Zu Hause : Wir haben uns sehr wohl gefühlt

In der Ferienwohnung ist es fast wie zu Hause. Aber eben nur fast. Von zarten Sardinen, brüchigem Linoleum und einem ziemlich großen Blutfleck – sechs Erinnerungen zum Urlaubsbeginn.

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Wer noch kein Zimmer hat.Foto: pa/JTimage.de

Es war südlich von Neapel, es war Spätsommer und die Terrasse des gemieteten Häuschens hatte einen Blick aufs Meer, dass einem ganz andächtig ums Herz wurde. Auf dem Tisch stand ein Krug roten Hausweins und ein Teller, über den eine Plastikglocke mit feinen Löchern gestülpt war.

Was sollte da vor den mediterranen Insekten geschützt werden?

Es war ein Stück vom Kartoffelkuchen, eine Art Quiche. Jeder Bissen war luftig wie Mäusespeck, irgendwo lauerte Käsegeschmack. Ich lobte das Willkommensgeschenk der Vermieter und erfuhr, es sei von „la mamma“ gemacht. Tags darauf verbarg die Plastikglocke einen Auflauf aus Auberginen und Mozzarella. Ich aß und lobte. Am nächsten Tag warteten gefüllte Kartoffelkroketten. „La mamma“ entpuppte sich als die Oma des Hauses, schwarz gekleidet. Sie hatte die schönste Küche der Welt, im Freien mit einem Ziegeldach, ringsum Zitronenbaum, Rosmarinbusch, Hund, Feigenstrauch, Katzen – und freier Sicht aufs tyrrhenische Meer. Sie freute sich über uns leidenschaftliche Fresser nebenan. Immer, wenn wir von einem Ausflug zurückkehrten, hatte sie eine andere Leckerei hingestellt.

Von unserer Terrasse zu mammas Küche waren es zehn Stufen, wenn sie brutzelte und rührte, wehten die Düfte herüber. Ich schaute ihr über die Schulter, in Pfannen und Töpfe. Woher denn der feine Käsegeschmack im Kartoffelkuchen käme? Sie lachte und zeigte Scheibletten, in Folie verpackt. Jede Käsesorte habe sie ausprobiert, diese zerflösse am Besten.

Drei Minuten entfernt lag der Hafen, Fischerboote, ein Laden für Meeresfrüchte, in dessen Kisten die frischen Muscheln wie Wasserspeier spuckten. Die Sardinen sahen gut aus. Mamma befahl den Kauf von einem Kilo, sie würde mir beibringen, was damit anzustellen sei. Sie riss zwei, drei Köpfe ab, entfernte mit einem sanften Ruck Rückgrat und Schwanz, die Katzen leckten die Mäuler. Ich machte mich über die Sardinen her. Die Alte hackte Petersilie, schnitt Zitronen, zerkrümelte Toastbrot, quetschte Knoblauch. Ich lernte an einem Nachmittag marinierte Sardinenfilets zuzubereiten (zart), Pastasauce aus Sardinen, Tomaten und Knoblauch (deftig), in der Pfanne gestockte Sardinen, mit Weißbrot bedeckt (pfiffig).

Es war: Ferienwohnung mit Aussicht inklusive Kochkurs ohne Aufpreis. Ein Traum.Norbert Thomma

„Basis“ hatte nur „eine Waschgelegenheit“, „Mini“ war zu klein, „Tirol“ verfügte über einen überdachten Freisitz, „Lausitz“ war sehr groß, so blieben übrig: „Reihenhaus“ und „Variant“, und weil „Variant“ bei gleichem Standard und gleichem Preis größer war, nahm ich das.

An was soll man sich auch orientieren bei dieser Bucherei im Internet?

Wir, meine Schwester, ihre Kinder und ich, fuhren in den Familienpark Senftenberger See, Brandenburg, den man sich als eine Art umzäuntes Gehege für Urlauber vorstellen muss. Unter hohen Kiefern fanden wir unser „Variant“-Haus, das in Reihe stand mit baugleichen und schon von Weitem klamm aussah. Wir näherten uns in immer kürzeren Schritten, denn wir begannen zu ahnen. Die Tür quietschte grell beim Öffnen, der Modergeruch war überwältigend. Drinnen war es eng, das Linoleum brüchig, die Dusche spartanisch, das Mobiliar morsch. Die Kinder, so glatt, so rosig, mit ihren Rucksäcken voller Computerspielzeug und Kuscheltieren, wirkten in dieser bröckeligen Kulisse geradezu angsteinflößend surreal. Das ältere Kind sagte: „Da ham wir wohl am falschen Ende gespart.“

Wir verließen Modell „Variant“ rückwärts, atmeten draußen tief durch, rannten zur Rezeption und buchten um. Modell „Lausitz“. Riesig, luftig, skandinavisch. Da sahen auch die Kinder wieder normal aus. Ariane Bemmer

Wer in England ein schönes Cottage mietet, kann sich über allerhand Besucher freuen. Ivy’s Cottage liegt in Selworthy, einem winzigen altertümlichen Nest im Exmoor National Park. Das reetgedeckte Häuschen sieht so beschaulich aus, dass ein wanderndes englisches Ehepaar einfach durch die offene Tür tritt, weil es denkt, da sei ein kleines Museum drin. Nun ist es Engländern äußerst unangenehm, wenn sie versehentlich die Privatspäre anderer stören. Den Eintretenden kann man nur aus der Verlegenheit helfen, indem man sie zum Tee einlädt.

Es lebt sich tatsächlich wie in einem kleinen Museum, wenn man ein Cottage des National Trust mietet, jener Stiftung, der es gelungen ist, weite Teile des Königreiches mit seinen Landschaften und Küstenlinien, Burgen, Häuschen und Herrensitzen vor dem Fortschritt zu schützen.

In Ivy’s Cottage gibt es noch eine ständige Besucherin, die spooky cat. Die Katzenliebhaberin aus Deutschland hat sie gleich gestreichelt. Ein Fehler, wie sich herausstellen wird. Das Tier ist nicht mehr zu bremsen, durch alle Öffnungen des alten Gebäudes findet sie einen Weg ins Innere. Erst nach mehrmaligem Verjagen hält sie Abstand.

In England aber bewahren sogar die Katzen Haltung. Am nächsten Tag läuft sie am Cottage vorbei, in stolzer, aufrechter Haltung, die Brust durchgedrückt, den Schwanz hoch erhoben, die Bewohner demonstrativ keines Blickes würdigend – als wolle sie sagen: „Ich kenne Sie nicht.“Andreas Oswald

Wir träumten von der Idylle des Landlebens, vom Sommerduft toskanischer Wiesen und vom gleichmäßigen Zirpen der Grillen. Unser Holz wollten wir selbst hacken und unsere lauen Sommerabende mit einem Glas Rotwein auf der Terrasse verbringen.

Als wir nach neun sonnigen Stunden in einem Fiat Panda unser Ziel erreichten, waren wir begeistert: Unser Ferienhaus sah aus wie auf den Fotos. Es gab einen Kamin, einen Kirschbaum im Garten und keine Nachbarn weit und breit – abgesehen von unseren Vermietern, die ein kleines Häuschen auf dem Grundstück bewohnten.

Die Skorpion-Warnungen des Hausherren quittierten wir mit einem wissenden Lächeln. Das gehört schließlich dazu. Und die kleine Spinne, die es sich über unserem Bett gemütlich gemacht hatte, zerdrückte ich todesmutig (nicht ohne kurz an die drohende Blutrache der achtbeinigen Verwandtschaft zu denken).

Als ich am nächsten Tag erwachte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Auf der Terracotta-gefliesten Terrasse rückte ich mir einen Liegestuhl zurecht, nahm einen Schluck Orangensaft und schlug soeben mein Buch auf, als ein markerschütternder Schrei ertönte.

Was war das? Für einen Moment blieb es still. Dann folgten die schmerzerfüllten Schreie stakkatohaft aufeinander. Ich griff nach einem umherliegenden Flusskiesel und machte mich auf in die Richtung, aus der das Wehklagen jetzt zu unerträglicher Lautstärke anschwoll.

Als ich um die Hausecke bog, sah ich rotes Blut in einen Eimer schießen.

Das arme Schwein hing kopfüber und an den Füßen festgebunden an einem Balken. Der rustikale Vermieter lächelte mir freundlich zu: „Buongiorno.“ Mir wurde kurz übel. Sie ließen es ausbluten. Zurück auf der Terrasse, lauschte ich dem Todeskampf des Tieres, gefühlte Stunden. Irgendwann war es still.

Der toskanische Schinken schmeckte mir nicht mehr. Die große Blutpfütze hinter unserem Haus wurde im Laufe der Woche zum vertrockneten, bräunlichen Fleck. Meinen nächsten Urlaub verbrachte ich in New York. Nicola Abé

Herr Harb, der Chef des gleichnamigen libanesischen Feinkostladens in Berlin-Tiergarten, hatte gewarnt. Eine Ferienwohnung im Libanon – das könne man vergessen, sagte er: Wenn Libanesen Urlaub im eigenen Land machen, dann im schicken Hotel. Oder sie besuchen Verwandte, von denen sie jede Menge haben. Im Internet haben wir dann aber doch ein Angebot gefunden. Die Agentur L’Hote Libanais bietet den derzeit wenigen Reisenden aus Europa Gästezimmer und Ferienwohnungen in Beirut und der Provinz an. Wir sind nach Hasroun gefahren, ein kleines Bergdorf im christlichen Norden des Landes.

Jacqueline vermietet ihr Obergeschoss, zwei Schlafzimmer, kleines Bad. An den Wänden Heiligenbilder, von der kunstvoll bemalten Holzdecke hängt eine Glühbirne ohne Lampenschirm. Die Einrichtung – old-fashioned, aber gemütlich. Auch eine kleine Küche gibt es. Aber abends, wenn es – auf 1400 Meter Höhe – kalt wird, ist es netter, zu Jacqueline in die gute Stube zu kommen. Mitten im Wohnzimmer heizt sie ihren alten Bollerofen mit Holz. Dort kocht sie auch. Hähnchenschenkel, Kartoffeln, Fleischbällchen, alles kommt frisch auf den Tisch. Dazu gibt’s Tabbouleh, Petersiliensalat. Oder die libanesische Variante des Hackepeter, mit Lammfleisch, Bulgur und Kreuzkümmel. Unser Sohn Kolja, zwei, vergnügte sich mit dem Spielzeug von Jacquelines Enkelin. Matthias Meisner

Ich bin nicht ganz ohne Vorurteile, was dänische Ferienhäuser angeht. Praktisch habe ich meine Kindheit in solchen Häusern verbracht, jedenfalls wenn Ferien waren. Ich erinnere mich an Wasser aus der Pumpe, rußende Petroleumlampen und krüppelige Mini-Kiefern hinterm Haus, die im Prospekt wie ein mächtiger Wald ausgesehen hatten, weil der Fotograf sie im Liegen fotografiert haben muss. Wie gesagt, ich war Kind, vielleicht acht oder neun, aber ich war größer als diese Bäume.

Doch das war lange her, und dieses Angebot klang verlockend: ein großes Haus. Es würde einen Garten haben, einen Geschirrspüler, eine Sauna und einen Kamin. Zwei Familien mit ihren kleinen Kindern würden hineinpassen, und es würde praktisch nichts kosten, weil, war ja keine Saison. Ich hatte noch nie einen Kamin. Ich war begeistert.

Dort war dann auch alles wie versprochen. Es gab sogar zwei Kamine: einen draußen und einen drinnen. Und es gab jede Menge Holz. Also habe ich das Ding befeuert. Abends saßen wir alle davor und starrten ins Feuer. Bis wir irgendwann müde wurden. Was macht man dann eigentlich? Lässt man den Kamin brennen? In einem Haus, das zu einem ganz erheblichen Teil aus Holz besteht? Oder schüttet man Wasser rein? Bloß nicht, die Dampfwolke wäre enorm.

Gegen vier waren alle schlafen gegangen. Nur ich traute mich noch nicht ins Bett. Allein saß ich vor der immer noch glimmenden Glut. Wenigstens war mir nicht kalt. Andreas Austilat

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