Zeitung Heute : Zu flexibel für den Streik

Warum die IG Metall sich neu sortieren muss – und weshalb sie das gar nicht so ungern tut

Alfons Frese

Im 13. Jahr nach der Einheit wollte die IG Metall einen großen Schritt zur Angleichung der Arbeitsverhältnisse machen: Ein Stufenplan sollte für die Metaller im Osten die 35-Stunden-Woche festschreiben, die es im Westen seit 1996 gibt. Nach vier Wochen endete der Arbeitskampf mit der Niederlage der Gewerkschaft und einem niederschmetternden Ergebnis: Die 38 Stunden im Osten gelten bis mindestens 2007. Die Streikstrategen der IG Metall haben ihren Mitgliedern die Festschreibung des Status quo eingebrockt.

Nie zuvor ging ein Arbeitskampf der Metaller so schief. Die Warnung von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, der Streik finde zum falschen Thema zur falschen Zeit am falschen Ort statt, beeindruckte den ostdeutschen Streikführer Hasso Düvel nicht. Im Glauben an arbeitszeitpolitische Rezepte aus den 80er Jahren, eine kollektive Verkürzung der Wochenarbeitszeit, verrannte sich Düvel. Auch deshalb, weil „die ostdeutsche Betriebslandschaft wesentlich heterogener und die betrieblichen Interessenlagen sehr viel zerklüfteter“ als im Westen sind, wie der Jenaer Professor Rudi Schmidt konstatierte. Kein Wunder, das in der letzten Streikwoche nur noch zehn Betriebe mit 8000 Beschäftigten in den Streik einbezogen waren. Es gab keine Chance, den Widerstand der Arbeitgeber mit einer Ausweitung des Streiks zu brechen. Die IG Metall musste die weiße Fahne hissen.

Wie anachronistisch das Streikziel war, zeigt der Auftakt der Tarifunde 2004 im Westen. Die Arbeitgeber beharren auf flexibleren Arbeitszeiten, zur Sicherung der Arbeitsplätze sollen die Beschäftigten bei Bedarf länger arbeiten, ohne dafür mehr Geld zu bekommen. Das lehnt die IG Metall natürlich ab. Nicht aber die Flexibilisierung der Arbeitszeit. IG-Metall-Chef Jürgen Peters kann sich einen Korridor zwischen 30 und 40 Stunden vorstellen, wenn die zusätzliche Arbeit auf Konten fließt. Ausgerechnet Peters, der mit Düvel am entschiedensten für die 35 Stunden gekämpft hatte und gern als Betonkopf dargestellt wird. Aber dem Druck der Wirklichkeit kann sich auch die IG Metall nicht entziehen. Es sei denn, sie will weitere Niederlagen wie im Osten kassieren und damit dem Flächentarif den Rest geben.

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