Zu Hause : Hausbesuche

Sie wollen verkaufen, helfen, überzeugen: Für manche Menschen gehören Besuche in fremden Wohnungen zum Alltag. Hier erzählen fünf von ihnen, was sie dabei erleben.

Protokolle: Johanna Lühr
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Ferdi Derks verkauft Staubsauger.Foto: privat

Ferdi Derks, 53, Staubsaugervertreter


Entscheidend ist immer der erste Eindruck. Da kriegt man nie eine zweite Chance. Innerhalb von Sekunden weiß der Kunde, ob man ihm sympathisch ist oder nicht. Deswegen achte ich sehr auf meine Erscheinung. Ich trage immer einen Anzug und gut geputzte Schuhe, man wird ja von oben bis unten gemustert. Seit 19 Jahren verkaufe ich Staubsauger, habe 6000 Kunden. Mein Arbeitstag beginnt morgens gegen neun, dann haben die Leute schon ihre Frühstückstische abgeräumt, wenn ich komme. Falls sie noch keinen Staubsauger von Vorwerk besitzen, biete ich ihnen zuerst eine kostenlose Feinstaubanalyse an. Dann nehme ich mit einem Kunststoffstreifen eine Staubprobe vom Sofa, tropfe eine Testflüssigkeit darauf. Je nach Eiweißgehalt verfärbt sich der Staub. Und damit sind zwei Dinge klar. Erstens: Der Staub ist nicht locker, sondern sitzt im Gewebe, und zweitens: Ein Teil davon ist organisch. Denn der eiweißhaltige Staub besteht aus Hautschuppen, Milbenkot oder Schimmelpilz. Das ist ganz natürlich. Wenn eine Dame nun peinlich berührt ist, weise ich sie darauf hin, dass es nicht an ihr liegt, sondern an ihrem Gerät. Ich will ja keinen in Verlegenheit bringen. Eigentlich ist es simpel: Erst zeige ich ihnen, dass sie ein Problem haben. Und dann bringe ich den Problemlöser. Ich habe immer zwei Staubsauger dabei: „Kobold“, den legendären Handstaubsauger, und „Tiger“, den Schlitten. Man weiß nie, wer am Ende kauft. Manche haben zwar ein tolles Auto vor der Tür, wollen aber nicht viel ausgeben. Und dann gibt es Kunden, die sich das Geld für ein gutes Gerät vom Mund absparen. Die meisten wollen erst darüber nachdenken. Es geht ja schließlich um Preise von 600 bis 1300 Euro. Am schwierigsten zu überzeugen sind die Ehemänner. „Ach, der alte tut’s ja auch noch“, heißt es immer. Erst wenn sie selbst als Pensionär zu Hause sind und das Staubsaugen übernehmen, wollen sie plötzlich einen neuen. Dann aber das volle Programm.

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Michael HermannFoto: Kitty Kleist-Heinrich

 Michael Hermann, 44, Kammerjäger
In meinem Beruf kann man nicht einfach in eine Wohnung gehen und alles platt machen, was sich bewegt. Man braucht Einfühlungsvermögen. Nur wer Mäuse, Ratten, Bettwanzen, Ameisen durchschaut, kann sie bekämpfen. Für jede Ratte im Haus gibt es ja eine Ursache, zum Beispiel kaputte Abwasserrohre. Andererseits muss ich Rücksicht auf die Gefühle meiner Auftraggeber nehmen. Oft sind sie beschämt, weil sie meinen, der Befall habe mit mangelnder Hygiene zu tun. Da kann ich sie beruhigen. Bettwanzen werden durch Reisen mitgebracht, Lebensmittelmotten und Schaben durchs Einkaufen – oder sie kommen vom Nachbarn rüber. Ich arbeite überall, Schädlinge gibt es in Grunewald wie in Mitte oder Köpenick. Ich trage unauffällige Kleidung, die Nachbarn sollen schließlich nichts mitbekommen. In meine Hose sind Knieschützer eingearbeitet, weil ich ständig runter auf den Boden muss, um unter Schränke und Kommoden zu schauen. Außerdem trage ich in der Wohnung Überschuhe aus Plastik, so bringe ich keinen Schmutz ins Haus. Als Schädlingsbekämpfer dringe ich in intime Bereiche von Menschen ein, ich betrete Schlafzimmer, gucke in Schränke. Klar bleibe ich immer diskret. Ich berate auch gerne, ich bin ja promovierter Biologe. Schon an der Uni habe ich gerne Kurse über Schädlinge belegt, nach meinem Abschluss sah ich eine Fernsehsendung über Kammerjäger und war fasziniert. Gerade zum Beispiel beginnt die Wespensaison, hier sollte man wachsam sein. Manche denken ja: Da fliegt bloß ein Exemplar im Haus rum, lass’ sie doch. Und dann kommt man aus dem Urlaub zurück, und plötzlich sind es viele. Wobei man unterscheiden muss. Die Deutsche und die Gemeine Wespe stören massiv, machen sich über alles Obst und Grillfleisch her. Die Sächsische Wespe kann man ruhig leben lassen. Auch wenn das jetzt komisch klingt: Für meine Arbeit muss man die Tiere schon ein bisschen lieb haben. Neulich war ich in einem Keller, unter der Decke war ein Abwasserrohr mit drei Löchern, aus denen drei Ratten herausguckten. Das sah richtig putzig aus.

Zeugin Jehovas
Petra UllmannFoto: David Heerde

Petra Ullmann, 49,  Zeugin Jehovas
Wir gehen immer zu zweit los. So können wir uns gegenseitig motivieren, und man fühlt sich sicherer. Die Jünger Jesu waren auch zu zweit unterwegs. Eigentlich bin ich ein zurückhaltender Mensch, manchmal klopft mein Herz, wenn ich an einer Tür klingele. Aber so ein Besuch hat ja einen würdigen Anlass: Wir wollen die Bibel verbreiten. Ich mache Hausbesuche in Gropiusstadt und Umgebung, alle paar Wochen für etwa zwei Stunden, da gibt es bei uns keine Regeln. In Hochhaussiedlungen ist oft tagsüber niemand da, weil alle arbeiten. Dort komme ich lieber am frühen Abend – aber nie nach 20 Uhr, wegen der Tagesschau. Meistens weiß man schon einiges über die Menschen, bevor man klingelt. Stehen Kinderschuhe vorm Eingang, gibt es Pflanzen, wie sieht die Wohnungstür aus? Als Einstieg beginne ich mit einer aktuellen Frage: zum Beispiel, ob die Wirtschaftskrise ihnen Sorgen bereitet oder ihre Gesundheit? Je nachdem, wie die Menschen reagieren, kann ich einschätzen, ob ich bei dem Thema bleibe oder lieber ein anderes anschneide. Dann lese ich ihnen eine Stelle aus der Bibel vor, die auf ihre Situation passt. Natürlich gibt es auch Menschen, die barsch reagieren oder abweisend, so etwa 50 Prozent. Ich kann das verstehen! Man weiß ja nie, wie es ihnen gerade geht. Oder was sie gerade erlebt haben. In solchen Fällen verabschiede ich mich höflich – es wäre schlimm, wenn ich da noch zu diskutieren anfinge. Manchmal werden wir auch direkt reingebeten, dann sprechen wir auf der Couch weiter. Gerade türkische und arabische Familien sind gastfreundlich, die bieten Tee oder ein Glas Wasser an. Wer will, bekommt unser Buch „Was lehrt die Bibel wirklich?“. Dann kann er sich das noch mal in Ruhe durchlesen, bevor wir wiederkommen.

Hebamme Magdalena Saß
Magdalena SaßFoto: David Heerde

 Magdalena Saß, 25, Hebamme
Das Erste, was ich in einer fremden Wohnung mache: Schuhe aus und Hände waschen. Ich habe schließlich engen Kontakt, ich wiege das Kind, untersuche den Nabel und die Brust der Mutter. Und dann reden wir viel: Ich berate beim Stillen, erkundige mich, wie es der Mutter geht. Die liegt meistens in ihrem Bett oder auf der Couch, besonders in den ersten zehn Tagen nach der Geburt muss sie sich schonen. Da komme ich täglich. Ich bin in dieser Zeit eine enge Vertrauensperson, die Mütter öffnen sich mir, sprechen auch über Ängste, sie wissen ja oft nicht, wie sich ihr Leben nun verändern wird. Was wir da besprechen, behalte ich natürlich alles für mich. Meine Besuche dauern unterschiedlich lange: Ist für Mutter und Kind alles in Ordnung, gehe ich nach 30 Minuten, aber manchmal auch erst nach einer Stunde. Am liebsten ist mir, wenn ich die Frau schon vor der Geburt zu Hause besuche – dann kann ich gucken, wie das Kind im Mutterleib liegt. Vor allem können wir uns so kennenlernen. Damit ich später nicht als Fremde in die Wohnung komme.

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Marion Thurley vom Bezirksamt Neukölln.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

 Marion Thurley, 53,  Sozialarbeiterin
Meistens werden wir gerufen. Von einer Lehrerin, einer Erzieherin oder den Nachbarn. Überfallartige Hausbesuche sind die Ausnahme. Normalerweise vereinbaren wir vom Jugendamt Neukölln einen Termin. Ein Besuch ist der beste Weg, sich zu vergewissern, wie es um die Familie steht. Man sieht dann sofort, ob die Wohnung vermüllt ist, ob es stinkt oder chaotisch ist. Es sind ja oft sehr kleine Wohnungen. Aber man sieht, wenn sich jemand Mühe gibt, etwas daraus zu machen. Manchmal rufen uns die Eltern selbst an, weil ihnen alles über den Kopf wächst. Zu Hause fühlen sie sich sicherer als in einem Amt: Hier sind sie der Gastgeber und wir die Fremden. Es gibt Kaffee oder Tee, wir setzen uns und reden. Der Vorteil eines Hausbesuchs ist, dass die Menschen natürlich sind und sich nur selten verstellen. Nach dem Gespräch beginnen wir mit der Hilfeplanung. Wir überlegen gemeinsam, was verändert werden muss. Wir wollen die Kinder ja nicht wegholen. Wir wollen nur, dass es der Familie besser geht.

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