Zu Hause : Revolution von unten
17.05.2009 00:19 Uhr
Es gibt einen Comic, der den Siegeszug des „Neorest LE“ in Deutschland flankieren soll. Der japanische Hersteller Toto verschickt ihn an jeden, der Interesse hat an seinem Wundergerät. Die Hauptfigur darin ist Deutscher: Thomas Reichart, blond, blaue Augen, lange Nase. Er reist nach Tokio, staunt über Hochhäuser und Menschenmassen, am Abend hockt er sich im Hotel auf die Toilette. Dann bricht der Wahnsinn los: „Beep“, „Bzzz“, „Splash“. Man sieht nicht, was genau die Maschine mit dem Deutschen anstellt – es steht bloß geschrieben, welche Geräusche sie dabei macht.
Ja, es ist ein Tabuthema, sagt Hubertus Brüggemann. Man müsse da äußerst sensibel vorgehen.
Brüggemann ist Vertriebsleiter bei Toto, dem Konzern, der in den kommenden Monaten nichts Geringeres vorhat als eine Revolution in deutschen Badezimmern. Sein „Neorest LE“ ist ein High-Tech-WC. Mit Duschfunktion, Föhn, Geruchsabsaugung, heizbarer Brille. Wer sich nähert, setzt die automatische Deckelanhebung in Gang. Das neue Spülsystem „Tornado Flush“ erzeugt linksdrehende Strudel, nutzt die Zentrifugalkraft zur besseren Schüsselsäuberung. Nicht zu vergessen die Fernbedienung. Mit der kann man alle Funktionen per Knopfdruck steuern.
Vor zwei Monaten hat Toto seine Toilette erstmals in Deutschland vorgestellt. Seitdem bekommt Hubertus Brüggemann öfters dieselbe Frage gestellt: „Warum das alles?“ Er hat viele Antworten parat, seine schlüssigste lautet: „Fürs Händewaschen nehmen wir doch auch Wasser und Seife. Wer käme auf die Idee, sich dreckige Hände mit Papier sauberzuwischen?“ Das klingt logisch. Brüggemann sagt aber auch so lustige Sätze wie: „Das ist ein Generationen-WC. Mit 40 ist es noch Luxus, mit 70 Komfort.“

In Japan sind Dusch-WCs weit verbreitet, 65 Prozent der Haushalte haben eins. Toto ist Marktführer. Jetzt soll endlich der Sprung nach Europa gelingen. Allerdings gibt es noch einen zweiten weltweit operierenden Big Player, der 2009 in Deutschland Fuß fassen will: das Schweizer Unternehmen Geberit, Hersteller des „Aquaclean 8000 plus“. Dessen Duschfunktion ist vergleichbar mit der des Neorest: Der Strahldruck ist stufenlos regelbar, die Wassertemperatur auch, nach oben begrenzt bis 38 Grad – höher wäre unangenehm, sagt Karl Spachmann, Geschäftsführer von Geberit. Bei beiden Modellen wird das Toilettenpapier praktisch überflüssig, heißt es. Beep, Bzzz, Splash. Fertig.
Karl Spachmann sagt aber auch: Nur ein kompletter Laie würde den Neorest mit seinem Aquaclean in einen Topf werfen. Es gebe entscheidende Unterschiede. Automatisch hochklappende Deckel etwa lehnt Spachmann ab. „Wir haben den Vorteil, mit dem Geschmacksempfinden des Europäers vertraut zu sein.“ Soll heißen: Zu viel technischer Schnickschnack sei auch nicht gut. „Am Ende klappt jedes Mal der Deckel hoch, wenn ich mir nebenan die Hände waschen will.“ 3800 Euro kostet der „Aquaclean 8000 plus“, der technisch vielseitigere „Neorest LE“ ist doppelt so teuer. Wer auf einzelne Ausstattungskomponenten verzichtet, bekommt aber auch preiswertere Modelle. Bei allen Versionen enthalten: die Sicherung, damit Kinder nicht auf die Idee kommen, mit den Spritzdüsen das Bad unter Wasser zu setzen. Die Dusche geht nur an, wenn wirklich einer auf der Brille sitzt.
Auch Spachmann hatte früher Vorbehalte gegen das Konzept Dusch-WC. Er kommt aus der Wasserhahnbranche, ist also Quereinsteiger. Seine erste Selbsterfahrung mit handloser Analhygiene, so der Fachterminus, machte Spachmann am Tag seines Vorstellungsgesprächs in der Geberit-Zentrale. Es hat ihn geprägt, sagt er.
Erfunden wurde das Dusch-WC wie viele Errungenschaften der Neuzeit – nicht am Reißbrett, sondern im Schlaf. Elias Howe erträumte sich die Nähmaschinennadel, Amalie Krieger den Tee-Aufgussbeutel. Der Schweizer Familienvater Hans Maurer wurde 1956 im Schlaf von einer Toilette mit integrierter Bidet-Funktion heimgesucht. Gleich am nächsten Morgen stieg er in den Keller hinab, begann eine Versuchsreihe mit Gartenstuhl, Wasserschlauch und Föhn. Seine Frau musste am Hahn drehen, um sich der richtigen, angenehmen Druckdosierung anzunähern. Sie war nicht begeistert.
Hans Maurer nannte seine Firma Closomat, bald griffen asiatische Unternehmen das Prinzip auf. Sein Geschäft lief trotzdem – bis zur Katastrophe 2007: Closomat hatte einen Kredit über zwei Millionen Schweizer Franken aufgenommen, um ein Modell namens „Aquaris“ zur Marktreife zu bringen. Ein Dusch-WC mit in die Wand eingelassenem Spülkasten. Die Serie war als Gegenschlag zur Baureihe „Avantgarde“ des Konkurrenten Geberit gedacht. Doch „Aquaris“ kam zu früh in die Läden, viele Geräte leckten am Ventil. Fast jedes zweite wurde zum Garantiefall, es blieb nur die Insolvenz.

Peter Maurer, Sohn des Erfinders, macht jetzt unter dem Namen Closemo weiter, verkauft ältere Closomat-Modelle. Die seien zwar „vielleicht nicht die formschönsten, aber sicher die zuverlässigsten Dusch-WCs überhaupt“. Ruft man den 57-Jährigen in seinem Firmensitz im schweizerischen Embrach an, spürt man schnell, dass es ihm nicht ums Geschäftemachen geht, sondern um eine Herzensangelegenheit. Der Mann schwärmt vom „wohligen Gefühl“, das man bereits nach einmaliger Benutzung nicht mehr missen wolle. Er sagt, die Redewendung „auf Toilette müssen“ werde hinfällig. „Es geht nicht mehr ums Müssen, es geht ums Dürfen.“ Was Maurer verabscheut, sind „profane Papierrollen“. Schlimm sei das damals beim Militär gewesen. Kein Closomat weit und breit. Fährt er heute im Sommer für zwei Wochen in die Toskana, nimmt er zumindest Feuchtigkeitstücher mit.
Maurer weiß, es braucht noch „viel Knochenarbeit“, um die gesamte westliche Welt von der Idee seines Vaters zu überzeugen. Im arabischen Raum ist das anders, dort wird Wasser traditionell eingesetzt. Kritiker sagen: Gerade der zusätzliche Wasserverbrauch spreche gegen das Dusch-WC. Um rund einen Liter pro Sitzung geht es, hinzu kommen knapp sechs für den regulären Spülvorgang.
Der deutsche Keramikwarenhersteller Villeroy & Boch geht den entgegengesetzten Weg: Er hat soeben die Einführung des besonders wassersparenden Modells „Omnia Architectura Green Gain“ gefeiert. Angeblich ist es die „erste 3,5-Liter-Toilette der Welt“. Ganz konsequent ist das Unternehmen aus dem Saarland aber nicht: Zum Jahreswechsel will es nachziehen und ebenfalls ein WC mit Duschfunktion anbieten.
1,5 Millionen Bäder werden in Deutschland jedes Jahr saniert oder neu gebaut – das sind 1,5 Millionen Chancen, Nutzer zum Umrüsten zu bewegen, erklärt Geberit-Chef Karl Spachmann. In der Vergangenheit habe seine Firma den Fehler gemacht, zu selten den Endverbraucher direkt anzusprechen. „Über den Umweg des Großhändlers ging viel an Überzeugungskraft verloren.“

Es ist noch weit mehr möglich im High-Tech-Toilettenbereich. In Japan gibt es bereits Baureihen, die im Dunkeln leuchten. Der Konzern Toto vertreibt Modelle mit Spracherkennung, die nach jeder Sitzung Body- Mass-Index und Blutdruck ihres Nutzers ausrechnen, auf Wunsch an den angeschlossenen PC weiterleiten. Auch in Designfragen steigen die Ansprüche der Kunden. Die kalifornische Firma AquaOne Technologies bietet mit dem „Fish’n’Flush“ die erste ambitionierte Aquariumstoilette an: Dort, wo sonst der Spülkasten sitzt, können Kunden Süßwasserfische halten. Der Hersteller versichert, ein Runterspülen der Tiere in den Abfluss sei nicht möglich. Die Wasserleitung verlaufe hinter dem Aquarium entlang. Ihren „Fish’n’Flush“ exportieren die Kalifornier auch nach Europa. Andere US-Designer entwerfen goldene Toiletten oder verzieren Keramikschüsseln mit Swarovski-Kristallen. In Berlin kann man das beim Unternehmen „Bling my thing“ in Auftrag geben.
Ein Produkt aus Japan wird in Deutschland auch langfristig kaum Chancen haben. Selbst Hubertus Brüggemann mag es nicht anpreisen. Das „Otohime“ ist ein kleiner Kasten mit Lautsprecher, der an der Wand neben der Toilette angebracht wird und wie eine Gegensprechanlage aussieht. Otohime heißt „Geräuschprinzessin“, es imitiert auf Knopfdruck für 30 Sekunden das Rauschen einer Spülung. Vor Otohime neigten Japanerinnen dazu, nicht erst zum Schluss, sondern schon während des Toilettengangs unentwegt die Spülung zu betätigen – aus Angst, im Nebenraum könne einer die körpereigenen Geräusche vernehmen. Der Einsatz der Geräuschprinzessin spart statistisch gesehen 20 Liter Spülwasser pro Toilettengang. Trotzdem ignorieren manche Frauen das Gerät und setzen weiter auf die alte Methode, fand eine Studie heraus. Die Betroffenen gaben an, das Spülen des Otohime klinge einfach zu künstlich.








