Zu Hause : Überleben mit Stil

Gute Ideen haben viele – aber wie kann man von ihnen leben? Von den Möglichkeiten junger Designer, auf dem Markt Fuß zu fassen.

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Klockes Möblierung des Berliner Alex-Hotels.Foto: Promo

Es ist nur gerecht, dass Torsten Klocke nach all der Anstrengung der Erste ist, der von seinem Design profitiert. Wenn sich seine neuen, genial stapelbaren und ganz ohne Schrauben wieder zusammenfügbaren Regal-Einzelteile in den Lastwagen falten, wenn er sie zur Möbel-Messe nach Köln fährt, damit sie sich ab 19. Januar in Halle 3.1, Stand C-058 zu seinem ersten Messeauftritt und damit zu seiner Zukunft formieren, dann ist das eine Premiere.

Seine erste Messe als Möbeldesigner, sein Eintritt in einen Markt, seine Einführung in die Gesellschaft der Entwerfer. Torsten Klocke, 33, ausgebildeter Tischler, Absolvent des Design-Studienganges der Burg Giebichenstein in Halle, bahnt sich seinen Weg in einen Markt, der sich mit den Jahren immer komplexer gibt.

Es ist ja schon gelungen, mit einem Stuhl Unsterblichkeit zu erlangen: Charles Eames und Verner Panton haben mit ihren Entwürfen unser Zuhause neu definiert. Seitdem versuchen Designer, ihrer Epoche mit deren speziellen Bedürfnissen nach Entspannung, Wohlbefinden, Distinktion, Ästhetik nun Form und Material zu geben. Nicht nur mit Stühlen.

Aber es ist ja nicht mehr so – war es überhaupt jemals so? –, dass eine Firma einen Designer von der Uni weg anstellt und ihm die Verantwortung für eine Produktlinie übergibt. Es ist auch nicht so, dass ein Absolvent eine Gewerbeanmeldung ausfüllt und fortan vom Verkauf seiner Produkte leben kann.

Wie aber ist es dann? Wie wird man von einem der unzähligen Hochschulabsolventen tatsächlich zu einem Möbeldesigner?

Noch sitzt Torsten Klocke in seinem winzigen, hellen Büro in einer alten Villa in Halle im Baustaub. Die schicke Espressomaschine hat er in einem Preisausschreiben gewonnen, im Frühjahr wird dieses Gebäude als „Designhaus Halle“ eingeweiht werden. Ein Haus, in dem Entwerfer aller Sparten günstigen Büroraum finden können, ein Kompetenzzentrum. Bewerben können sich Interessenten aus ganz Deutschland.

Das Haus ist eine Initiative der Burg Giebichenstein, profilierte Hochschule für Kunst und Design, deren Absolventen die ästhetischen Strömungen des letzten Jahrhunderts mitgeprägt haben. Allerdings liegt sie so weitab von den Metropolen in Mitteldeutschland, dass sie diese Distanz quasi durch ihre Ideen überbrücken muss. Schon seit 2008 haben sie das „Transferzentrum“, das den Kontakt zwischen Studenten und Wirtschaft herstellen soll, denn Doris Sossenheimer, die Leiterin, weiß von den ganz speziellen Arbeitsbedingungen der Designer. Sie hat schon Tischler gesehen, die für eine Diplomarbeit den Möbelbau übernahmen und nachher einfach die Sachen seriell herstellen wollten. Ohne den Entwerfer zu beteiligen. Klar, dass das Transferzentrum jetzt auch zum Thema Schutzrechte schult.

Die Leistung, die in einer Idee steckt, scheint für viele Unternehmen wenig fassbar, so leicht kopierbar, und doch macht sie für die Produzenten allen Unterschied aus: Wenn es von allem im Prinzip zu viel gibt, warum wählen wir dann ein bestimmtes Stück aus?

Barbara Schmidt sitzt in ihrem Berliner Arbeitsraum zwischen lauter Porzellanentwürfen und dem Ofen, und hat, so archaisch diese Werkstatt anmutet, doch mit ihren Ideen die ganze Porzellanindustrie vorangetrieben: Früher gab es diese ausufernden Services, mit Einzelteilen für jede Funktion. Die Deutschen wählten ihr Service nach Form der Kaffeekanne aus, die Italiener nach der Suppenterrine. Nur ist ein vollständiges Service kein Lebensziel mehr, und auch kein Statussymbol. Es war müßig, das Neue im Dekor zu suchen (wofür Meissen berühmt war), oder das Neue in der Form (wofür KPM bekannt ist). Barbara Schmidt, Absolventin des Porzellanstudiengangs der Burg Giebichenstein, danach zuständig für die Entwürfe des Porzellanherstellers Kahla, suchte das Neue in der Funktion der Einzelteile auf dem Tisch: Die Leute wollen keine bauchigen Kaffeekannen mehr, sie trinken längst Espresso. Sie leben in Singlehaushalten. Sie besitzen keine Vitrinen für ihr Geschirr. Man spart also Platz und erhöhte die Effizienz, wenn derselbe Gegenstand mehrere Funktionen erfüllen kann. Die Zahl der verschiedenen Teile nimmt ab, dafür werden diese jeweils raffinierter.

Barbara Schmidts Deckel sind zugleich als Schalen und Teller zu verwenden. Sie schlug kleine Serien vor, die man für verschiedene Zwecke einsetzen kann. Kahla kam mit diesen Ideen aus der Krise.

Man nutzt ja längst das integrierte Handy-Computer-Musikgerät, warum nicht integriertes Geschirr? Multitasking gilt jetzt auch für die Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Des Designers Aufgabe ist ja auch die einer Analyse der Gesellschaft, für die er entwirft, um zu wissen, auf welchem Gebiet „das Neue“ überhaupt zu suchen ist.

Und was will der moderne Mensch? Bloß keine Massenware! Die Masse ist ihm ein abstoßender Begriff, zu dem er nicht gehören will. Zerfasern nicht gerade die Massenmedien zunehmend zu Individualmedien? Ist nicht Mainstream längst ein Schimpfwort geworden? Durchschnitt, so blöde wie öde?

Aber der Mensch pflegt auch zu Hause seine Widersprüche: Er möchte mit wenig für alles gerüstet sein, ist hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis nach Besitz und dem nach Reduktion, dem nach Opulenz und dem nach dinglicher Schlankheit. Er möchte „richtige“ Möbel haben, kostbare Dinge, und trotzdem das Gefühl, schon morgen spontan wieder umziehen zu können, Regale abzubrechen wie Zelte. Der Gegenwartsmensch, der will ja Dinge, er verliebt sich in Dinge und ihre Eigenschaften, aber diese Dinge sollen ihn nicht beschweren.

Kurz: Die Paradoxien der Gegenwart lassen sich mit den richtigen Möbeln einfach besser aushalten. Das richtige Regal kann da stabilisierend wirken.

Das neue Regal, das Torsten Klocke entworfen hat, ist mit einer Lasermaschine so sparsam aus einem Stück geschnitten, dass praktisch kein Verschnitt anfällt. Es ist damit extrem ökologisch berechnet. Seine Einzelteile liegen beim Transport flach aufeinander, ganz ohne Schrauben lassen sich die Stücke stabil ineinanderfügen.

Klocke, der zuvor schon für Hotels die Inneneinrichtung gemacht und einen zusammenklappbaren Stehtisch entworfen hat, mit einer festen Kunststoffschale, die wie ein Tischtuch aussieht, weiß, dass es für einen wie ihn vermutlich mehrere Wege in den Markt geben wird. Es haben sich für die Designer die Anforderungen an ihr Design geändert, aber auch die Herstellungsverfahren und die Finanzierung ihres Lebenswegs.

Wo muss ein Designer heute sein? Vor allem im Gespräch. Der Prototyp eines Entwurfs wird vielleicht auf einer Messe gezeigt und dann in einer Zeitschrift besprochen. Die tatsächlichen Stücke werden aber oft erst auf Kundenwunsch produziert. Die Lieferung vereinbart man dann direkt mit dem Schöpfer. Nur wenige Designer gehen in große Unternehmen. Viele stellen auf eigene Faust kleine Serien her. Derartig klein sind sie, dass man von den ersten Autorenmöbeln sprechen kann.

Es ist auch nicht mehr zwingend nötig, sagt Klocke, dass man sich um einen Verkaufsraum bemüht. Im Internet trifft sich das Bedürfnis der Kunden nach einem individuellen Möbel mit der individuellen Vertriebsform.

Klocke sucht noch jemanden, der sein Regal in Serie herstellt. Aber diejenigen, die bislang mit Lasermaschinen arbeiten, sind keine Möbelhersteller. Und Möbelhersteller müssten sich erst mit Maschinen und Technik vertraut machen. Es ist ja nicht so, als ob Klocke die Widerstände von Material und Technik nicht zu schätzen wüsste. Im Gegenteil. Er nennt das „den eingebauten Kopierschutz“. Ist doch gut, wenn die Kopisten die Hürden der Herstellung gar nicht nehmen können.

Das Messe-Stipendium zur Finanzierung hat Klocke nicht bekommen. Aber er hat einen Sponsor gefunden – einen Kölner Fachbuchverlag, der thematisch passende Bücher in die Regale stellen wird. Das Geld wird erst später vom Möbelverkauf kommen. Und er weiß, wie lange es zur Serienreife dauern kann: Deshalb wird er sich auch nicht beklagen, wenn er nach der Messe noch immer keinen Regalhersteller haben sollte, dafür aber wieder ein Hotel einrichten darf.

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