Zeitung Heute : Zu Tode geliebt

ANDREAS CONRAD

Während der Berlinale 1976 wurde Nagisa Oshimas "Im Reich der Sinne" unter Pornographieverdacht beschlagnahmt.Jetzt hat man den historischen Stoff in Japan erneut verfilmt./ Heute im WettbewerbVON ANDREAS CONRADBevor der Liebesfilm starten konnte, flogen erst mal die Fäuste.Nur Besitzer eines Festivalausweises hatten zu der geschlossenen Vorstellung in der Akademie der Künste Zutritt, das wollten einige Dutzend ausweislose Filmfreunde nicht einsehen, mit der Folge einer handfesten Schlägerei.Allzu geheim kann die zweite Berlinale-Vorführung von Nagisa Oshimas "Im Reich der Sinne" also nicht gewesen sein.Nach der ersten, am 2.Juli 1976, 23.45 Uhr, im Atelier am Zoo, war die Kopie von der Moabiter Staatsanwaltschaft beschlagnahmt worden.Der Vorwurf: Gewaltpornographie.Als Proteste und juristische Schritte nichts nützten, erhielten die Veranstalter vom französischen Produzenten Anatole Dauman eine zweite Kopie mit verändertem Titel, die kurz vor Ende des Festivals noch einmal gezeigt wurde, "quasi konspirativ und doch öffentlich", wie Wolfgang Jacobsen in seinem Rückblick "Berlinale" (Argon-Verlag, Berlin 1989) berichtet. Für das Wettbewerbssegment der Filmfestspiele 1976, übrigens der vorletzten, die noch im Sommer stattfanden, hatte der damalige Festivalleiter Alfred Bauer den japanischen Film abgelehnt, der statt dessen im Internationalen Forum des jungen Films laufen sollte.Wie auch immer der heutige japanische Berlinale-Beitrag "Sada" von Nobuhiko Obayashi qualitativ ausfällt, darf man doch feststellen, daß der vor 22 Jahren noch skandalträchtige Stoff mittlerweile als wettbewerbstauglich angesehen wird. Wie Oshimas Werk geht "Sada" auf eine Begebenheit von 1936 zurück, die in Japan noch immer fast Legendencharakter besitzt: Ein Geisha-Mädchen hatte ihren Chef und Geliebten auf seinen Wunsch hin erdrosselt und entmannt.Nach der Tat irrte sie tagelang mit dem abgeschnittenen Penis durch Tokio, bis sie von der Polizei aufgegriffen wurde.Für ihre Tat wurde Sada Abe zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.Später soll Henry Miller sie getroffen haben, da war sie mittlerweile Hotelbesitzerin und verheiratet.Ihr Mann ahnte allerdings nichts von ihrer Vorgeschichte.Als er sie doch einmal erfuhr, suchte er das Weite. "Der Name Sada ist so populär in Japan, daß seine Nennung schon genügt, um an die größten sexuellen Tabus zu rühren", sagte Oshima damals in einem Interview.Um den japanischen Zensurbestimmungen zu entgehen, hatte er das belichtete Material gleich nach Frankreich fliegen und dort entwickeln lassen.Erwartungsgemäß bekamen die japanischen Zuschauer den Film gar nicht erst zu sehen.In Cannes war er 13 Mal gezeigt worden, zwar von einigen Protesten begleitet, aber die internationale Kritik war sich in ihrem positiven Urteil doch weitgehend einig: Ein Porno sei dies gewiß nicht - oder allenfalls "der Porno, um alle Pornos zu beenden", wie Forum-Chef Ulrich Gregor damals im "Spiegel" zitiert wurde. Die West-Berliner Boulevardpresse stieg auf das Thema aber begeistert ein, wähnte mit scheinheiliger Entrüstung den "größten Porno aller Zeiten" aufs Publikum zurollen und gab damit der Justiz das Stichwort: Bei der ausverkauften ersten von drei geplanten Forum-Vorstellungen saßen auch die Staatsanwaltschaft, ein Richter und zwei Kriminalbeamte im Publikum, die den Film im Anschluß umgehend beschlagnahmten.Begründet wurde die Aktion mit § 184 StGB, Absatz 3, nach dem "pornographische Schriften, die Gewalttätigkeiten ...zum Gegenstand haben", in Herstellung und Verbreitung unter Strafe stehen. Der Vorgang erregte auch international erhebliches Aufsehen."Ein Akt der Lächerlichkeit und Willkür" schimpfte Ulrich Gregor.Festivalchef Bauer und der Leiter der Festspiele, Ulrich Eckhardt, protestierten, und auch Justizsenator Hermann Oxfort sah "das Ansehen Berlins berührt".Er selbst identifiziere sich nicht mit der Meinung der Staatsanwälte, könne aber in ein schwebendes Verfahren nicht eingreifen. Dieses zog sich noch anderthalb Jahre hin.Zunächst verwarf die 17.Strafkammer des Landgerichts Berlin die Beschwerde des Forums gegen die Beschlagnahme.Der Straftatbestand des § 184 StGB sei erfüllt, die Garantie der Kunstfreiheit nach § 5 GG komme nicht zur Geltung.Die Staatsanwaltschaft müsse jetzt ermitteln, wer für die Vorführung verantwortlich gewesen sei.Es drohten eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe. Dieser Teil des Verfahrenskomplexes wurde im November desselben Jahres eingestellt.Eine persönliche Schuld sei nicht nachweisbar, die Angeklagten seien von der Rechtmäßigkeit der Vorführung überzeugt gewesen.Das Verfahren gegen den Film selbst, mit dem Ziel, die Kopie einzubehalten und weitere Vorführungen bundesweit zu verhindern, wurde von der Staatsanwaltschaft aber weiterbetrieben.Diesmal landete das Verfahren vor der 12.Kammer des Landgerichts, dessen Entscheidung am 17.März 1977 erging: "Der Einziehungsantrag wird abgelehnt." Die sexuellen Darstellungen seien "nicht, wie beim pornographischen Erzeugnis, sinnlos aneinandergereiht", sondern besäßen "eine Funktion in der Liebesgeschichte".Auch sei der Film, "aufs Ganze gesehen, ungeeignet, sexuell zu stimulieren". Überprüfen konnten das die normalen Zuschauer vorerst nicht.Noch im Gerichtssaal legte die Staatsanwaltschaft Revision beim Bundesgerichtshof ein und reichte zusätzlich Beschwerde gegen die Filmfreigabe ein.Um dem BGH nicht vorzugreifen, gab das Berliner Kammergericht der Beschwerde statt, der Film lag also weiter auf Eis.Erst am 17.Januar 1978 entschied der 5.Strafsenat des BGH endgültig: Die Revision der Staatsanwaltschaft wurde verworfen, der Film war damit ohne Schnitte freigegeben.

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