Zeitung Heute : Zitrone am Eingang zur Stadt

Die Berliner Architekten Hilde Léon und Konrad Wohlhage, Träger des diesjährigen KritikerpreisesArchitektur als Frage von Fassadendetails - so stellt sich heute nicht wenigen Besuchern das neue Berlin dar.Selten gibt es Entdeckungen, dafür eine Berliner Kleiderordnung des Bauens, die steinverkleidete Kuben wechselnder Formate hervorbringt, deren Herkunft und Eigenart allzu rasch auszumachen ist.Nicht so jedoch bei Hilde Léon und Konrad Wohlhage, die vergangenen Sonntag in Dresden den diesjährigen Deutschen Kritikerpreis erhielten.Denn die Bauten des Berliner Architektenpaares sind auf den ersten Blick kaum miteinander in Einklang zu bringen. Mit verblüffenden Körpern besetzen sie die Orte der Stadt, so daß es zumeist eines zweiten Blickes bedarf, um deren gemeinsame Herkunft und Anliegen zu entdecken.Denn es ist der konkrete Ort, dem sie jenseits der Übermacht tradierter Bilder mit ihren Raumobjekten einen sehr eigensinnigen Ausdruck verleihen.Urbane Inseln, die ein Bewußtsein für die Singularität der Stadt teilen und zugleich ihren Bewohnern eine Identifikation ermöglichen. Ihr Erstling, das Wohn- und Bürohaus an der Ecke Tabor- und Schlesischen Straße, gewonnen in einem Wettbewerb 1987 und sechs Jahre darauf gebaut, schloß so seinen durch Krieg und Wiederaufbau arg mitgenommenen Block nicht, sondern suchte bewußt Distanz zu den Nachbarn.Das Neue sollte vielmehr etwas von den historischen Brüchen verraten, die sich während vieler Jahrzehnte ereignet und den Ort geprägt hatten.Mit acht Geschossen überragt das Haus seine Umgebung und erregt nicht selten die Verwunderung der Passanten, da sein gewöhnungsbedürftiger Wechsel der Materialien und Farben recht unterschiedliche Nutzungen und Bedürfnisse visualisiert, die hier Büros, Sozial- und zweigeschossige Eigentumswohnungen zusammenführten. Bei der Renée-Sintenis-Grundschule bewahrten Léon und Wohlhage eine zum Abriß freigegebene Turnhalle.Das Neue fügte sich sensibel in die frei verbliebenen Zwischenräume des Altbestands der fünfziger Jahre ein.Der neue Schultrakt nahm die Form des vorgefundenen Hausriegels auf, variiert wieder um einen anregenden "Twist" seiner Fensterreihen.Zwischen den Altbestand schoben sich ein multifunktionales Atrium und eine neue Turnhalle und ließen Räume entstehen, die dem ganzen Ensemble einen bis dahin unbekannten räumlichen Zusammenhalt geben. In anderer Gestalt und Materialität taucht an der Stadtautobahn in Halensee wieder eine Skulptur auf, nun jedoch als gläserne "Zitrone".Auf einer verlorenen Fläche behauptet sich das Bürohaus gegen den extremen Verkehrsfluß, indem es dessen Bewegung in einen klar definierten Körper aufnimmt.Eine lange, ansteigende Lärmschutzwand schafft Platz für einen öffentlichen Pocketpark, beides Kompensationen für die private auf Büroraum zielende Investition.Doch erst an ihrem Ende, weit über den soliden Sockel und die Autobahn auskragend erhebt sich die "Zitrone", die eine bislang für unbebaubar gehaltene Fläche der Stadt zurückgewann und dem westlichen Entrée zur Innenstadt einen attraktiven Blickfang verschaffte. Bar formaler Reminiszenzen versuchen Léon und Wohlhage der Komplexität der heutigen Städte mit Objekten individuellen Ausdrucks zu antworten; oder mit Konrad Wohlhages Worten: "Die Stadt reflektiert sich in ihren Objekten ständig selbst".Mehr von den Rändern als vom Zentrum her wollen die beiden 1953 geborenen Architekten urbane Inseln schaffen, die ein Bewußtsein für die Singularität einer jeden Stadt mitteilen.Jene Qualitäten waren es auch, die den nüchternen, jedoch von Schwärmerei nicht freien Westfalen und die ebenso lebensfrohe wie dinstinguierte Rheinländerin Ende der siebziger Jahre nach Berlin führten.Und ohne die sonst so dominante Bindung an Vorbilder oder eine architektonische Praxis wandten sie sich hier erst nach Jahren der Lehre und Forschung dem Bauen zu.Ein selten gewordener Bildungsweg für Architekten, der sich in ihren Entwürfen niederschlägt, die Experimente sind, eine individuelle Suche nach Form und Inhalt des Raums, aber auch Ausdruck konfliktreicher Temperamente und Interessen, die es zu vermitteln gilt. Ob nun für ein Einkaufszentrum in Hohenschönhausen, ein Obdachlosen-Wohnheim in Spandau, eine Schule in Köpenick oder die geplante Bremer Landesverretung am Tiergarten, immer sind es die spezifischen Eigenarten des Ortes und seiner Nutzung, die sich in wandlungsreichen, situationistischen Räumen ausdrücken.Die Stadt als Herausforderung, jenseits abstrakter Regularien das Vorhandene stets für räumliche Intervention und technologische Inventionen neu zu hinterfragen.Während sich aber Berlin die Chance vergab, auf dem Klingelhöfer Dreieck eine neue Arbeits- und Wohnwelt mit einem alles andere als gewöhnlichen World Trade Center zu entwickeln, entstand in Hamburg ein sehr verwandtes Projekt. Wider den omnipräsenten Backstein erhebt sich nun dort, am unwirtlichen Entrée Hammerbrook, eine mächtige Spitze und Front transparenter Flächen und spielerischen Zyklopenwerks grünlicher Betonsteine.Ein attraktives Quartier entstand, das wiederum Büros mit Wohnungen verbindet, dafür aber die Körper in eine beeindruckende, sägezahnartige Reihung von Hauseinheiten auflöste, nicht zuletzt um in ihren beschirmten "Taschen" den Nutzern vielfältige Blickbeziehungen und Freiräume zu eröffnen.So ist es der kollektive wie individuelle Gebrauch der Räume, der über die Zweckmäßigkeit der Mittel entscheidet.In dem Wagnis, mit Altem zu brechen, um Neues zu wagen, sind sie immer auch Berlinisch - denn zu Recht sagen Léon und Wohlhage, daß "Berlinisch auch die Nicht-Tradition ist, die immer wieder abreißt".

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