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Zolani Mahola, Sängerin : "Darf ich mir die Fragen selber stellen?"

24.05.2009 00:20 UhrVon Interview: Esther Kogelboom
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Zolani Mahola von Freshlyground - Foto: Mike Wolff

Zolani Mahola erklärt die Narben auf ihren Händen, ihre Paranoia, warum Bildung wie ein Lottogewinn ist und Interviews zur Fußball-WM nerven.

Frau Mahola, Ende April waren Wahlen in Südafrika. Haben Sie für den ANC gestimmt, die Partei Nelson Mandelas und des Anti-Apartheid-Kampfs?



Hey, schlagen Sie mal in unserer Verfassung von 1994 nach! Es gibt inzwischen freie und geheime Wahlen!

Jacob Zuma ist der neue Präsident. Sie haben …


… Politik ist ein schmutziges Geschäft. Dazu sage ich nur, dass mir der Wahlkampf des ANC nicht gefallen hat. Er war hasserfüllt und aggressiv. Theoretisch kann ich das nachvollziehen – viele der ehemaligen Freiheitskämpfer mussten eine Menge durchmachen.

Aber als es hieß, Südafrikas Jugend sei bereit, für Zuma zu töten … so ein Quatsch! Ich freue mich, dass der ANC die Zweidrittelmehrheit verpasst hat. Unsere Demokratie braucht eine starke Opposition.

Was sagen Ihre Freunde zu solchen Argumenten?

Sie sagen, dass ich dem ANC meine Stimme schulde: „Ohne ihn hättest Du gar nicht das Recht, zu wählen.“ Und sie werden sauer – als ob ich den Freiheitskampf infrage stellen würde. Einmal musste ich eine Verabredung abbrechen, so haben wir uns darüber gestritten.

Sie dürfen nun Ihr Land über den grünen Klee loben.


Es gibt in Südafrika normalerweise eine besondere, großartige Energie zwischen den Menschen, die ich nicht gut beschreiben kann. Jeder sollte hinfahren und sie selbst erleben. Manche sagen, sie kommt von der Sonne.

Die Sonne scheint Ihnen in Berlin gerade ins Gesicht.


Was, das da oben? Vertrauen Sie mir, das ist eine total andere Sonne. Die südafrikanische Sonne fühlt sich an, als würde einen die Liebe Gottes mitten ins Gesicht treffen.

Weil sie so heiß brennt?

Nein. Sie ist eben nicht heiß, sondern warm. Das ist der entscheidende Unterschied.

Sie sind gerade mit Ihrer Band Freshlyground auf Europatournee: Wie groß ist Ihr Heimweh?


Es geht. Hier ist es toll, ich kann Sachen machen, die in Südafrika aus Sicherheitsgründen unmöglich sind. Vorhin bin ich ganz allein mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren, abends kann ich spazieren gehen, ohne ständig zu kontrollieren, ob mich jemand verfolgt. Ich könnte mir gut vorstellen, für ein Jahr nach Berlin zu gehen.

Sie leben im Zentrum von Kapstadt hinter Mauern, Elektrozäunen und Stacheldraht. Dabei sind Sie ganz anders aufgewachsen: in einem Township bei Port Elizabeth am Eastern Cape, einer der ärmsten Gegenden des Landes.


Bullshit. Ich komme aus PE. Das Township New Brighton, aus dem ich stamme, ist nicht bei PE, das wäre die Struktur der Apartheid. Es ist vielmehr PE. Mein Vater hat meiner Mutter, meinen beiden Geschwistern und mir dort ein Haus gebaut.

Ihre Mutter starb, als Sie sechs Jahre alt waren.

Sie hat eine Fehlgeburt nicht überlebt, weil die Ärzte im Krankenhaus schon Feierabend gemacht und die Schwestern keine Zeit hatten. Meine Mutter war Grundschullehrerin. Erst vor kurzem habe ich eine etwa 15 Jahre ältere Frau kennengelernt, die von ihr unterrichtet wurde. Sie sagte, meine Mutter hätte ihr Leben verändert.

Auch Ihr Leben wurde von einer außergewöhnlichen Schulzeit geprägt: Sie besuchten eine gemischte Highschool, eine katholische Schule, in der schwarze und weiße Kinder zu Apartheid-Zeiten gemeinsam lernten.

Mein Vater hatte erkannt, dass der einzige Weg in eine bessere Zukunft über die Bildung führt. Der Nachteil war, dass meine Geschwister und ich mit den Kindern aus unserer Nachbarschaft nicht besonders gut ausgekommen sind. Irgendwann sprachen wir meist Englisch miteinander.

Ihre Muttersprache ist Xhosa – eine von elf offiziellen südafrikanischen Landessprachen, die für Europäer wegen der Klick- und Schnalzlaute nur sehr schwer erlernbar ist.

Mein innerster Kern ist immer noch Xhosa, obwohl ich inzwischen relativ modern lebe. Als Kinder spielten wir auf der einen Seite Priester und Nonne, auf der anderen Seite praktizierten wir auch eine Reihe von Xhosa-Bräuchen.

Welche denn?

Mein Vater lebte eine Zeit lang sehr religiös, nachdem meine Mutter gestorben war. Jeden Samstag um vier Uhr morgens steckte er uns Kinder ins Auto, und wir fuhren zu einem Sangoma …

… einer Art Medizinmann.

Dann war es wieder Zeit für unser allwöchentliches Reinigungsritual, es war einfach fürchterlich. Der Sangoma gab uns eine Flüssigkeit zu trinken, von der wir uns übergeben mussten. Dann kam er mit dem Klistier. Es dauerte stundenlang.

Welchen Sinn hatte das?


Es sollte uns vor dunklen Mächten schützen. Sehen Sie hier die kleinen Narben auf meinen Händen?

Ja.

Die wurden aus demselben Grund mit einer Klinge eingeritzt. Außerdem mussten wir uns Baumwollbänder um den Unterleib wickeln, Sie können sich sicher vorstellen, was die weißen Kinder beim Schwimmunterricht dazu gesagt haben.

Wie sind Sie mit denen ausgekommen?

Eigentlich sehr gut, da gab es nie Probleme. Aber die Baumwollbänder konnte ich meinen Klassenkameraden nicht erklären. Unsere Kultur kann einem schon Angst einflößen, vor allem, wenn sich so ein Sangoma in Trance betet.

Würden Sie Ihre eigenen Kinder mit Xhosa-Bräuchen traktieren? Warum lachen Sie?

Ich würde mir nur die harmlosen, schönen Sachen heraussuchen, von denen es auch eine Menge gibt, zum Beispiel den Imbeleko-Ritus, bei dem das Neugeborene den lebenden und toten Clan-Mitgliedern vorgestellt wird. Man schlachtet, glaube ich, eine Ziege, es wird selbst gebrautes Bier getrunken … Wie das genau funktioniert, werde ich herausfinden, wenn es so weit ist.

Sie sagen, dass der Clan in Ihrer Kultur eine entscheidende Rolle spielt. Kam Ihr Vater allein mit drei kleinen Kindern klar?


Er hat versucht, das Beste draus zu machen. Wissen Sie, es kommt mir oft vor wie ein Lottogewinn, dass er sich ausgerechnet um uns drei gekümmert hat. Er hatte ja noch sehr viel mehr Kinder, noch zusätzlich etwa zehn, die er nicht erzogen hat. Ich schätze, dass wir die Auserkorenen waren, weil er unsere Mutter wirklich geliebt hat.

Er hat für alle gekocht?


Mein Vater hat uns gezeigt, wie’s geht. Er war ja als Lkw-Fahrer oft weg. Weil Fleisch zu teuer war, gab es nur Variationen von Mais, Bohnen und Reis.

Haben Sie Kontakt zu ihm?


Im vergangenen Dezember hat er mich nach acht Jahren zum ersten Mal in Kapstadt besucht. Und plötzlich zauberte er noch eine weitere Verwandte aus dem Hut – wir besuchten eine Großtante in Gugulethu. Die trägt mit 70 enge Hüfthosen und kümmert sich ihrerseits um eine Großfamilie.

Die meisten Touristen, die Kapstadt besuchen, bewegen sich aus Angst vor Überfällen nur sehr vorsichtig durch die Stadt. Ein Township wie Gugulethu würden sie nie auf eigene Faust besuchen.

Ein Fehler! Sicher kann man in Kapstadt auch einen guten Urlaub verbringen, wenn man sich nur an der Waterfront, am Strand und im Luxusrestaurant aufhält. Viele Besucher vergessen, dass das Zentrum von Kapstadt nur ein kleiner Teil der Stadt ist. So gesehen ist die Struktur immer noch kolonial. Die Weißen haben dort die Macht und lassen sie auch nicht los. Leute, fahrt in die Townships!

Angesichts der großen Unterschiede zwischen Armen und Reichen – denken Sie manchmal, dass es dafür noch verhältnismäßig wenig Gewalt gibt?

Nein. Ich sage Nein, weil ich viele Arme kenne und gekannt habe. Da ist so viel Lebenslust, und für die meisten kommt Gewalt nicht infrage. Doch mich fröstelt, wenn ich mitbekomme, mit welcher Ignoranz und Arroganz die Villenbesitzer in Camps Bay ihre Hausangestellten behandeln. Man kann es nicht wirklich vergleichen, aber als ich letztens Lust hatte auf ein kurz gebratenes Thunfischsteak, fragten sie mich beim Bestellen im Restaurant, für wen ich arbeite.

Wie haben Sie reagiert?


Ich habe das Restaurant eine Weile boykottiert. Puh, dann bin ich doch wieder hingegangen, das Essen schmeckt einfach zu gut.

Der südafrikanische Schriftsteller Ivan Vladislavic sagt: „Es ist nicht gesund, jeden Menschen, dem man auf der Straße begegnet, als potenzielle Gefahr wahrzunehmen.“ Wurden Sie einmal Opfer von Gewalt?

Ja. Ich war gerade nach Kapstadt gezogen, studierte mit einem Stipendium Schauspiel und lebte in einem Wohnheim in der Nähe des Groote- Schuur-Krankenhauses in Observatory. Es war der Geburtstag meines Ex-Freundes, und ausgerechnet an diesem Tag war ich krank. Mein Ex-Freund war ausgegangen, und ich stand in der Küche und machte mir gerade einen Ingwertee, als ich bemerkte, dass jemand hinter mir stand. Der Typ packte mich, doch ich konnte mich losreißen, zur Haustür rennen und um Hilfe schreien.

Sie konnten fliehen?

Nein, in dem Moment tauchte ein zweiter, größerer Mann auf und fesselte mich und meine beiden Zimmernachbarn mit Telefonkabeln an Stühle. Es war auch ein Hund da, der bellte zum Glück nicht, sonst wäre er sicher erschossen worden.

Sie haben sich in diesem Moment ernsthaft Sorgen um den Hund gemacht?

Man ist ja nicht ganz bei sich in so einer Situation. Man steht unter eiskaltem Schock und empfindet das, was geschieht, als total irreal. Meine Nachbarin hat es irgendwie geschafft, den Panik-Knopf zu drücken …

… mit so einem Knopf alarmiert man private Sicherheitsdienste …


… und als Blaulicht durchs Fenster drang, sind die Einbrecher in Richtung der Autobahn N5 entkommen. Dort sind sie allerdings sofort verunglückt.

Wie sind Sie mit diesem Erlebnis fertig geworden?


Ich habe seitdem eine handfeste Paranoia. Ich lebe ja allein, und wenn ich in meiner Wohnung eine Zimmertür öffne, verharre ich immer einen Moment bewegungslos im Türrahmen und horche, ob vielleicht schon jemand im Raum ist.

Was sagen Sie einem 30-jährigen weißen Arzt, der aus Johannesburg nach London zieht, weil er dort einen Job bekommt und sich sicher fühlt?

Ich verstehe das! Aber es ist beschissen, so jemanden zu verlieren. Das Land leidet unter einem massiven Braindrain.

Sie und Ihre Band hatten mal zwei Auftritte an einem Tag: Zuerst in einem reichen Vorort von Johannesburg, dann in Soweto. Ein großer Unterschied?

Leute, die arm sind, haben nicht viel zu verlieren. Sie sind ausgelassener, lassen dich aber auch unmittelbar spüren, wenn ihnen was nicht gefällt. Reichere Leute sind zwar verhaltener, geben dir aber auch eine Chance. Beides ist auf eine Art schön.

Warum sieht man in Johannesburg viel mehr Paare unterschiedlicher Hautfarbe als in Kapstadt?

Johannesburg wurde gebaut, um Geld zu scheffeln. Und Geld ist ein Gleichmacher. Heute verläuft dort die Grenze nicht mehr zwischen Schwarz und Weiß, sondern zwischen Arm und Reich.

Neuerdings geht es auch manchen Weißen schlecht. Sprachrohr des südafrikanischen „White Trash“ ist die afrikaanssprachige Punkband Fokofpolisiekar, was „Fuck off, Polizeiauto“ bedeutet.

Ist doch cool, wenn die Leute wieder in ihrer Sprache Musik machen. Den Bandleader, Francois van Coke, habe ich zuletzt auf dem Oppikoppi-Festival gesehen, als er so betrunken war, dass er sein Zelt nicht finden konnte.

Sie singen auch ein paar Songs auf Xhosa oder wechseln zwischen Xhosa und Englisch hin und her. Gibt es Dinge, die Sie nur auf Xhosa sagen können?

Eigentlich nicht, ich benutze meine Muttersprache meist dann, wenn ich eine spezielle Nachricht für meine Leute habe.

Hugh Masekela, einer der bedeutendsten Jazzmusiker Afrikas, kritisierte kürzlich, dass man nach dem Ende der Apartheid von den Schwarzen verlangt habe, ihren Unterdrückern zu verzeihen. Sehen Sie die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission auch so negativ?

Masekela ist berühmt für seine provokanten Thesen. Ich finde es gut, was die Kommission geleistet hat. Allerdings hätte sie ihre Arbeit nicht so schnell beenden dürfen, wir bräuchten mehr davon – gerade auf der Ebene der kleinen Gemeinden.

Wie könnte das aussehen?

Ich kann nur sagen: 1994 kam, und wir waren plötzlich alle gleichberechtigt. Zuerst war alles Euphorie, doch schon nach wenigen Jahren kühlte die Stimmung deutlich ab. Viele Menschen blieben trotzdem lieber unter ihresgleichen. Oft fehlten die Schnittstellen, einander kennenzulernen und zu verstehen. Ich versuch’s mit einer Analogie, die vielleicht zu kurz greift: Es ist wie mit einer Ehe. Man lebt nebeneinander her, hat Krach. Irgendwann heiratest du zum zweiten Mal, ohne die vorangegangenen Probleme aufgearbeitet zu haben.

Wenn Sie heute nach New Brighton fahren, um Ihre Familie zu besuchen – wie ist das für Sie?

Ich fühle mich immer noch sehr willkommen und geborgen. Das Leben dort ist einfach, nicht so kompliziert wie in der Stadt. Andererseits schockiert mich, wie gerade die Alten sich gehen lassen. Alkohol spielt eine große Rolle. Es klingt komisch, aber damals hielten die Menschen fester zusammen, jeden Tag gab es Demonstrationen, man spürte, wie sich das Leben zum Guten verändert. Diesen Geist gibt es nicht mehr.

Wie ist es in Ihrer Generation?

Die Mädchen von früher sind verheiratet, haben viele Kinder und nur ein geringes Einkommen. Es ist oft traurig zu sehen, was aus ihnen geworden ist und wie klein ihre Welt ist. Und es beweist, was Bildung bewirken kann. Ich wünsche mir für meine Leute einen weiteren Horizont.

Frau Mahola, interessieren Sie sich für Fußball?

Ach, nein, stopp, bitte nicht! Darf ich mir die Fragen selber stellen?

Gern.

Wird Südafrika seine Stadien rechtzeitig fertig kriegen? Ja. Wird Südafrika überhaupt in der Lage sein, die erste WM auf afrikanischem Boden auszurichten? Ja. Wird Bafana Bafana eine Chance haben? Hahaha!

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