jeder Tour dieser Erkenntnis.Zwar vagabundieren auch hier die großen Parolen durchs Programm."Wir sind alle nur Maschinen / die dazu da sind zu verdienen." Aber in der Koketterie der Schau verkommt dergleichen zum bloßen Zitat.Wenn sie ganze Verszeilen der legendären Gruppe Ton, Steine, Scherben in ihre Texte einfügen, ist das zugleich Hommage und unverbindliches Flanieren. Daß sie zuletzt einen ihrer Hits zum Remix freigegeben haben, mag unterstreichen, wie lose ihr Inhalt in der Form sitzt.Auch live swingen sie ihr Grübeln fort.Der Sound bleibt ohnehin lausig.Spilker nuschelt über "Themenläden".Wesentlicher ist der Groove, in dem Baß und Schlagzeug alles Schwere abfedern, das ein nostalgisches Fender-Rhodes-Piano obendrein zum Ohrwurm streckt.Sie schütteln die Großsepten aus der Gitarre, spielen sich durch eine hübsch sonderbare Mitte zwischen Funk, Punk und Agitprop.Dann wäre da noch die bessere Poesie, die immer häufiger auf Geistreichtum verzichtet.Darin referiert sich die Szene selbst, schaut sich der Twen auf den Nabel und gelang zur Einsicht: Es gibt ein wahres Leben im unvermeidlichen.Es gibt Die Sterne und mit ihnen, ohne Deutschquote, den richtigen Pop im falschen.MICHAEL PILZ

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