ZU HAUSE : Suite mit Meerblick

Er ist Kapitän auf einem Containerfrachter. An Bord passt seine Habe in einen Karton. Wie sich Wilhelm Cubasch auf See einrichtet

Roland Brockmann
Heim auf See. Wilhelm Cubasch führt das Containerschiff „Vela“ unter den wachsamen Augen seines Buddhas.
Heim auf See. Wilhelm Cubasch führt das Containerschiff „Vela“ unter den wachsamen Augen seines Buddhas.Roland Brockmann

Ab Feuerschiff Elbe 1, der äußersten Seeposition der Elbmündung, sind es nur noch fünf Stunden. Dann passiert der 350 Meter lange Frachter „CMA CGA Vela“ die Willkomm-Höft, eine Schiffbegrüßungsanlage an der Unterelbe in Wedel. Die deutsche Nationalhymne erklingt, Kapitän Wilhelm Cubasch steht auf der Brücke, sieht auf das Schulauer Fährhaus hinunter und hört das „Willkommen in Hamburg“, das die Lautsprecherstimme vom Band der Schiffsbesatzung entgegenschmettert. Cubasch fühlt sich in diesem Moment „wie ein Olympiasieger“. Kein Wunder: Hinter ihm liegen tausende Seemeilen zwischen Hamburg, Hongkong und zurück.

Zehn Wochen verbringt Cubasch an Bord der Vela, in seiner Kabine mit separatem Schlafraum, dunkelblauem Teppichboden aus Velours, farblich darauf abgestimmtem Sofa und grün-blau gemusterten Gardinen. In der 35 Quadratmeter großen Kabine stehen rotbraun lackierte Holzmöbel – Stühle, Tische, Kommoden. Nichts, was das Auge stört, aber auch nichts, was ihm sonderlich schmeichelt.

Allein die Decke wirkt niedrig, jedenfalls bei einem 1,84 Meter großen Mann wie Cubasch. Den Wohnraum mit der Couchecke dominiert ein riesiger Schreibtisch mit Computer, denn die Kabine ist gleichzeitig Arbeitsplatz. Anders als die Offiziere gehört ein Kapitän nicht zum Wachsystem auf der Brücke. Das Schiff bewegt sich ohne ihn am Steuer, aber unter seiner Aufsicht.

„Der größte Teil meiner Arbeit besteht aus Administration“, sagt Cubasch. Der Kapitän ist ein moderner Manager, per Satellitentelefon weltweit verbunden mit Schiffsagenten, dem Charterer und der Reederei. „Die will natürlich, dass ich stets erreichbar bin. Am besten auch nachts im Chinesischen Meer, dann herrscht in Hamburg Bürozeit.“

Gerade scheint durch die Bullaugen die späte Nachmittagssonne, bringt sanft die Vorhänge der Kabine zum Leuchten, hellblau, im Kontrast zum Rotbraun der Möbel. Daneben hängen saubergerahmte Stillleben, Obst auf einem Säulenkapitell. Alles ausgesucht vom Innenarchitekten der Werft, jedenfalls nicht vom Kapitän. Die anderen Kammern auf dem Schiff, wie deutsche Seeleute die Kabinen nennen, ähneln sich. Längst lebt auch die Mannschaft in Einzelkammern mit Dusche, nur die Größe variiert mit dem Rang. Herr Cubasch hat die Suite.

Der Kapitän findet, dass die Reederei sich Mühe gegeben hat mit der Einrichtung: „Da habe ich schon ganz was anderes erlebt. Wem die Farbe der Tischdecke nicht passt, der kann ja eine andere hinlegen.“ Cubasch hat seine eigene mitgebracht, eine weiße mit floralem Muster. Davon abgesehen passt sein Anteil am Dekor in einen Pappkarton. Und genau darin wird er morgen früh auch seine chinesische Buddhafigur packen, eine Topfpflanze, die Fotos seiner Frau, seiner Tochter und der Enkel, ein paar DVDs, viele Naturdokumentationen, außerdem Edgar-Wallace-Filme aus den 60er Jahren, Loriot-Sketche und Hollywoodstreifen mit Jack Lemmon und Walter Matthau. „Alles gute Klassiker“, sagt Cubasch. Den Karton verstaut er in einem Lagerraum an Bord. Morgen bezieht ein neuer Kapitän die Kammer: mit anderen DVDs, Fotos, vielleicht eigener Tischdecke, aber sicher ohne Buddha.

„Einblicke, wie andere Kapitäne sich einrichten“, so Wilhelm Cubasch, Ende 60, „gewinnt man nur, wenn mal ein Kollege krank wird und man plötzlich einspringen muss. Denn der hat dann natürlich nicht aufgeräumt.“ Passiert ist ihm das noch nicht. Wenn er selbst in zehn Wochen wieder an Bord der Vela geht, seinen Karton auspacken und die Buddhafigur an ihren gewohnten Platz stellen wird, hat der andere Kapitän seine privaten Habseligkeiten wieder abgeräumt. Übergabe erfolgt stets in neutralem Reederei-Status, grundgereinigt vom Schiffssteward.

Natürlich vermisst er unterwegs seine Heimat und die Familie. Vor allem im Sommer. Den Geruch von frisch gemähtem Rasen etwa. An Bord riecht, abgesehen vom Essen, alles nach See und Reinigungsmitteln. Da erlebt der Kapitän zwar wunderschöne Sonnenuntergänge am weiten Horizont der Chinesischen See, aber nicht den Wandel der Jahreszeiten im häuslichen Garten oder das Aufwachsen der Enkelkinder.

Seine Routine auf dem Schiff sieht so aus: Den Morgenkaffee trinkt er gegen sieben Uhr ein Deck höher auf der Brücke. „Erst mal hören, was über Nacht so los war.“ Um acht fährt er im Fahrstuhl hinunter zur Offiziersmesse, zum Arbeitsfrühstück mit dem Ersten Offizier und dem Chefingenieur. „Dann ruft der Schreibtisch.“ Das Meer hat er bis Mittag nicht gesehen. Deshalb nimmt er sich dann Zeit für einen Rundgang über Deck des größten Containerfrachters unter deutscher Flagge. Er redet mit den Seeleuten. „Wenn man so groß geworden ist wie ich, vom Schiffsjungen 1963 bis zum Kapitän auf großer Fahrt heute, ist man das so gewohnt. Ich will wissen, was los ist, selber mit den Jungs reden.“

Sein persönlicher Lieblingsort auf der Vela ist das Vorschiff: „Da herrscht kein Lärm, nur selten Wind, man hört nur das Rauschen des Meeres.“ Zeit dafür hat er selten. Er ist Herr über ein fahrendes Millionen-Euro-Unternehmen, das weniger als 25 Mann über die Weltmeere bewegen. Und entsprechend karg gestaltet sich das Sozialleben. Ein jeder folgt seiner Wache oder ruht sich in der eigenen Kammer aus, die Tür geschlossen, nur die vom Kapitän bleibt offen. „Ich kenne das so aus den alten Zeiten der Seefahrt, als mehr Personen an Bord lebten, und auch mehr Landsleute, als Sprache kein Problem war und Geselligkeit das Bordleben bestimmte.“ Er seufzt. „Heute kriegt man ja kaum drei Mann für eine Skatrunde zusammen.“

An Bord arbeiten drei, vier Nationalitäten, selbst unter den Filipinos nehme das Gemeinschaftsgefühl ab, klagt Cubasch. Einmal pro Fahrt veranstaltet die gesamte Mannschaft ein Barbecue, dann grillen sie an Deck ein Schwein, dazu gibt es Bier und Musik. Das war es dann mit Gemütlichkeit. „Auf dieser Fahrt“, so der Kapitän, „haben die Filipinos vielleicht ein einziges Mal Karaoke gesungen. Dabei hat die Reederei sogar ein Keyboard angeschafft. Doch das verstaubt nur, genau wie die Gitarren an der Wand.“

Das Leben der Seeleute wird stark vom Internet bestimmt. Kontakt mit der Heimat ist das Wichtigste im Leben eines Seemanns. Am Computer im Schiffsbüro liest jeder täglich seine E-Mails, und auch der Kapitän mailt mit seiner Frau. Besonders am Wochenende. So bleibt er wenigstens virtuell der Familie erhalten und erfährt, wie sich daheim der Garten entwickelt. „Das war früher nur durch Briefe möglich“, erzählt er. „Oder über Radio Norddeich, aber da konnte jeder mithören, da musste man sich bedeckt halten.“

Bereits nach Feuerschiff Elbe 1, wenn die deutschen Lotsen an Bord kommen, verspürt Cubasch ein Gefühl von Heimat. Hamburg, der Heimathafen des Schiffes, liegt knapp 100 Autobahnkilometer südlich von Malente, wo der Kapitän in einem Einfamilienhaus wohnt.

Auf der Terrasse des Schulauer Fährhauses steht bereits Brigitte Cubasch und winkt ihrem Mann zu. Sie steigt in ihren Wagen, fährt bis zu einer Aussichtsplattform an der Elbchaussee, sieht zu, wie der Dampfer von Schleppern gedreht wird, bevor sie durch die neue Hafencity zum Schiff fährt. Noch eine halbe Stunde, dann macht die CMA CGA Vela am Kai fest. Brigitte Cubasch wartet pünktlich am Pier.

Genau wie der neue Kapitän. Kurze Übergabe. Viel ist nicht zu besprechen, auch der polnische Kollege kennt das Schiff. Er muss nur noch die Koffer auspacken, seine Kabine einrichten, während die Eheleute Cubasch längst auf der A1 Richtung Lübeck fahren. Noch eineinhalb Stunden bis zum Geruch von frisch gemähtem Rasen in Malente. Wilhelm Cubasch kann nun selbst nachschauen, welche Blumen gerade noch blühen.

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