Zeitung Heute : Zitatenzitate

VOLKER STRAEBEL

Pluralistischer Klang: Klaviertrios im Hebbel TheaterVOLKER STRAEBELAtavistisch hatte Bernd Alois Zimmermann die der Klassik entlehnte Besetzung seines Klaviertrios "Présence" genannt.Die von ihm auch hier angewandte Verzahnung serieller Elemente mit Zitaten aus der Musikgeschichte auf engstem Raum evoziert den für ihn typischen "pluralistischen Klang".Was 1961 einen Ausweg aus den Aporien der Nachkriegsavantgarde wies - nicht ohne Ironie zitiert Zimmermann auch die "Zeitmaße" Stockhausens -, hat bis heute nichts von seiner unglaublich spannungsvollen Intensität verloren.Vor allem nicht in einer so engagierten Aufführung, wie sie das Brüsseler Ictus Ensemble im Hebbel Theater bot.Georg van Damm, Geige, und François Deppe, Cello, die in Zimmermanns literarischer Bilderwelt des "Ballet blanc" die Rollen von Don Quichotte und Molly Bloom einnehmen, stellten sich voller Spielwut dem Wechselbad der Ausdruckscharaktere, wobei sie jedoch gelegentlich die Grenzen ihrer Möglichkeiten streiften. Solche Grenzen nicht zu kennen schien hingegen Jean-Luc Plouvier, gewaltiger Ubu Roi am Flügel.Ebenso kraftvoll wie im höchsten Grade differenziert gestaltete er seinen ausgesprochen anspruchsvollen seriellen Part, ohne sich in den Tönen zu verlieren, sondern stets zur Musik vordringend. Daneben hatte die Uraufführung des Abends - schon vorsorglich in der ersten Programmhälfte plaziert - einen schweren Stand.Helmut Oehring und Iris ter Schiphorst nehmen in ihrer Gemeinschaftskomposition "Prae-senz", dem "Ballet blanc II", nicht nur in Titel und Besetzung auf Zimmermann bezug.Ganze Abschnitte des "Présence" klebten sie in ihre eigene Partitur, die viel von ihrer klanglichen Delikatesse der Verwendung von Sampler-Keyboard und Zuspielelektronik verdankt.Helmut Oehring weiß aktuelle Tendenzen elektronischer Musik, die sich des Eigenrauschens ihrer Apparate und der typischen Klickgeräusche unorthodox behandelter CD-Player bedienen, mit den Errungenschaften der Fünfziger Jahre sehr gekonnt zu verbinden.Doch hilft dies, trotz der gelungenen Annäherung von verstärktem Originalklang und Elektronik, also der Anwendung eines Verfahrens Stockhausens ("Kontakte") auf das Material des mit dem jüngeren Kollegen verfeindeten Zimmermann, nicht über die veritablen Formprobleme des Stückes hinweg.Die farbenreiche De-Komposition bleibt trotz ihrer bemüht theatralischen Inszenierung hinter ihrer Vorlage zurück - ein ehrenwertes Scheitern in Anbetracht deren Größe.

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