Zeitung Heute : Zu klug für diese Welt

Er schwärmt für Leonardo da Vinci und schmökert in Lexika. Aber im Diktat schreibt der Achtjährige eine Vier. Wenn David zur Schule geht, bekommt er Bauchschmerzen. Dabei ist er schlauer als 99 Prozent seiner Altersgenossen.

Isabella Kroth

B wie Berlin. Das war sein erster Buchstabe – leicht zu lernen, steht ja auf den Nummernschildern. Aber den Rest des ABCs musste er seinen Eltern abtrotzen. „Wir dachten, wir müssten ihn schonen“, sagt seine Mutter. David war schließlich erst drei Jahre alt. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, seine Kindergärtnerin zu korrigieren. Wenn sie etwa sagte, dass die Sonne über den Himmel zieht. „Das stimmt doch gar nicht“, rief er altklug, „die Erde dreht sich doch um die Sonne!“, und war beleidigt, weil die Kindergärtnerin bei ihrem Standpunkt blieb.

Heute dagegen, im Alter von acht Jahren, sitzt David in der Klasse 3a und benimmt sich manchmal wie ein Kleinkind. Ein tapsiger Junge, dem es schwer fällt, sich zu konzentrieren, der in sich hineinzuschauen scheint, oder aus dem Fenster, aber nie jemandem in die Augen. Wenn die anderen mit ihren Aufgaben fertig sind, hat er gerade mal sein Mäppchen ausgepackt. Mit seinen Altersgenossen redet er in einem eigentümlichen Singsang. Er sagt „David geht jetzt nach Hause“, statt „Ich gehe jetzt nach Hause“. Die Erzieherin lächelt. „Das ist seine Art, Aufmerksamkeit zu bekommen“, sagt sie. Es falle ihm schwer, mit Gleichaltrigen Gesprächsthemen zu finden. Dabei sei er gar nicht dumm.

Tatsächlich ist David nicht nur nicht dumm – er ist hochbegabt. Auch wenn der äußere Anschein anderes vermuten lässt, etwa wenn seine Klassenlehrerin ihm wieder einmal eine Vier im Diktat geben muss. Ein Widerspruch? Nur auf den ersten Blick, denn hochbegabte Kinder fallen nicht unbedingt mit guten Noten auf. Gert Mittring etwa – fünffacher Weltmeister im Kopfrechnen – hatte trotz eines Intelligenzquotienten von 145 nur einen Notenschnitt von 3,7 im Abitur. Viele hochbegabte Kinder stören im Unterricht, streiten sich mit dem Lehrer oder träumen einfach vor sich hin. Sie fühlen sich ständig unterfordert und bringen dann auch keine Leistung mehr. David würde am liebsten überhaupt nicht in die Schule gehen. Er hat Angst. Angst zu versagen.

Unstillbarer Wissensdurst

Etwa 300000 überdurchschnittlich intelligente Kinder gibt es in Deutschland. Seit den Ergebnissen der Pisa-Studie kommt auch ihnen wieder mehr Aufmerksamkeit zu. Ihr Intelligenzquotient liegt oft über 130, und manchmal – wie bei der Konzertgeigerin Anne-Sophie Mutter – geht die intellektuelle Hochbegabung auch mit einer künstlerischen einher. Aber die meisten sind keine Wunderkinder, keine virtuosen Musiker oder Schachweltmeister. Detlef Rost, Psychologe an der Universität Marburg, definiert Hochbegabung als „Fähigkeit, ein Problem rasch zu erkennen, eine effektive Lösung zu finden und das Lösungsprinzip immer wieder übertragen zu können“. Nach Schätzungen trifft das auf zwei Prozent der Bevölkerung zu.

Hochbegabte Kinder fallen vor allem durch ihren Wissensdurst auf, oder weil sie schon früh unbedingt über die Ursachen von Tankerunglücken und über schwarze Löcher diskutieren wollen. „Wenn in der Schule ein Fremdwort fällt, muss ich nur David fragen, der weiß es bestimmt“, erzählt die Lehrerin. Gerade haben die Kinder ein Märchen gelesen, in dem das Wort „Fuder“ vorkam. Niemand kannte es, auch die Lehrerin nicht – nur David. Der hat ihnen dann erklärt, dass Fuder ein alte Maßeinheit ist.

Elisabeth Naumann, Davids Mutter, wurde zum ersten Mal stutzig, als ihr Sohn mit Vier unbedingt lesen lernen wollte. Doch sie wollte das Kind nicht überfordern. Davids Wissensdurst kam das nicht unbedingt entgegen. „Diese Kinder muss man lernen lassen“, sagt Andrea Will, von der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK). „Werden hochbegabte Kinder ausgebremst oder zu stark bevormundet, reagieren sie mit Verweigerung. Sie sind vom ersten bis zum letzten Schultag unterfordert.“ Andrea Will ist davon überzeugt, dass nur die wenigsten Kinder entdeckt werden. Über den großen Rest kann auch sie keine sicheren Aussagen machen, vermutet aber, dass viele nur mit Mühe den Hauptschulabschluss erreichen. Oder sich halbwegs erfolgreich durch die Schule quälen.

David gehört zu denen, die sich quälen, jeden Tag. Wenn er an die Schule denkt, bekommt er Kopf- und Bauchschmerzen. Der Arzt kann nichts feststellen – psychosomatisch, sagt er. Daheim sitzt David am liebsten vor dem Computer und löst Kriminalfälle auf CD-ROM. Die Bibliothek des Jungen füllt ein drei Meter hohes Regal. David hat ein Faible für naturwissenschaftliche Lexika, überhaupt für Bücher über Natur und Technik, Bücher, die ihm Antworten auf seine vielen Fragen geben. Sein Lieblingsbuch? Er zieht ein Tierlexikon aus dem Regal und fängt an zu erklären. Das seltsame Tier hier sei ein Schnabeligel. „Die können zwischen zwei und sieben Kilo schwer werden und schwimmen mit geschlossenen Augen, da sie sich mit ihrem Geruchsorgan orientieren können.“ Auch den Künstler Keith Haring schätzt er, aber wer ihn regelrecht begeistert ist Leonardo da Vinci: „Das war ein Erfinder und Maler“, sprudelt es aus ihm heraus, und dann zählt er mit Hochachtung die Leistungen da Vincis auf: die Mona Lisa, und dass er den ersten Hubschrauber entwickelt habe. Der allerdings nie gebaut worden sei.

Bis auf die vielen Bücher sieht sein Kinderzimmer aus wie das anderer Kinder auch: Eine Hängematte voll mit Stofftieren, eine Modelleisenbahn, und seine beiden Meerschweinchen heißen auch nicht Einstein und Kopernikus, sondern Wuschi und Wuschel.

Als David vier Jahre alt ist, schicken ihn seine Eltern in die Vorklasse. Im Kindergarten war er immer unglücklicher geworden. „Wenn ich ihn abholen kam, stand er schon heulend am Zaun und hat auf mich gewartet“, erzählt seine Mutter, und daheim hat er seinen Eltern Löcher in den Bauch gefragt.

Die Vorklasse tut ihm gut: Schon nach wenigen Wochen kann David flüssiger lesen als viele Zweitklässler und bis 100 zählen. „Dort war er endlich zufrieden“, sagt Elisabeth Naumann. Aber dann wird David eingeschult und muss wieder ganz von vorn anfangen, noch einmal lernen, was er schon weiß. Er fühlt sich wieder unterfordert. „Dinge, die vorher für meinen Sohn ganz leicht waren, gelangen ihm plötzlich nicht mehr“, wundert sich die Mutter. Es geht ihm wieder schlechter. Morgens, wenn er in die Schule soll, macht er sich aus lauter Angst in die Hose.

Die Eltern lassen ihn den „Kaufman-ABC Intelligenztest“ machen. Das Ergebnis ist eindeutig: Fast in jedem Aufgabenbereich – sei es Leseverständnis oder räumliches Denken – erzielt David die volle Punktzahl und ist damit besser als 99 Prozent seiner Altersgenossen. Mit dem Gutachten des Berliner Schulpsychologischen Zentrums, der einzigen städtischen Beratungsstelle für Hochbegabte, darf David die zweite Klasse überspringen. Jutta Billhard vom Verein für Hochbegabtenförderung glaubt: „Ein Test ist die einzige Möglichkeit, soziale Ungerechtigkeit auszuschalten. Auf das Kind eines Hochschulprofessors wird man leichter aufmerksam, als auf das einer Frisöse.“ Allerdings sind Intelligenztests nach wie vor umstritten. Andrea Will von der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind sagt, manche Eltern „lassen ihr Kind so lange testen, bis es einen IQ von 130 erreicht“. Und wenn ein Kind nur 125 erreicht, ist es dann nicht hochbegabt? Es ist heikel, hier eine klare Grenze zu ziehen.

Zurück in die 2. Klasse

David muss erleben, dass sich das Ergebnis des Intelligenztests nicht mit seinen Erfahrungen in der Schule deckt. Die Schule stuft ihn zurück in die zweite Klasse. Seine Mutter kann das immer noch nicht fassen. „Zum ersten Mal ging es ihm richtig gut. Er hatte viel bessere Ergebnisse.“ Doch die Lehrerin sieht nur die vielen Fehler im Diktat und Davids Disziplinlosigkeit. Die Begründung für die Rückstufung: Verdacht auf ADS – Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom.

Der Junge wird zu einer Psychiaterin geschickt. Sie verschreibt ihm, weil er so still und ungelenk ist, Ritalin. Eine Substanz, die ähnlich wirkt wie Kokain. Sie soll den Botenstoff Dopamin in den Nervenzellen erhöhen und so die Konzentration steigern, jedoch ohne den Kick des Rauschgifts und ohne süchtig zu machen. Aber Ritalin fällt unter das Betäubungsmittelgesetz.

Drei Monate lang nimmt David Ritalin und sitzt wieder in der zweiten Klasse, er wirkt depressiv und apathisch, dann setzen die Eltern die Pillen ab. Stattdessen schicken sie ihren Sohn in die Ergotherapie. Dort macht er in einem halben Jahr enorme Fortschritte. Die Ergotherapeutin erklärt die schulischen Schwierigkeiten Hochbegabter so: „Wenn die Gedanken im Kopf schneller sind als die motorische Entwicklung des Kindes, beginnt es möglicherweise zu stottern. Oder es wird für einen Legastheniker gehalten, weil es die einfachsten Wörter falsch schreibt. Die Gedanken sind eben immer schon weiter als die Hand.“

Nicht jedes hochbegabte Kind hat mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen. Viele kommen auch ohne zusätzliche Hilfe von Pädagogen und Psychologen zurecht. Aber eben nicht alle. „Viele denken immer noch, wer hochbegabt ist, braucht doch keine Hilfe“, sagt Jutta Billhard vom Verein für Hochbegabtenförderung. Bis heute gibt es jedenfalls kaum Einrichtungen für Hochbegabte. Sie beschränken sich in der Regel, wie etwa das Hamburger Brecht-Gymnasium, auf einzelne Förderklassen. Auch in Berlin sollen noch in diesem Jahr Modellprojekte anlaufen. Außerdem will eine staatliche Kommission im Sommer neue Lösungen präsentieren. Aber bis diese Ansätze Realität werden, wird sich David schon durch die Grundschule gequält haben. Freut er sich aufs Gymnasium? David weicht dem Blick aus, wie immer. Er überlegt, was er sagen soll. Es sind doch immer die anderen, die reden und für ihn entscheiden. Also sagt er lieber nichts.

Namen von Mutter und Sohn geändert

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