Zeitung Heute : Zu Risiken und Nebenwirkungen

Karl M. Wilhelm

Ärzte müssen über die Risiken einer Operation aufklären, damit sich ihre Patienten entscheiden können, ob sie dem empfohlenen Eingriff zustimmen. Kommt es zu Komplikationen, auf die nicht hingewiesen wurde, können die Mediziner auf Schadensersatz und Schmerzensgeld verklagt werden. Diese Regel gilt auch für Zahnärzte.

Weisheitszähne verdanken ihren Namen dem Umstand, dass sie anders als die vor ihnen liegenden Backenzähne oft erst dann erscheinen, wenn der Mensch zum Erwachsenen gereift, also „weise“ geworden ist. Meist sind sie überflüssig. Es ist daher gang und gäbe, sie zu ziehen. Dementsprechend bat Hartmut K. seinen Zahnarzt, einen Weisheitszahn zu entfernen. Ohne zuvor große Worte zu machen, extrahierte dieser fachkundig und routiniert den störenden Zahn. Anschließend litt der Patient wochenlang unter heftigen Schmerzen. Das Knochenmark unter dem von dem gezogenen Weisheitszahn verbliebenen Loch hatte sich entzündet.

Herr K. zog vor Gericht und verlangte Schmerzensgeld. Hätte der Zahnarzt ihn darüber informiert, dass die Extraktion eines Weisheitszahns zu Kieferknochenmarksentzündungen führen kann, wäre er nie und nimmer bereit gewesen, sich den Zahn ziehen zu lassen. Die erlittenen Schmerzen seien also nur auf die mangelnde Aufklärung seitens des Zahnarztes zurückzuführen.

Die Richter zogen einen sachverständigen Gutachter hinzu: Der Professor für Zahnheilkunde bestätigte, dass es nur äußerst selten zu einer solchen Entzündung des Knochenmarks komme, wenn ein Zahn extrahiert werde. Daher erwähnten Zahnärzte diese Möglichkeit in der Praxis so gut wie nie. Aus ärztlicher Sicht sei das deshalb nicht zu beanstanden.

Doch Juristen sind pingeliger. Auch über ein seltenes Risiko müsse ein Patient aufgeklärt werden. Das gelte insbesondere dann, wenn im Falle der Verwirklichung des Risikos die weitere Lebensführung des Patienten nachteilig beeinflusst werde. Die Kölner Richter sprachen Herrn K. 1500 Euro Schmerzensgeld zu, obwohl der beklagte Zahnarzt darauf verwies, dass die Beschwerden nicht direkt auf das Ziehen das Weisheitszahnes zurückzuführen waren, sondern auf ein späteres „Kauereignis“ (OLG Köln Az.: 5 U 52 / 02).

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