Zeitung Heute : Zu- und abgeraten: Verschwunden - Patrick Modiano, Fährtenleser

Anja Hirsch

Patrick Modiano beherrscht eine große Kunst: Er gibt Menschen eine Geschichte, ohne sie ihnen aufzudrängen. Wie aber schreibt man die Geschichte eines Menschen, der keine Geschichte haben will? Sein 16. Roman, übersetzt als "Ein so junger Hund", ist in dieser Hinsicht ein Wagnis. Aber selten ist Modiano sich selbst näher als hier. Die Methode ist vertraut: Wieder lässt er einen Ich-Erzähler sich zurückerinnern: an den Frühling im Jahre 1964, als er 19-jährig in Paris dem Fotografen Jansen begegnet war. Jansen hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits entschlossen, abzutauchen und sein Werk dem Vergessen preiszugeben. Sein junger Freund aber war fasziniert von den Bildern und begann, sie zu sichten und zu ordnen, als hätte er mit einem Nachlass zu tun. Täglich betrat er Jansens Atelier, stundenlang vertieft in Bilder, von Jansen "mein Kleiner" und "Skribent" genannt. Eine Beziehung, die ohne viele Worte funktionierte und von Anfang an begrenzt war bis zu dem Tag, an dem Jansen Paris verlies. Zurück blieben Fotos, das Schwarz-auf-Weiß einer Kunst, die nicht mit verschwinden konnte: Bilder, die spüren ließen, dass der Mensch, der sie machte, das Bedürfnis hatte, ein Nichts zu sein, allmählich "eins zu werden mit dem Dekor".

Darin liegt vielleicht sogar der Schlüssel zu Modianos Schreiben: Denn die gleiche Zurückhaltung wie Jansen übt Modiano als Autor aus. Nur so kann wohl der Versuch gelingen, von jemandem zu erzählen, der vergessen werden will.

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