Zeitung Heute : Zu hedonistisch für einen Revolutionär

Simon McBurney und das Theatre de Complicite spielen den "Kaukasischen Kreidekreis" in Berlin Die didaktischen und ideologischen Hintergedanken von Bertolt Brecht sind Simon McBurney ziemlich egal.Den Regisseur und Schauspieler des Londoner "Theatre de Complicite" (ohne Akzent!) hat die Geschichte vom "Kaukasischen Kreidekreis" schon lange fasziniert.Nun spielt das Complicite zum ersten Mal in Berlin, als Gast des Berliner Ensembles in der Arena.Die Inszenierung entspringt einer Koproduktion mit dem Londoner National Theatre, wo "The Caucasian Chalk Circle" von April bis Juni im großen Saal des NT ein Hit der Saison war.Auch in Treptow gelingt es McBurney und seiner Truppe nun, das Berliner Publikum für diese englischsprachige Aufführung zu begeistern. Mit viel Krach und Tumult beginnt der georgische Krieg im Jahre 1945 auf der kargen Bühne (ein paar Koffer, Kleider, Eimer und Stangen).Schon das Tempo hält den Zuschauer in Atem, die Übergänge sind fließend.Und so bleibt kaum Zeit, irgendwo den Brechtschen Zeigefinger zu erspähen.McBurney ist außerdem davon überzeugt, daß die meisten Zuschauer gelangweilt herumsitzen und daher nicht belehrt, sondern aufgerüttelt werden müssen.Stilmittel wie Verfremdungseffekte ignoriert er: "Wir wollen bewegt werden, wollen lachen, wollen weinen - aber nicht verfremdet werden!" Auf der Bühne herrscht daher reges Treiben, mal rennt die ganze Truppe gehetzt im Kreis, mal sorgt irgendwer irgendwo für einen kleinen Slapstick.Überhaupt ist alles sehr georgisch: Die Kolchosemitglieder singen zu Originalinstrumenten kaukasisch klingende Lieder - Paul Dessaus Kompositionen ersetzt McBurney durch die Musik seines Bruders Gerard.Die Geschichte aber bleibt die gleiche: Das Vorspiel handelt von der Frage, wie Eigentum gerecht verteilt werden kann, und so diskutieren und einigen beide Dörfer sich in voller Länge darüber, wie ihr Land genutzt werden soll.Der Sänger Arkadi Tscheidze (Jeffery Kissoon) schildert Brechts Variante des Salomonischen Urteils über zwei Frauen, die sich um ein Kind streiten. Kissoon ist ein phantastischer Erzähler.Der Kaukasische Kreidekreis "ist eine Geschichte für jedermann", sagt McBurney dazu.Sie ist offen für Deutungen und zeitlos - wie ein Märchen.Der Schauplatz Georgien sei schließlich ein "Ort der Mythen und Legenden.Mit den georgischen Songs betone ich das".Zumindest verleiht dieser märchenhafte Erzähler dem Stück eine poetische Dimension, McBurney sieht ihn in einem besonderen Licht: "Der Erzähler ist der Künstler in der Gesellschaft", sagt er.Ein Mensch voller Phantasie, Witz und Beobachtungsgabe, gleichzeitig allein und umgeben von Aufmerksamkeit - wie McBurneys Truppe in der Treptower Arena.Dieser geschlossene Zuhörerkreis war McBurney so wichtig, daß er beinahe die Berliner Vorstellung abgeblasen hätte.Wegen der Sicherheitsvorschriften durfte er die Zuschauertribüne nicht rund um die Bühne bauen, sondern mußte Lücken als Fluchtwege lassen. Auch ohne diese Lücken aber hätte etwa Natella Abaschwilij (Hélène Patarôt) nicht zickiger und herrischer sein können, Grusche (Juliet Stevenson) nicht überzeugender als bäuerlicher Trampel mit Chuzpe und dem Herzen am rechten Fleck.Die Truppe bildet eine erstaunliche Einheit: Sie gleicht einer amorphen Masse, die plötzlich mit Stäben Bewegungen macht und dadurch Wellen eines Flusses beschreibt, um im nächsten Augenblick als wild kreischender Mob auseinanderzustieben.Mannigfaltig sind die Stimmungen: Klamaukig komisch etwa die Begräbnisfeier, während Grusches sterbender Bräutigam wieder vom Totenbett aufsteht, andererseits schön poetisch die Szene, in der Grusche das Kind Michael auf einem klapprigen Steg über den Fluß rettet.Diesen Steg formen die Schauspieler mit Stäben, so daß es scheint, das rauschende Wasser verwandele sich in eine Brücke. "Es ist befreiend, mit Simon zu arbeiten", sagt Juliet Stevenson, ausgebildete Tänzerin."Man lernt, physisch und sinnlich zu spielen - allein und als Truppe." Damit die Schauspieler aufeinander reagieren können, üben sie auch Ball- und Mannschaftsspiele. So spielen und spielen sie, meist mehrere Rollen.McBurney kann behende und komisch sein.Als Richter Azdak zum Beispiel: Fett, mit einer schwarzen Brille und schwarzgefärbten gegelten Haaren (eigentlich ist er schlank, drahtig und blond) räkelt sich McBurney in einem Sessel.Die krumme Nase entlarvt ihn, ebenso die hellen Augen, die mal schalkhaft, mal konzentriert scharf glitzern.Dieser Azdak könnte genausogut der Dorfrichter Adam sein: bauernschlau, ein bißchen schmierig und - irgendwie - gerecht, eine Rolle, in der sich McBurney offensichtlich sehr wohl fühlt.Auf die Frage, ob er sich mit diesem Richter identifiziere, antwortet er: "Ja, ich mag Azdak besonders gerne.Er ist zu hedonistisch, um ein Revolutionär zu sein." In der Arena, täglich 20 Uhr, bis 20.Juli.

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