Zeitung Heute : Zu Hause ist es am schönsten

Die Deutschen wollen auch im Alter ein selbstbestimmtes Leben führen – neue Wohn- und Betreuungsformen entstehen.

Beatrice Hamberger
Unbeschwert im Ruhestand. Wer sich früh genug Gedanken darüber macht, wie er im Alter und im Pflegefall leben und wohnen möchte, kann den goldenen Lebensabschnitt entspannter genießen. Foto: Fotolia
Unbeschwert im Ruhestand. Wer sich früh genug Gedanken darüber macht, wie er im Alter und im Pflegefall leben und wohnen möchte,...Foto: GordonGrand Fotolia

Noch keine zehn Jahre ist es her, da waren Begriffe wie „altengerechte Quartiere“ und „Pflege-WG“ Fremdworte. Inzwischen ist ein nahezu unüberschaubarer Markt an neuen Wohn-, Betreuungs- und Pflegemodellen entstanden.

Zugegeben, kein ganz „pflegeleichter“ Markt. Seine Konsumenten sind alt. Vielfach zwar noch gesund und rüstig, aber zum Teil eben doch pflegebedürftig, vereinsamt oder geistig nicht mehr auf der Höhe. Vielen fehlt es obendrein am nötigen Kleingeld. Wohnen und Pflege in luxuriösen Seniorenresidenzen kann sich nur eine verschwindende Minderheit leisten. Ob im Jahr 2050 nun tatsächlich ein Drittel der Gesellschaft älter als 65 ist und 4,5 Millionen Menschen zu pflegen sind, wie es Demografen voraussagen, oder ein paar mehr oder weniger – klar ist, dass etwas passieren muss. Die Frage ist nur: was?

NRW Gesundheitsministerin Barbara Steffens hat für ihren Vorstoß, den Bau von Altenheimen zu stoppen, kaum Kritik geerntet. Dafür gab es viel Lob für ihren „Masterplan altengerechte Quartiere“. Der Plan sieht vor, Menschen so zu unterstützen, dass sie möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben können. Engagement von Ehrenamtlichen ist dabei genauso gefragt wie die Vernetzung von Pflegediensten und anderen Hilfeleistungen.

Derartige Konzepte werden momentan in der gesamten Republik diskutiert. „Es kommt jetzt darauf an, vor Ort Versorgungsangebote zu schaffen, die auch im Pflegefall ein selbstbestimmtes Wohnen ermöglichen“, sagt Sybille Klotz, Stadträtin für Gesundheit, Soziales und Stadtentwicklung in Tempelhof-Schöneberg.

Das was Klotz, Steffens und viele andere fordern, kommt den Deutschen gerade recht. Umfragen ergeben nämlich ein eindeutiges Bild: Die meisten möchten ihren Lebensabend in den eigenen vier Wänden verbringen – und das auch im Pflegefall. Nur sieben Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter wollen laut einer Studie der Krankenversicherung DKV im Fall der Pflegebedürftigkeit in ein Pflegeheim. Ein Drittel wäre bereit, in eine Pflege-WG zu ziehen, alle anderen wollen zu Hause gepflegt werden.

Experten überraschen die Ergebnisse wenig. „Nichts fürchten die Menschen mehr, als abhängig zu sein und nicht mehr selbst entscheiden zu können, weiß Professor Frieder Lang, der am Institut für Psychogerontologie der Universität Erlangen-Nürnberg über das Alter forscht. „Und das Pflegeheim wird nun mal mit dem Verlust der Selbstbestimmung assoziiert, auch wenn dieses Vorurteil nicht immer ganz berechtigt ist.“

Selbstbestimmung ist kein einfacher Begriff. Lang zufolge bleibt die Fähigkeit, eigenständige Entscheidungen zu treffen, bis in die letzten Lebensjahre erhalten, dennoch passen Menschen ihre Ansprüche aber in der Regel den Umständen an. Mit dem Phänomen der „Passung“ erklärt der Alternsforscher auch, warum alte Menschen im Durchschnitt nicht unzufriedener sind als junge. „In dem Maß, in dem es uns gelingt, unsere Erwartungshaltung an unsere Fähigkeiten anzupassen, sind wir auch zufrieden.“

Diese Strategie bringt Menschen offenbar auch dazu, sich im Alter Neuem zu öffnen. So bestätigen Untersuchungen des Nürnberger Instituts, dass die meisten Menschen bis zu ihrem Tod in den eigenen vier Wänden leben möchten. Allerdings fanden die Alternsforscher heraus, dass bei der Generation 50 plus die Bereitschaft umzuziehen wächst, wenn eine bessere Versorgung, die Nähe zur Familie oder mehr Geselligkeit in Aussicht gestellt werden.

Mit anderen Worten: Je beschwerlicher oder einsamer das Leben zu Hause wird, desto eher lassen sich Ältere auf eine neue Wohnsituation ein. „Gerade für vereinsamte Menschen kann der Umzug in eine altersgerechte Umgebung die bessere Alternative sein“, meint Gabriele Schilling vom St. Josefsheim der Caritas Altenhilfe.

Wie viele ältere Menschen heute in einer „altersgerechten“ Umgebung leben, lässt sich schwer sagen. Fakt ist, dass von den 2,5 Millionen Pflegebedürftigen ein Drittel in einer Pflegeeinrichtung lebt. Fest steht auch, dass das Angebot an altersgerechten Wohnungen weitaus kleiner ist als der Bedarf. Laut Bundesinitiative Daheim statt Heim e.V. ist nur ein Prozent aller Wohnungen altersgerecht gestaltet. „Statt Altenheime sollte die Politik stärker den Bau altersgerechter Wohnungen fördern“, fordert Vereinsvorstand Silvia Schmitt.

Nichtsdestotrotz lassen sich derzeit rund 1,76 Millionen Menschen in ihrer bevorzugten Lebensform pflegen, nämlich zu Hause. Größtenteils übernehmen das Angehörige, bei einem knappen Drittel springen Pflegedienste ein. Über eine 24-Stunden-Betreuung durch osteuropäische Pflegekräfte spricht man in Deutschland nur mit vorgehaltener Hand. Das Modell ist zwar beliebt, schrammt aber aus arbeits- und sozialversicherungsrechtlichen Gründen am Rande der Legalität.

Bremens Alt-Bürgermeister Henning Scherf hat einen anderen Weg gewählt. Seit Jahrzehnten lebt der heute 75-jährige mit seiner Frau und sechs Freunden in einem behindertengerechten Altbau. Für den Fall, dass alle bettlägerig werden, hat die Hausgemeinschaft bereits eine Abmachung mit einem Pflegedienst getroffen. Nach Ansicht von Experten hat Scherf in Sachen Lebensplanung alles richtig gemacht. Menschen sollten sich möglichst früh Gedanken machen, wie sie im Alter leben und wohnen möchten und wer sie mal pflegen soll, rät auch Alternsforscher Lang.

Man kann sich auch Unterstützung holen. In Berlin beraten zum Beispiel die Stattbau GmbH und ihre „Netzwerkagentur Generationen Wohnen“ Menschen, die in einer Wohn- oder Hausgemeinschaft leben wollen. Darunter sind nach Auskunft von Geschäftsführer Theo Killewald junge Familien, die mit Mitte Dreißig eine Hausgemeinschaft gründen möchten. Und dann ist da noch die Generation 55 plus. „Mit dem Ruhestand bricht bei vielen das soziale Gefüge weg“, sagt Killewald. „Der Wunsch, in einer Gemeinschaft zu leben, wird dann immer größer.“

Killewald hat zum Beispiel Sina van Dyck in eine Alters-WG vermittelt. Eigentlich wollte die 68-Jährige das gar nicht. Da eine Hausgemeinschaft aber kurzfristig nicht machbar war, hat sie dann doch mal Probe gewohnt. Seit Januar wohnt Sina van Dyck in der Senioren-WG am Gasometer. Auch sie wollte im Alter nicht allein sein, gleichzeitig aber autark bleiben. „Sich auf ein Leben in einer Alters-WG einzulassen, setzt viel Toleranz und Lernbereitschaft voraus“, sagt die promovierte Kunsthistorikerin. „Aber Lernen ist notwendig und hält jung.“ Dass im selben Haus eine Pflege-WG, eine Demenz-WG, eine Tagespflege und ein Pflegedienst untergebracht sind, interessiert sie derzeit wenig, andererseits „weiß man ja nie, was noch kommt.“

Das Seniorenhaus am Gasometer in Schöneberg ist ein Modellprojekt der Stiftung Leben in Berlin und eines von unzähligen, die man unter dem Begriff „alternative Wohnformen“ subsumiert. Als alternativ wird praktisch alles bezeichnet, was nicht dem klassischen Altenheim entspricht. Betreutes Wohnen, Mehrgenerationenhäuser, generationenübergreifendes Wohnen, Nachbarschaftsheime, Alters-WG, Quartierslösungen – die Liste ist lang.

Psychogerontologe Lang findet die Angebotsvielfalt wichtig. „Wir sollten alten Menschen nicht vorschreiben, wie sie ihr Leben gestalten sollen, wir sollten ihnen stattdessen Anreize setzen.“ Was das wichtigste sei? „Ansprache“, sagt Lang. „Wer soziale Kontakte hat, bleibt vielleicht nicht länger jung, aber länger gesund.“

Ansprache hat Brigitte W. in der Tagespflege des Nachbarschaftsheims Schöneberg gefunden. Dort wird miteinander geredet, gemeinsam gegessen und ein abwechslungsreiches Tagesprogramm geboten. Und weil die 73 Jahre alte Dame nach eigenen Angaben schlecht rumsitzen kann, fasst sie auch gerne mit an: hilft beim Kochen, Bügeln und Tisch decken. „Ich wollte nicht den ganzen Tag alleine in der Wohnung sitzen“, sagt die Witwe. „Das Nachbarschaftsheim gibt meinem Leben einen Sinn.“

Andere bekommen mit 65 noch Flügel. Spanien, Österreich, Schweiz, USA, Kanada heißen die Top-Länder, in die es deutsche Rentner in ihrem goldenen Lebensabschnitt zieht. Von den 22 Millionen Renten überweist die Deutsche Rentenversicherung derzeit 214 000 an im Ausland lebende Rentner. Seit 1992 hat sich diese Zahl fast verdoppelt. Trotz dieses Trends stellt das Senioren-Domizil „unter Palmen“ bislang nur für einen Bruchteil der deutschen Rentner eine ernsthafte Alternative dar. Die meisten leben dort, wo es dem Volksmund nach am schönsten ist: zu Hause.

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