Zeitung Heute : Zu Scherzen aufgelegt

Als „Clown“ wurde er beim Amtsantritt verhöhnt – dann wurde Witzigkeit sein Erfolgskonzept. Heute könnte Boris Johnson als Bürgermeister von London wiedergewählt werden.

von
Was sich dreht. Boris Johnson, 47, hat einiges erreicht in seiner ersten Amtszeit, der Aufbau eines Fahrradleihsystems gehört dazu. Foto: Luke MacGregor, Reuters
Was sich dreht. Boris Johnson, 47, hat einiges erreicht in seiner ersten Amtszeit, der Aufbau eines Fahrradleihsystems gehört...Foto: REUTERS

Narzissen blühen im Valentines Park in London-Redbridge, die Sonne strahlt und hinter Absperrungen stehen tausende Menschen, die begeistert Union Jacks schwenken. Sie warten auf Queen Elizabeth II., die sich angekündigt hat für diesen Frühlingstag, aber zu hören ist davon nichts.

„Boris, Boris!“, rufen die Menschen beim Fähnchenschwenken, und sie meinen Boris Johnson, 47, ihren Bürgermeister. Der ist auch da und wartet. Er bringt seine blonden Haare mit der Hand in große Unordnung und steuert dann auf die Menge zu. „Fantastisch, dass die Queen bei ihrer Jubilee Tour nach Redbridge kommt“, dröhnt er, „wir sollten es ab heute Royal Redbridge nennen.“ Er schüttelt Hände, scherzt, schreibt Autogramme. Dann stellt er sich in seinem schlecht sitzenden graublauen Anzug und den bequemen Schuhen wieder in die Reihe der Redbrigder Vorstadthonoratioren und faltet zufrieden die Hände über dem Bauch.

Wie er wirklich heißt, wissen nur wenige: Alexander Boris de Pfeffel Johnson. Aber jeder kennt „Boris“. Würde Großbritannien über Nacht Republik und bräuchte einen Präsidenten statt einer Königin, der Tory-Mann Johnson wäre Spitzenkandidat. Statt am farbigen Hut erkennt man ihn an der Frisur – und die zerzausten Haare markieren auch den Unterschied zwischen ihm und den anderen wohlgekämmten, korrekt gekleideten, angepassten Politikern von der Stange. Wenn er von Menschen umringt ist, die begeistert „Boris, Boris“ rufen, wirkt er bereits wie eine Alternativversion der Königin. Und in diese Richtung – nach oben – zieht es ihn auch. Falls er denn am heutigen Donnerstag die Bürgermeisterwahl in London zum zweiten Mal für sich entscheiden kann.

Als Johnson 2008 erstmals antrat, auch damals gegen Ken Livingstone von der Labour-Partei, galt der als unschlagbar. „Wie verzweifelt müssen die Tories sein, wenn sie diesen Clown aufstellen“, schrieb der „Guardian“. „Ein Schmetterling, dem man die Flügel ausreißen wird“, prophezeite der „Independent“. Aber die Londoner stellten Unkonventionalität, Witz und Jugendlichkeit über die alten politischen Rezepte des heute 66-jährigen Livingstone. Vier Jahre später sind wieder dieselben Männer im Rennen – doch diesmal ist Johnson Favorit.

Er fuhr mit seinem Wahlkampf-Doppeldecker kreuz und quer durch die Stadt, eilte im Marks-&-Spencer-Billigmantel durch Einkaufsstraßen und verteilte seinen „Neun-Punkte-Plan für ein größeres London“. Überall riefen die Londoner „Boris, Boris“, Handys filmten, er lachte, hörte zu und fragte höflich: „Darf ich am 3. Mai mit Ihrer Unterstützung rechnen?“

Johnsons Regierungsbilanz ist nach seinen ersten vier Jahren nicht übertrieben beeindruckend, aber grobe Fehler hat er nicht gemacht. „Wir haben unsere Führungsrolle als beste Stadt der Welt ausgebaut“, behauptet er mit begeistert-ironischer Übertreibung. „Ich habe 91 Prozent meiner Wahlversprechen verwirklicht.“ Das öffentliche Fahrradleihsystem, die Ausmusterung der verhassten Gelenkbusse, Prototypen eines neuen Londoner Doppeldeckers wurden entwickelt, 50 000 Wohnungen gebaut, es gibt weniger Morde, weniger Messerstechereien unter Jugendlichen, die U-Bahn ist teurer, aber besser, und die Stadt für die Olympischen Spiele, die Livingstone in die Stadt geholt hat, herausgeputzt. Vor allem aber hat Boris Johnson sich gleichzeitig als glaubwürdiger Repräsentant einer multikulturellen Stadt und neuer Flügelstürmer der Konservativen etabliert, als Hoffnungsträger für Unzufriedene und für das Establishment.

Wenn es drauf ankommt, kann er seitenlang Plato zitieren. Aber noch besser sind seine witzigen Reden, wie 2008, als er bei der Olympia-Übergabe in Peking verblüfften Chinesen erklärte, Tischtennis sei unter dem Namen „Wiff-Waff“ an Englands Dinnertafeln erfunden worden. „Wenn die Franzosen einen Tisch sehen, denken sie ans Essen. Wir denken an Wiff-Waff.“ Dann reckte er die Faust in die Luft und brüllte „Ping Pong’s coming home“. Sogar der steife Premier Gordon Brown kugelte sich vor Lachen.

„Es ist der Premierminister“, ruft jemand, als Johnson im Knäuel seiner Begleiter vor der U-Bahn-Station steht. „Das ist ein sehr schwerer Irrtum“, sagt Johnson, guckt vergnügt und denkt sich vermutlich ein „noch“ hinzu. Denn ein Wahlsieg würde seinen bisher unerklärten Anspruch unterstreichen, David Cameron als Chef der Tory Party und britischen Premier abzulösen.

Wer ist Boris Johnson? Die joviale Art, die schlagfertigen Aperçus, die gedrechselte Art zu reden, die ironischen Übertreibungen, die Unpünktlichkeit, die Fernsehauftritte in Comedyshows wie auch in seriösen Programmen, Frau Marina und die vier Kinder, die Seitensprünge, das uneheliche Kind, die allumfassende Toleranzattitüde, der alles nur Spaß und Spiel scheint – diese farben- und motivreiche Fassade präsentiert der Welt nicht nur einen unterhaltsamen Exzentriker, sondern sie versteckt – wenn es ihn denn gibt – den wahren Boris.

Eine Mutmaßung, wer der sei, lautet: Er könnte rücksichtslos ehrgeizig sein. So jedenfalls schildert ihn eine ehemalige Kollegin aus Zeitungszeiten. Bekannt wurde Boris Johnson als junger Korrespondent des „Daily Telegraph“ in Brüssel. Seine Artikel bestärkten die Briten in ihrem Euroskeptizimus, entzückten Premierministerin Margaret Thatcher und beeinflussten sogar Dänemarks Maastricht-Referendum. Als der „Sunday Telegraph“ 1992 kurz vor der dänischen Abstimmung Johnsons Geschichte „Jacques Delors’ Plan zur Beherrschung Europas“ auf die Titelseite brachte, wurde sie in vielen dänischen Zeitungen nachgedruckt.

Ein weniger gemütlicher Johnson wurde schon zu Collegezeiten sichtbar. Da war er für seine harten Einsätze beim rugbyverwandten „Wall Game“ im Edelinternat Eton bekannt. Johnson spielte für das Team der Eton-Stipendiaten gegen die zahlenden Schüler, die „Oppidans“. 1982 schrieb die Schulzeitung „Eton College Chronicle“ nach dem Wall Game: „Hei, Hei, A. B. J., wie viele Oppidans hast du heute umgebracht?“

In Oxford verfeinerte Boris seine Tacklingtechnik vier Jahre lang in der Rugbymannschaft seines Colleges. Weltweit vorgeführt wurden sie dann 2006 bei einem Prominentenfußballspiel zwischen Deutschland und England. Da nahm Johnson, damals noch Unterhausabgeordneter, Anlauf und rammte dem deutschen Exnationalspieler Maurizio Gaudino wie ein Stier den gesenkten Kopf in den Bauch. „Immer wenn ich den Ball berührte, hatte ich ein enormes Erfolgsgefühl“, witzelte er anschließend.

Der ehrgeizige Johnson ist auch der Mann, der beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Männerklo neben dem Multimilliardär Lakshmi Mittal stand und diesem in angeblich 45 Sekunden Pinkelpause 20 Millionen Pfund Spende für den ArcelorMittal Orbit abluchste, den Aussichtsturm, der Wahrzeichen des Olympiageländes werden soll. Und er ist der Mann, der 2010 Premierminister David Cameron in den Clinch nahm: Er verhandelte mit dem neu gewählten Premier in der Downing Street über Finanzzuschüsse für London, lehnte sich plötzlich über den Tisch und versuchte, dem Premier seine Aktennotiz aus der Hand zu reißen, auf der Verhandlungsgrenzen notiert waren. Cameron beschrieb, wie die Männer um das Papier rangen – bis heute ist unklar, wer gewann.

Die beiden derzeit wichtigsten Tories in Großbritannien begegneten sich in Eton zum ersten Mal. Cameron, der entfernte Vetter der Queen und reiche Bankersohn, ein zahlender „Oppidan“. Johnson, Stipendiat, Sohn eines Europaabgeordneten, für den Etons Schulgebühren zu hoch waren. Aber einen Stammbaum hat auch Johnson: Urgroßmutter Marie Louise de Pfeffel stammt von einem Prinzen von Württemberg ab, Urgroßvater Ali Kemal Bey war ein türkischer Politiker, der 1922 von Nationalisten an einem Baum gehängt wurde.

In Oxford kreuzten sich die Wege von „Boris und Dave“ im exklusiven wie rüpeligen Trinkclub Bullingdon. 2007 tauchte die Fotografie des Bullingdon-Jahrgangs 1987 auf, unter den zwei Dutzend Jünglingen in Frack und eitlen Oberklasse-Posen auch Boris und Dave. Labour begann seine Kampagne gegen die „Toffs“, die feinen Pinsel der ToryPartei, und Channel 4 drehte den Film, „When Boris met Dave“. Es war der volkstümliche Boris, der den Makel des „Toffs“ problemlos abschüttelte.

Wenn Cameron heute von „meinem guten Freund Boris“ spricht, kann man sicher sein, dass ein Tackling vorausging. Als Cameron vor einem Parteitag die Parole ausgab, über Europa nicht zu sprechen, forderte Johnson unter tosendem Beifall ein EU-Referendum. Als in London Krawall war und Cameron betonte, mit Kürzungen der Polizeietats habe das nichts zu tun, forderte Johnson mehr Geld für die Polizei. Als das ganze Land auf Banker eindrosch und die Tories Steuern auf Boni verschärften, reiste Johnson nach Brüssel zum Lobbying für Londons Finanzdistrikt und forderte eine Senkung der Reichensteuern: „Ich muss für die Ärmsten und Bedürftigsten kämpfen. Das geht nicht, indem man auf ein paar idiotische Banker eindrischt.“

2008 war der Unterhausabgeordnete Johnson ein fleißiger Oppositionssprecher für Hochschulpolitik, litt aber unter seinem Ruf als Quertreiber. Weil Freund Cameron, der Parteichef, seine Parlamentarierkarriere ausbremste, strebte er nach dem Londoner Bürgermeisteramt. Cameron stellte die Wahlkampfmaschine der Tories für Johnson aber erst auf, als er keinen besseren Kandidaten gegen Amtsinhaber Livingstone finden konnte.

Auch diesmal muss Cameron seinen „guten Freund Boris“ wieder unterstützen. Der Verlust des Londoner Bürgermeisteramts wäre eine zu große Blamage für die Partei. Nach der Wahl dürfte der Kampf zwischen Cameron und Johnson, dem Taktiker und dem Instinktpolitiker, offen ausbrechen. 2015, sagt man, wolle Johnson ins Unterhaus zurückkehren, um 2017, wenn Cameron vielleicht zurücktritt, zur Verfügung zu stehen.

Erst muss Ken Livingstone besiegt werden. Das entscheidende Tackling dafür fand vor Ostern im Lift eines Radiosenders statt. Nach einer gemeinsamen Radiodiskussion beschimpfte Johnson mit hochrotem Kopf Livingstone als „fucking Lügner“ – drei Mal, berichteten die Augenzeugen. Livingstone hatte wieder einmal behauptet, dass Johnson– wie auch er selbst – Nebeneinkünfte steuersparend über eine Firma abgerechnet habe. Dies hatte Johnson zuvor wiederholt als falsch zurückgewiesen.

Der Wutanfall im Lift und Johnsons Weigerung, sich dafür zu entschuldigen, führten dazu, dass alle sieben Bürgermeisterkandidaten ihre Steuerabrechnung veröffentlichten. So wurde wenigstens ein Geheimnis von Boris Johnson enthüllt: Er bekommt für die Kolumne, die er immer noch wöchentlich für den „Telegraph“ schreibt, 250 000 Pfund im Jahr und verdiente in den vier Jahren, in denen er Bürgermeister ist, 1,7 Millionen Pfund (2,04 Millionen Euro). Nur dass Boris, anders als Ken Livingstone, die volle Steuer zahlte – ohne jeden Trick.

Seit dem Steuerstreit liegt Boris Johnson konstant sechs Prozentpunkte vor Livingstone. „Ich war immer der Meinung, die Londoner sollten ihrem Bürgermeister vertrauen können“, zog er Bilanz.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben