Zu Hause : Unser Freizeitpark

Wenn es um Spielgeräte im Garten geht, kennt der Ehrgeiz der Eltern keine Grenzen. Warum ein Sandkasten keinen Boden braucht und der Kletterturm schnell größer wird als das eigene Haus

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Der Sandkasten, in Berlin sagt man Buddelkiste, ist in der Regel der Platz, in dem sich der kleine Mensch zum ersten Mal der Konkurrenzgesellschaft stellen muss. Ich weiß, wovon ich rede. Ich kann heute noch die Narbe auf der Stirn fühlen, dort, wo mir im Alter von fünf Jahren ein missgünstiger Nachbarsjunge seinen Spaten zwischen die Augen gezimmert hat. Spaten waren übrigens seinerzeit noch nicht aus Plastik.

Ist es eigentlich legitim, wenn man sich und sein Kind dem entziehen will? Bei mir wurde der Wunsch schier übermächtig, als mein kleiner Sohn einmal in einer öffentlichen Buddelkiste etwas ausgrub, das er „Stein“ nannte und mir in die Hand drückte. Es war kein Stein, es war etwas Weiches und es roch schlecht. Der Junge war damals drei und ich wusste, wir würden in Kürze einen kleinen Garten haben. So gab ich ihm also das Versprechen: Mein Sohn, du bekommst einen eigenen Spielplatz.

Was aber braucht man dafür? Der Sandkasten ist ein must have. Mit keinem anderen Spielgerät können sich kleine Kinder derart lange allein beschäftigen. Vor allem, wenn sie noch einen Eimer Wasser bekommen. Das ist wichtig, denn darin besteht ein möglicher Nachteil des privaten Spielplatzes: Das Kind wird je nach Struktur der Nachbarschaft vielleicht häufiger alleine spielen.

Zweitwichtigstes Utensil neben dem Wassereimer ist der Deckel. Hat die Buddelkiste keinen, wird man spätestens im Frühjahr allerlei Getier darin finden. Und es ist die Aufgabe des Vaters, das wieder rauszufiltern. Die Frage Holz oder Plastik ist dagegen Geschmackssache. Die Frage des Untergrundes auch. Persönlich habe ich immer nach unten offene Kisten bevorzugt, nur in denen kann man tiefe Löcher graben. Allerdings wird sich der weiße Buddelsand irgendwann mit Gartenerde vermengen.

Spätestens bei der Schaukel fangen für Ästheten die Probleme erst richtig an. Die schönste Lösung ist die naturnahe: Ein Brett mit zwei Seilen, die man um einen Ast schlingt, gibt es schon für zehn Euro. Den Ast muss man allerdings erst mal haben. Wir verfügten über einen schwächlichen Kirschbaum, eine Birke in Randlage und eine Kiefer, deren niedrigster geeigneter Ast sich ungefähr in sechs Meter Höhe befand. In so einem Fall muss man eine Konstruktion aufstellen, die ihren eigenen Haltepfosten mitbringt. Die gibt es in der Metallausführung oder in Holz. Beide Modelle kosten etwa das Gleiche, der Einsitzer um die 80 Euro, der Doppelsitzer, also zwei Schaukeln nebeneinander, von 130 Euro aufwärts. Beide Konstruktionen brauchen Platz, zweieinhalb Meter in der Breite müssen es schon sein. In jedem Fall empfiehlt sich der Abschluss einer Unfallversicherung. Irgendwann wollen die Kinder nämlich austesten, wie hoch man mit dem Ding kommt. Eine Haftpflichtversicherung braucht man eventuell auch, falls nämlich die Nachbarskinder dem schaukelnden Nachwuchs vor das Brett laufen.

Wenn man erst einmal im Baumarkt ist, wird man sich rasch fragen, tut es eigentlich die Schaukel oder das kleine Plastikhaus von „Toys R Us“? Braucht es nicht etwas Größeres? Wer früher in einem Garten aufwuchs, der schwärmt vielleicht heute noch von einem Baumhaus. Heutige Grundstücke sind kleiner und haben oft keinen großen Hausbaum mehr. Die Antwort der Hersteller ist der Spielturm, der das gute alte Klettergerüst verdrängt hat und beachtliche Höhen erreichen kann – oft ausgestattet mit integrierter Schaukel, Rutsche und Kletterwand. Das Dumme ist nur, dass selbst große Baumärkte nicht den Platz haben, solch einen Freizeitpark aufgebaut vorzuführen. Stattdessen sieht man eine bunte Kiste, denkt, toll, was man da alles machen kann, baut das Ding zu Hause selber auf und ist möglicherweise schockiert, wie die Kletterlandschaft geschwürartig den Garten überzieht. „Cabin“ aus dem „Junglegym“-Programm im Bauhausmarkt, sieht aus wie ein harmloser Kletterturm, ist aber aufgebaut drei Meter hoch und mit Rutsche 3,70 Meter lang. Konkurrent Obi hat einen ähnlichen Turm im Programm, mit der „Spielanlage Arthur“ kann er zur Ritterburg ausgebaut werden, die in der letzten Ausbaustufe respekteinflößende Dimensionen erreicht: 5,85 Meter lang, 3,25 Meter breit, 3,44 Meter hoch. Dahinter kann sich manch kleines Reihenhaus verstecken. „Arthur“ kostet 1099 Euro, ist aus dem Holz der Douglasie und will gepflegt werden: „Um eine graue Patina zu vermindern, sollten sie das Holz mit einer offenporigen Lasur behandeln“, heißt es im Begleittext.

Ich habe mich seinerzeit für einen Bausatz aus Kunststoff entschieden: Quadro ist ein Rohrsystem, ursprünglich in rot, das man ineinandersteckt, bis daraus ein Klettergerüst wird. Toll dachte ich, kann man immer wieder was Neues bauen. In Wahrheit schraubt man schon eine Weile, ich habe in Jahren nur zwei Modelle entworfen: Einen Riesenbus, den man hin und her schieben konnte – allerdings hat er dabei den Rasen zermalmt, man sollte sich also gut überlegen, ob man wirklich Räder braucht. Und ein Kletterhaus, das nie mehr verändert wurde. Quadro verschwand 2003 vom Markt, ist aber seit 2005 wieder da. Vor allem das Modell, bei dem man die Rutsche bewässern kann und die Kinder am Ende in einer Art Mini-Pool landen, verspricht einen hohen Spaßfaktor. Um sich so etwas in den Garten zu stellen, braucht man aber mehrere Kästen und ist dann einschließlich Rutsche und Pool schnell bei rund 700 Euro. Billiger als ein solides Holzgerüst ist der Quadro-Großbaukasten also nicht. Vielleicht kann man sich aber am Ende leichter von ihm trennen, indem man das Gerüst eines Herbstes einfach zerlegt, sich vornimmt, es im nächsten Frühjahr wieder aufzubauen und das dann nie wieder tut. Viele Holztürme stehen dagegen noch nach Jahren ungenutzt als Denkmal einer vergangenen Kindheit in den Gärten.

Ziemlich beliebt sind Torwände. Allerdings wird ihr Stresspotenzial häufig unterschätzt. Weil nämlich nicht jeder Schuss ein Treffer ist, der Ball stattdessen dann die Rosen knickt. Es sei denn, man besitzt Ländereien, die dieses Risiko ausschließen.

Größter Hit auf dem derzeitigen Markt für Spielgeräte dürfte aber das Trampolin sein. Das Trampolin gibt es schon ziemlich lange. Sein Erfinder George Nissen – er hat 1941 die erste Trampolinfabrik der Welt gegründet – ist gerade im kalifornischen San Diego im Alter von 96 Jahren gestorben. In Privatgärten taucht das Trampolin vermehrt erst seit ein paar Jahren auf. Einer meiner Nachbarn hat eines, seine Kinder springen beinahe täglich darauf rum. Aus seiner Erfahrung hat er mir ein paar Tipps verraten. Erstens: Die Federn am Rand müssen abgedeckt sein. Wenn man da mit dem Fuß reinkommt, ist das sehr hässlich. Zweitens, er hat eines ohne Fangnetz, das nächste Modell sollte eines mit sein, damit das Kind sich nicht ungewollt in den Garten katapultiert. Drittens, auch mit Fangnetz sollten besser nicht zwei Kinder gleichzeitig hüpfen. Sie könnten mit den Köpfen zusammenknallen.

Trampolinspringen soll übrigens gesünder sein als Joggen und sogar gegen Depressionen helfen, weil beim Hüpfen Glückshormone ausgeschüttet werden. Für Trampoline gilt aber das gleiche wie für Schaukeln und Klettertürme: Bevor Erwachsene selbst aufspringen, sollten sie sich über ihr Gewicht im Klaren sein.

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