Zu Hause : Wärm’ mich, du Flasche!

Sie ist die große Trostspenderin – klaglos wärmt sie kalte Füße und beruhigt den grummelnden Magen. Wenn sie doch bloß nicht so hässlich wäre. Sieben Bettgeschichten.

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Foto: Kai-Uwe Heinrich

BÜBCHENBLAU

Die Wärmflasche als solche kann man eigentlich gar nicht verwenden, ähnlich wie Badewannen ohne Stöpsel oder Zahnbürsten ohne Borsten. Die nackte Wärmflasche ist viel zu heiß. Sie verursacht Verbrennungen. Sie ist auch ästhetisch unzumutbar. Sie fühlt sich unangenehm an und gibt harntreibende Gluckergeräusche von sich.

Alles Positive an der Wärmflasche hat mit dem Wärmflaschenbezug zu tun. Eine Frau wird erst schön durch die Liebe, so behauptet zumindest Zarah Leander. Eine Wärmflasche aber wird erst schön durch den Wärmflaschenbezug.

Leider hat sich der brave, nützliche Wärmflaschenbezug, im Gegensatz etwa zum Badewannenstöpsel, aber ähnlich wie die Fußmatte vor der Haustür, als ein Experimentierfeld für falsch verstandenen Individualismus und fragwürdigen Humor etabliert. Ein selbst gehäkelter Wärmflaschenbezug mit Herzchen oder ein käuflich erworbenes Exemplar mit der Aufschrift „Schatzersatz“ oder „All Time Lover“ – textile Geschenke dieser Art geben die Beschenkten meistens ganz schnell in die Altkleidersammlung. Allein, das geht nicht, denn die Altkleider werden ja nach Afrika verschifft, und dort kann man mit einem Wärmflaschenbezug wenig anfangen.

Ohne den Wärmflaschenbezug wäre die Wärmflasche so schwer zu vermarkten wie ein Parfüm ohne Flacon oder ein Buch ohne Cover. Es gibt in der deutschen Sprache aber kein knappes, praktisches, allgemein bekanntes Wort dafür. Der Autor dieser Zeilen besitzt übrigens einen Wärmflaschenbezug in bübchenblau, schöner und geschmackvoller geht es wohl kaum. Harald Martenstein

ALTE NARBEN

Es begab sich so wundersam wie die unbefleckte Empfängnis. Oder als würde die Wüste plötzlich erblühen. Jedenfalls waren auf dem linken Schienbein über Nacht rosarote Blasen gewachsen, die seidenmatt schillerten. Eine sich häutende, marzipanfarbene Schlange mäanderte zwischen Knöchel und Knie. Ein Attentat? Schweine-Sars-Hühner- Wahn? Mutierte Pestbeulen? Kampfkakerlaken, die sich unter der Haut eingenistet hatten? Ich war, dafür gibt es Zeugen, am Abend unversehrt zu Bett gegangen, völlig nüchtern. Die Wunde schmerzte erstaunlicherweise nicht. Sie nässte, begann zu eitern, fraß sich millimetertief ins Fleisch, bildete eine Kruste, die gelegentlich aufplatzte, heilte schließlich, wurde vergessen, Jahre ist das her. Sie ist heute noch gut auf dem Schienbein zu sehen, mit dem Bürolineal vermessen: 10,6 Zentimeter lang und 1,5 Zentimeter breit. Es ist keine dieser anderen Narben, mit denen man angeben kann: Die an der Nasenwurzel rührt von einem Sprung ins Wasser, die am rechten Sprunggelenk von wackerem Kampf im Trikot von Union 06. Seit jener Winternacht stehe ich auf Wärmflaschen, die in einer Wollhülle stecken – und schlafe bis heute unfallfrei.Norbert Thomma

LONDONER WINTERNÄCHTE

Wer nie in England war, weiß nicht, was frieren heißt. Durch die dünnen Wände fegt der Wind, durch die Fenster treibt der Schnee. Auch wenn sie geschlossen sind. Dichtung und Dämmung beim Häuserbau scheint den Briten zutiefst fremd zu sein. Also müssen die Bewohner sich selber helfen. With a nice cup of tea, eine nach der anderen, und mit der hot water bottle. Die gehört so selbstverständlich zu jedem Haushalt wie Kühlschrank und Fernseher. Selbst bei der Queen. Als ich einmal die Schriftstellerin Esther Freud zum Interview in ihrem Londoner Haus besuchte, hatte sie am Morgen die Wärmflaschen sämtlicher Familienmitglieder zum Trocknen auf dem Küchentisch ausgebreitet. Was Urgroßvater Siegfried dazu wohl sagen würde. Aber Engländerinnen scheinen keine Angst zu haben, die Flasche könnte an ihrem Sex-Appeal kratzen.

Nach zwei Londoner Wintertagen – und vor allem -nächten – habe ich mir ganz schnell selber eine gekauft. Die hat sich auch in Berliner Altbauwohnungen als ausgesprochen nützlich erwiesen. Meine jetzige habe ich geschenkt bekommen, sie trägt ein kuscheliges, gleichwohl dezentes Kleid. Denn für den schlechten Geschmack seiner Besitzer kann ja die Flasche nichts. Und Wärmflaschen, lange als altmodisch verschrien, sind jetzt Avantgarde: in Zeiten des Klimawandels eine politisch korrekte, ziemlich effektive Form der Heizung. Bei mir hängt sogar eine an der Badezimmerwand: als Vase. Sieht ausgesprochen elegant aus. Susanne Kippenberger

MANCHE MÖGENS HEISS

Sie ist heiß, verdammt heiß. Ihr Blick aus halb geöffneten Augen unter langen schwarzen Wimpern, die Haare kokett gelockt, das Gesicht – ein kräftiges Orange und Pink. Marilyn Monroe, ihr Porträt im Stil Andy Warhols prangt auf der einen Seite der Wärmflasche, die von hinten weiß ist und gerippt und völlig gewöhnlich. Über die Jahre hat sich das Gesicht vor lauter Wärme gewellt, der Diva ein paar Krähenfüße verpasst. Vielleicht ist sie sich auch deswegen nicht zu schade, im Winter nächtlich versteckt im unteren Teil des Bettes die klammen Füße zu wärmen. Auch Magengrummeln vertreibt sie stoisch, mit leicht spöttischem Lächeln. Und gluckst beruhigend: Baby, was sind schon Bauchschmerzen in dieser großen, aufregenden Welt! „Karriere ist etwas Herrliches, aber man kann sich nicht in einer kalten Nacht an ihr wärmen“, soll Marilyn einmal gesagt haben. Mag sein, sie hatte dabei keine Wärmflasche im Sinn. Den Schrecken kühler Nächte hingegen erkannte sie so oder so. Katja Reimann

IM ERDGESCHOSS

Wenn ich mit meiner treuen, alten, lila Gummiflasche ins Bett steige, brauche ich keinen Fellbezug, auch keine Socken. Man kennt sich. Wer Angst vor Nähe hat, wer Verletzungen fürchtet, der hat vielleicht einfach nicht genug Übung.

Man muss sich herantasten, Dinge ausprobieren. Frierend an der Spüle stehen, den Wasserkocher in der rechten, den Kaltwasserhahn in der linken Hand, dazwischen die Flasche. Jetzt kommt es auf die Technik an. Irgendwann zischt der Wasserstrahl spritzfrei durch die Öffnung, ist die richtige Mischtemperatur gefunden. Brühend heiß darf das Wasser nicht sein, aber auch nicht lau, lieber ein paar Grad mehr, kühler wird die Flasche sowieso. Lästige Gluckergeräusche vermeidet man, indem man die restliche Luft aus dem Gummischlauch presst, ihn, wenn die gewünschte Füllhöhe erreicht ist (fest, flexibel, nicht zu prall), so zusammendrückt, dass ein wenig Wasser herausläuft. Festhalten, Stöpsel einschrauben, kurz abtrocknen – und ab unter die Decke. Dieser angenehme, fast schon elektrische Schock, wenn man durchgefroren zwischen die kühlen Laken schlüpft, mit den Eisfüßen sucht – und dann die Flasche findet. Uah! Erst schaudert man, zuckt zusammen. Aber dann wird man ruhig. Und merkt beglückt: Füße warm, alles warm. In Winternächten braucht man – besonders als Erdgeschossbewohner – ohne Wärmflasche gar nicht erst ins Schlafzimmer zu gehen. Jan Oberländer

DIE GUTE FEE

Es muss etwas mit meiner Kindheit zu tun haben. Dass ich nachts nicht loskomme von einem Gummiding, das heiß ist und wabbelt. Vielleicht ist es auch eine Sucht, es spricht jedenfalls einiges dafür. Der Kitzel, die Wärmflasche aus dem Schrank zu holen und mit kochend heißem Wasser zu befüllen. Die Grenzerfahrung, dieses kochend heiße Wasser auf dem Bauch zu haben, das nur durch einen kleinen Stöpsel am Auslaufen gehindert wird. Der Entzug schließlich, wenn die Wärmflasche kalt geworden ist, und man weiß, man braucht sofort eine frische. Die Ablehnung, auf die die Wärmflaschensucht im familiären Umfeld stößt.

Ich habe schon alles Mögliche probiert. Mir eine Wärmflaschenfee vorgestellt, die mir etwas bringt im Austausch gegen meine Wärmflasche, zum Beispiel eine Heizdecke. Ein Wärmflaschen-Substitutionsprogramm begonnen: mit einem Kirschkernkissen, das in Drogeriemärkten abgegeben wird und vor Gebrauch im Backrohr aufgewärmt werden muss. Dabei fangen die Kirschkerne fürchterlich an zu stinken, und der Baumwollstoff drumherum ist spätestens beim zweiten Mal verkohlt. Und abhängig wird man davon auch.

Bergauf ging es eigentlich erst, als mein kleiner Sohn begann, nachts in mein Bett zu kriechen. Es hat also doch etwas mit der Kindheit zu tun. Verena Mayer

DER FLASCHENGEIST

Vor ein paar Jahren lernte ich einen wahnsinnig netten Mann mit einer wahnsinnig kalten Wohnung kennen. Im Wohnzimmer tuckerte eine Gamatheizung, im Schlafzimmer überhaupt keine: ein riesiges Berliner Zimmer auf Kühlschranktemperatur. Gut, es gab da diese Wärmflasche – aber die hatte einen (zu allem Überfluss auch noch hübschen!) selbst genähten Bezug von seiner Ex-Freundin.Wer will schon mit der Ex unter einer Decke stecken? Die Flasche musste raus aus dem Bezug oder der Mann raus aus der Kälte. Beides ist geschehen: Den Mann und mich umgibt nun eine heizbare Wohnung und die Flasche schnödes Fleece. Das schützt die Flasche auch ganz gut. Und mich vor Eifersucht. Anna Kemper

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