Zeitung Heute : Zu den "Römern Südamerikas"

VOLKER KIPKE

Alles ist wahrscheinlich, wenig ist sicher - eine Reise durch das Andenland Peru, und die Auszeit für LamasVON VOLKER KIPKE

Warum bloß weicht Javier den dicksten Steinen immer gerade dann nach links aus, wenn links die Steilwand fast senkrecht abfällt? Da unten, 200 Meter tiefer, dann 300 und 400 Meter unter der Piste, braust ein Fluß durch die gewundene Schlucht.Rechts der einspurigen Kiesstraße steigt der Fels steil zum Himmel - jedenfalls bis über 6000 Meter.Nach der nächsten Haarnadelkurve, wenn sich der Blick aus dem Bus nun rechts in schaurigen Tiefen verliert, lenkt Javier scharf an den größten Bollern vorbei, hart an den Rand der Klippe.Wenigstens schnüffeln ab ungefähr 3500 Meter keine Trupps schwarzer Schweine mehr auf der Paßstraße herum.Gelegentlich kommt ein Campesino auf seinem Maulesel entgegen; dann ein Lastwagen.Javier und der Lastwagenfahrer meistern das irgendwie.So geht es in der Cordillera Blanca.In der Cordillera Negra ebenfalls.Es gibt noch viel mehr Cordilleras in Peru. Peru hat einige Anstrengungen zu bieten.Aber auch solche Herrlichkeiten wie Cusco, die zum kolonial-barocken Prunkstück gewandelte Inka-Kapitale.Sogar die heutige Hauptstadt Lima ist nicht durchweg eines jener vom Aussatz befallenen lateinamerikanischen Stadtungeheuer, Lima leuchtet - zumindest in seinem historischen Zentrum.Und Machu Picchu! So voller Rätsel steckt die grandiose Ruinenstätte auf dem Gipfel eines dschungelüberwucherten Kegelberges, daß sie zum Lieblingsort der Mystiker und Theorienbastler wurde; war dies der Sitz der priesterlichen "Sonnenjungfrauen"? Dabei ist Machu Picchu wahrscheinlich - in Peru gibt es fast immer nur "wahrscheinlich", wenig ist sicher - ziemlich jung, stammt von den Inkas, vor etwa 800 Jahren gebaut.Aber wohl 3500 Jahre alt sind die Tempelstädte von Chavín und Sechín. Auf dem Wege nach Sechín schafft es Javier lässig, in nur fünf Stunden seine gut durchgerüttelten Fahrgäste die 80 Kilometer über die Cordillera Negra zu befördern; dann ist es nur noch eine kurze Strecke bis Sechín in der grellen Wüste am Pazifik.Die Hügel hier sind oft keine natürlichen Erhebungen, sondern verfallene Bauten.Erst als sich 1970 der Schöpfergott Pachacamac wieder einmal schüttelte - so entstehen Erdbeben - und dabei einen Haufen Steine durcheinanderwarf, entdeckte man darunter den alten Haupttempel.Sechín war vielleicht ein vorinkaisches Medizin-Zentrum.Manche der Reliefs auf der Tempelmauer zeigen Männer mit langen Daumennägeln.Noch heute sollen sich Schamanen die Nägel am Daumen lang wachsen lassen; damit schlitzen sie Meerschweinchen den Bauch auf und stellen aus den Eingeweiden Krankheitsdiagnosen - der Kranke muß sich vorher nur etwas mit dem Tier beschäftigt haben.Anschließend wurde und wird das Meerschweinchen verspeist.Die grünen Gerstenbündel auf den Märkten von Cusco sind Futter für Meerschweinchen, ihr Fleisch gilt als besonders nahrhaft. Auch in den Tempeln von Chavín - in 3100 Meter Höhe, "am Fuß" der Cordillera Blanca - haben die Archäologen einige Mauern mühsam wiederhergestellt, der größere Teil des Geländes harrt noch der Erforschung.Wieder ein Spaziergang zwischen Ruinen und Rätseln.Vielleicht war Chavín ein Pilgerzentrum am Handelsweg vom Urwald zur Küste, ein Treffpunkt verschiedener vorinkaischer Kulturen. Vor einigen Jahren plünderten Einwohner des heute abgelegenen Andenstädtchens das einzige Hotel besserer Klasse.Denn es kamen sowieso keine Touristen mehr: Sie fürchteten Anschläge des "Leuchtenden Pfades"; überall abseits der Großstädte blieben die Gringos weg.Im ganzen Land gab es immer wieder Stromsperren, weil die Rebellen die Leitungsmasten sprengten.Aber jetzt, drei Jahre nach der Verhaftung des Rebellenführers, ist die Redewendung "nach dem Terrorismus" in Peru so geläufig wie bei uns "nach der Wende". Vorsichtshalber halten Schlagbäume weiterhin häufig den Verkehr auf den Landstraßen an.Im Zuge der allgemeinen Normalisierung verlangen die Kontrolleure aber nicht mehr wie früher, wird berichtet, so unverfroren Dollargeschenke.Aus den Elendsvierteln von Lima zieht mancher aufs nun sichere Dorf zurück.Die Geiselnahme in der japanischen Botschafterresidenz erlebten die Peruaner als ein heftiges Nachbeben der Terrorismus-Ära.Lima kam dadurch zu einer zusätzlichen Sehenswürdigkeit, "alle wollen das berühmte Gebäude sehen", sagt Margarita, die Reiseleiterin.Inzwischen sind die Touristen wieder da. Peru hat rund tausend archäologische Stätten, fünfzig davon "entwickelt" und zu besichtigen.Von der Fülle der unterschiedlichen Kulturen schwirrt dem Besucher, wenn er ohne intensive Vorbereitung kommt, der Kopf.Die Nasca-Leute - berühmt durch die 13 000 nur vom Himmel sichtbaren Linien und Figuren, die sie in der Wüste schufen - waren abstrakte Künstler."Sehen Sie bloß, dieselben Ideen wie Picasso, sehen Sie!" Die Reiseleiterin gerät, obwohl sie das alles schon hundertmal erklärt hat, ganz aus dem Häus-chen angesichts der Nasca-Keramik."Sehen Sie die Trompeten, die Panflöten aus Keramik!", ruft sie begeistert, "von den Nasca-Leuten hat man mehr Musikinstrumente als Waffen gefunden." Die gleichzeitige Moche-Kultur - 200 vor Christus bis 600 nach Christus - war dagegen prosaisch und liebte naturalistische Darstellungen.Das "Museo de la Nación" in Lima mit seinen Schaustücken sämtlicher Kulturen erteilt eine wunderbare Grundlektion der Peru-Kunde.Und wenn man dann noch Margarita Stuard de la Torre hat! Die Inkas waren "die Römer Südamerikas", sie verschmolzen das Beste aus den älteren Anden-Kulturen zu ihrer eignen; sie waren geniale Bürokraten ohne Schrift.Es begab sich etwa um die Zeit, als in Europa ein Strohhüttenort namens Berlin gegründet wurde, daß der Anführer des Inka-Stammes vom Titicacasee eine goldene Lanze in den Himmel warf, und wo sie niederfiel - in einer fruchtbaren Senke 3300 Meter hoch -, dort baute er seine Hauptstadt, genannt Qosqo, "Nabel".Der Stamm wurde die Herrscher-Sippe über alle unterworfenen Völker, "Inka" schließlich gleichbedeutend mit König.Den letzten Inka, Túpac Amaru, köpften die Spanier 1572 auf dem Hauptplatz von Cusco.Ihre Häuser errichteten die Spanier über dem Inka-Mauerwerk aus oft riesigen Steinen, die so glatt behauen und vieleckig ineinander verschachtelt wurden, daß manche vermuten, die Inkas hätten mit einem nur ihnen bekannten Kraut die Steine vor der Bearbeitung flüssig machen können.Auf einer Hochebene nahe Cusco hatten die Inkas ihre landwirtschaftliche Versuchsanstalt: wie in einem Amphitheater gestaffelte Terrassen mit jeweils unterschiedlicher Bodenzusammensetzung.Die Archäologen fanden an die tausend Kartoffelsorten.180 werden heute noch angebaut.Ollantaytambo im Heiligen Tal des Urubamba war die Bauakademie; hier übten sie sich, an Mustern noch sichtbar, in der Steinbearbeitung.Wahrscheinlich. Machu Picchu 400 Meter hoch über dem schäumenden Urubamba haben die Spanier nie gefunden.Heute krabbeln jährlich 100 000 Menschen bergauf-bergab durch die Ruinenstadt am Rande der modernen Welt, die nur mit einer etwas klapprigen Eisenbahn oder dem Hubschrauber zu erreichen ist; oder nach einem Drei-Tage-Trekking (mit Träger) auf dem alten Inka-Pfad.Einige andere Wanderwege in der Umgebung wurden (für voraussichtlich ein Jahr) gesperrt, weil kürzlich der Dschungel auf einigen der Kegelberge ringsum abbrannte.Schamanen versenkten Opferpakete mit geweihten Kartoffeln in der Erde, um den Regen zu beschwören.Er kam nach drei Tagen und löschte.In Machu Picchu ging nur ein einziges (ohnehin nicht originales) Dach in Flammen auf.Auch die vier zur Freude der Dokumentarfilmer noch gehaltenen Lamas überstanden das Unheil.Mensch und Tier leben in leicht gespanntem Frieden miteinander.Die Touristen kennen den Spruch: "Alpacas spucken manchmal, Lamas immer." Die Lamas kennen ihn nicht. Die Haustiere der Inkas scheinen jetzt, um Jahrhunderte verschoben, das zu erleben, was einst ihren Herren widerfuhr, sie unterliegen dem "Moderneren" aus Europa.So hüten die Frauen mit den vielen bunten Röcken übereinander und den schwarzen Zöpfen, die unter dem steifen Hut baumeln, meist Schafe und Kühe, denn die geben mehr Milch und Wolle; und ein kleiner Esel trägt mehr Lasten als ein großes Lama.In den Hochsteppen de Cordillera Blanca aber wurden Alpacas wieder eingebürgert.Die Bergkette mit 27 Sechstausendern ist Nationalpark.Condore und Brillenbären leben hier.In der Stadt Huaraz treffen sich die Bergsteiger und -wanderer aus Europa und Nordamerika.Zwischen den höchsten, mal zackigen, mal klotzigen Gipfeln steht die Hütte der Naturwacht an einem verträumten See.In den See stürzte beim Erdbeben 1970 ein Gletscher, das Wasser schwappte über und schwemmte im Tal mehrere Ortschaften fort. Die riesige Kathedrale von Lima besteht großenteils aus Holz, denn bei Erdbeben biegt sich Holz und bricht weniger leicht.Das Auge erkennt das Material nicht unter dem Prunk.Zum Beweis klopfen die Stadtführer an einen Pfeiler: tatsächlich, Holz.Die Führer haben ausgemacht, immer nur an einen der Pfeiler zu pochen, damit nicht etwa viele Pfeiler durch die Finger verschmutzt werden.Die ganze Altstadt ist picobello sauber.Historische und modernere Gebäude sind renoviert, die Fassaden neu gestrichen, Denkmäler geschrubbt.Der Rathausparkplatz wandelt sich gerade zur Grünfläche.Die einstmals "fliegenden" Händler wurden in eigene Markthallen gesteckt.Die Häuser eines Armenviertels, das den Berg dicht beim Zentrum hinaufkriecht - wo Pizarro sein erstes Kreuz errichtete -, strahlen in knalligen Farben; Idee eines Künstlers, gesponsert von einer Farbenfabrik, gefördert von der Stadtverwaltung.Viel Tünche zur Vertuschung von Schäbigkeit und Elend? Nein, nicht nur: "Das alles ist für uns fast ein Wunder", sagt Margarita, "es gibt uns Hoffnung, der ganzen Nation." TIPS FÜR PERU An- und Rundreise: Etwa 15 Stunden Flug plus Umsteigezeiten, zum Beispiel mit Avianca oder Lufthansa.Günstigster Lima-Tarif der LH (im November) 1799 Mark.Manche Reisebüros werben für Billigtickets.Inlandsflüge derzeit etwas beschränkt (wegen wirtschaftlichen Absturzes lokaler Fluggesellschaften).Bei Busrundreisen ist wegen großer Entfernungen und schlechter Straßen Frühaufstehen angesagt. -Angebote: Mit einem längeren Rundgang zu einer Reihe von Berliner Reisebüros bekommt man einen ansehnlichen Stapel von Prospekten zusammen: Viele Studien-, etliche Spezial- (Inca Travel, Tourismus Schiegg und andere) und mehrere Allround-Veranstalter (Airtours, Dr.Tigges von TUI und andere) haben Peru im Programm, oft verbunden mit Bolivien und/oder Ecuador. -Preise: Billig ist Peru für den Touristen, der durchschnittlichen oder höheren Komfort samt guter Verköstigung wünscht, keineswegs.Doch kann man abseits der touristischen Pfade zu einigermaßen günstigen Preisen, in Dörfern sogar billig essen. -Einzelreisen: Wo eine Piste ist, ist auch ein Linienbus.Nur ein Busfahrer - und selbst er nicht immer - findet die richtige Piste.Ausflüge zu den touristisch marktfähigen Orten werden in Cusco und Lima angeboten, zum Beispiel Tagesfahrt Cusco - Heiliges Tal neun US-Dollar; Inkaweg-Wanderung Cusco - Machu Picchu mit drei Zeltübernachtungen, Mahlzeiten und Träger 60 Dollar.Ohne mitgebrachte gute Literatur oder Führer ist Archäologisches kaum durchschaubar (Führung in Machu Picchu 10 Dollar), keine Infotafeln, auch das Museo de la Nación hat nur spanische Erläuterungen.In Huaraz sind Kraxel-, Trekking- und Mountainbiketouren zu buchen.Einfache Hostales gibt es reichlich. -Auskunft: "PromPerú-Tourismo" besitzt keine offizielle Vertretung in Deutschland, doch soll das Generalkonsulat von Peru, Roßmarkt 14, 60311 Frankfurt am Main (Telefon: 069 / 203 01) eine für touristische Fragen zuständige Mitarbeiterin haben. © 1997 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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