ZU HAUSE : Alles für eine

Es heißt schon so: Einfamilienhaus. Doch manche wollen den Traum davon auch ohne Familie wahrmachen. Ganz ohne Probleme ist das nicht zu haben. Hausbesuche bei drei Singles

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Tina Gorf mit Milla.
Tina Gorf mit Milla.Foto: Manfred Thomas

Ob sie einen Knall habe, wollten Tina Gorfs Freunde wissen. Warum sie statt nach Berlin nach Potsdam ziehe – und vor allem: warum alleine in ein Haus? Tina Gorf, eigensinnig und selten um einen guten Spruch verlegen, hat es trotzdem getan. Wenn man die 41-jährige Drehbuchautorin heute, während sie am Gartentisch unter dem großen Kirschbaum an einer Geschichte für die ZDF-Serie „Notruf Hafenkante“ arbeitet, nach den Gründen fragt, kann sie gleich eine ganze Reihe davon aufzählen.

Natürlich ist da Hündin Milla, ein Dalmatiner-Bernersennen-Mischling, die sich im 600 Quadratmeter großen Garten wohler fühlt als in einer Mietwohnung. Außerdem hat Gorf die Gartenarbeit entdeckt, so wie andere Yoga: „Wenn ich wütend bin oder traurig“, sagt sie, „nehme ich mir einen Spaten und grabe. Hinterher geht’s mir wieder gut.“ Der wichtigste Grund aber ist der denkbar simpelste: Als Tina Gorf 2004 von der Drehbuchschule aus Hamburg kam, um für die damals in Potsdam produzierte Telenovela „Bianca“ zu schreiben, sah sie das kleine Häuschen in Babelsberg und wollte sofort darin wohnen. Also gab sie einfach ihrem Gefühl nach und unterschrieb den Mietvertrag.

Sie ist Single und wird es, so sagt sie ironisch, auch bleiben müssen („Robbie Williams hat ja nun leider geheiratet“), aber warum hätte sie deswegen auf das alles verzichten sollen? Auf die himmlische Ruhe, den Blick vom Schlafzimmer im ersten Stock direkt auf die Kirschblüten, das eingekochte Obst im Herbst?

Es gibt Miets-, Doppel- und Einfamilienhäuser. Aber Einpersonenhäuser – die sind eigentlich nicht vorgesehen. Wer als Einzelner in ein Haus zieht, erfüllt sich vielleicht einen Traum, hat aber auch mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. Das beginnt bei hohen Kosten und endet bei seltener werdenden Kontakten zu Freunden: Die Singles unter ihnen wohnen schließlich woanders, im Zentrum der großen Städte, und die Paare in den Einfamilienhaussiedlungen bleiben eher unter sich. Kein Wunder, dass Menschen, die alleine den Schritt zum eigenen Haus wagen, Individualisten sind.

„Ich kenne keinen außer mir, der das gemacht hat“, sagt Tina Gorf. Inklusive Nebenkosten kommt sie für ihr Häuschen mit einer Wohnfläche von nur 90 Quadratmetern auf 1000 Euro Miete – Geld, das für eine große, zentral gelegene Wohnung in Berlin reichen würde. Ihre Freunde wohnen in Kreuzberg, sechs, sieben Mal im Monat ist sie dort und genießt es, „aber ich bin auch froh, wenn ich mich in meinen Mini setzen und wieder nach Hause fahren kann“. Umgekehrt kommt der Besuch unregelmäßig, obwohl die Freunde mittlerweile ziemlich begeistert von ihrem Haus sind. Tina Gorfs Grillpartys im Sommer sind große Feste, im Winter taucht seltener jemand auf. „Da bekomme ich immer eine kleine Krise“, sagt sie und lacht.

Bettine Lothholz, die seit 1998 in ihrem neu gebauten Haus in Michendorf wohnt, hat mehr als nur eine kleine Krise erlebt. „Als ich mit dem Bau begann, haben mir viele gesagt, dass sie mich bewundern. Damals wusste ich nicht warum, heute verstehe ich es“, sagt sie.

Dabei hat sich Lothholz, 52 Jahre alt, ihr persönliches Traumhaus errichten lassen, der Architekt war ein alter Bekannter. Noch heute merkt man ihr an, wie gerne sie in diesem Haus wohnt, wie gut es zu ihr passt. Im Erdgeschoss gibt es die Küche, einen großen Esstisch und eine Sofaecke; an den Wänden hängen Bilder, die Freunde gemalt haben. Lothholz schaut durch die große Fensterfront auf den langgezogenen Garten, hinter dem Wiesen und Wälder beginnen. „Dort wird nie was gebaut werden, das ist alles Naturschutzgebiet“, sagt sie – und ergänzt: „Nach vorne fügt sich mein Haus ins Dorf ein, es sollte nicht protzig wirken. Nach hinten öffnet es sich zur Landschaft. Genau so wollte ich es.“ Dann nimmt sie die Treppenstufen nach oben, betritt im ersten Stock das Gästezimmer und deutet auf ein Fenster zur Straße. Von hier aus, sagt sie, könne man wunderbar Störche in ihrem Nest beobachten.

Lothholz hat keine Probleme mit den Leuten im Dorf, auch wenn sich noch keine großen Freundschaften ergeben haben. Sie verliebte sich gleich nach dem Mauerfall, als sie das erste Mal aus West-Berlin hierher kam, in diesen Teil von Michendorf. Ein bisschen erinnerte sie die Gegend an Italien, wo sie eine Zeit lang gelebt hatte. Als die Gelegenheit kam, kaufte sie ein Grundstück und nahm einen Kredit fürs Haus auf. Zwar hatten sie und ihr damaliger Freund sich schon getrennt, aber dass sie den Neubau finanziell selber stemmen wollte, war auch Teil einer Philosophie. Das Haus, von dem sie ein paar Jahre geträumt hatte, sollte wirklich ihr gehören – und ihres bleiben. „Im Freundeskreis hatte ich Paare erlebt, die gemeinsam bauten, das Haus nach der Trennung aber wieder verkauften“, sagt sie.

Rund 300 000 Euro kostete Lothholz’ Haus am Ende. Mehr als geplant. Um den Kredit abzubezahlen, machte sich die Physiotherapeutin selbstständig; mit dem Auto braucht sie 25 Minuten bis zu ihrer Praxis in Zehlendorf. Weil sie die Schulden schnell abbezahlen wollte, schuftete sie bis an die Grenzen ihrer Kräfte, erlitt mehrere Zusammenbrüche.

Mittlerweile ist der Kredit abbezahlt und Lothholz arbeitet weniger. An diesem sonnigen Dienstagabend im August sitzt sie auf einem Stuhl neben dem Gartenzaun, beobachtet die Pferde auf der nahegelegenen Koppel und sagt, jetzt könne sie das alles richtig genießen, „aber zehn Jahre lang habe ich wenig gelebt“. Sie weiß nicht, ob sie das anderen empfehlen würde, als Single ein Haus zu bauen. „Zu zweit ist man finanziell einfach abgesicherter.“

Auch Uwe Schmidt hat sich ein Haus gebaut – im wahrsten Sinne des Wortes. „So gut wie jeden Stein hatte ich selbst in der Hand“, sagt der 46-Jährige. Schmidts eingeschossiges Haus, das in einer Einfamilienhaussiedlung in Strausberg steht, 30 Kilometer östlich von Berlin, ist ein Produkt der Wendejahre. Begonnen hat er den Bau 1988 (nach Plänen für ein DDR-Standardeigenheim Typ HB4: Holzbeton, vier Zimmer), eingezogen ist er am 3. Oktober 1990, die Einbauküche stammt schon aus dem Westen.

Dass er hier noch immer alleine wohnt, sei nicht unbedingt eine Lebenseinstellung, „das hat sich so ergeben“, sagt er. Das Grundstück gehörte den Großeltern, bis zu ihrem Tod pflegte Schmidt die Oma. Sein Haus ist unverkennbar das eines Mannes: Der Garten davor interessiert ihn nicht besonders, die Schrankwand im Wohnzimmer ist noch die, die er 1989 in der DDR gekauft hat und in seinem Arbeitszimmer stehen Dutzende Modelle von Feuerwehrautos – Schmidt ist Chef der freiwilligen Feuerwehr und bei mehr als 150 Einsätzen im Jahr dabei.

In eine Wohnung ziehen, nein, das würde er nie mehr: Auf dem Grundstück bekommt sein Hund Auslauf und hinten im Hof hat Schmidt sogar einen Pool angelegt. Er ist Elektriker bei den Stadtwerken, das Handwerkliche liegt ihm, aber es ist keine große Leidenschaft; in der DDR musste man sich einfach zu helfen wissen. Trotzdem, an seinem Haus hängt Schmidt auch deshalb so sehr, weil er es mit seinen eigenen Händen errichtet hat – und weil er hier seine Ruhe hat, machen kann, was ihm gefällt, weil es Unabhängigkeit bedeutet. Wenn es etwas zu bauen oder zu reparieren gibt (und es gibt immer etwas zu reparieren, sagt Schmidt), übernimmt er das meist selbst.

Tina Gorf aus Potsdam, die jeden Tag mehr von ihrer praktischen Seite entdeckt, hat derzeit zwei Projekte. „Ich will einen Teich, ich will Libellen!“, sagt sie und lacht wieder. „Und dann plane ich noch, die Terrasse überdachen zu lassen.“ Als sie ihren Freunden davon erzählte, haben die wieder mit den Augen gerollt und gefragt, warum sie Geld in ein Objekt stecke, das ihr doch gar nicht gehört. Gorfs Antwort wird die anderen nicht überrascht haben. Das sei ihr egal, hat sie gesagt. „Weil: Ich lebe jetzt – und ich will jetzt in diesem Haus glücklich sein.“

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