Zeitung Heute : Zu viel Nichtwissen

Der Tagesspiegel

Von Simone von Stosch

Das öffentliche Gedächtnis hat manchmal eine bemerkenswert kurze Halbwertszeit. Erinnern wir uns: Was war das für eine Aufregung, was war das für ein Schock, als im November die Pisa-Studie die deutsche Bildungsmisere offenbarte: Deutsche Schüler liegen im internationalen Leistungsvergleich weit abgeschlagen im letzten Drittel, im Land der Dichter und Denker droht die geistige Verelendung.

Es folgte eine hektische Debatte über Versäumnisse und Reformen im Schulsystem, die auch deshalb so schnell ergebnislos versackte, weil es an Fakten fehlt: Welche Schulformen begünstigen, welche behindern die Leistungsfähigkeit? Gibt es Unterschiede zwischen einzelnen Bundesländern? Darauf sollte die so genannte Pisa-Ergänzungsstudie eine Antwort finden. Zum ersten Mal sollten die Leistungsstandards der Bundesländer und der unterschiedlichen Schulsysteme verglichen werden.

Aber vielleicht wollen es doch nicht alle so ganz genau wissen – zumindest nicht überall. Hamburg und Berlin, die beiden Stadtstaaten, werden im Juni nicht dabei sein, wenn die nationalen Ergebnisse veröffentlicht werden, hier wurde die so genannte „Rücklaufquote“ nicht erreicht, zu wenige Schüler hatten sich an den Tests beteiligt. Angesichts der Brisanz des Themas ist das ein Skandal.

Jetzt wird beschwichtigt: In Großstädten sei es eben nicht so einfach, die Zustimmung der Eltern zu gewinnen, die Schüler zur Teilnahme an den Tests zu bewegen. Das mag sein, ist aber höchstens die halbe Wahrheit.

In Hamburg hatten gewerkschaftlich organisierte Lehrer die Tests bewusst boykottiert. In Berlin lief das Ganze auch so daneben. Die Lehrer motivierten Schüler und Eltern nicht ausreichend, die Schulaufsicht machte nicht genug Druck. Von 101 Schulen müssen 25 Hauptschulen und 25 Gesamtschulen jetzt nachtesten. Das kann dauern. Bis zum Spätherbst mindestens. Und die Aufregung vom vergangenen Herbst ist ja eh schon fast wieder vergessen.

Wann, bitte, hat die Lethargie in Sachen Bildungsnotstand ein Ende? Ganz abgesehen von den 60 000 Euro, die Berlin für die Nachtests zahlen muss. Die Verzögerungen kosten zudem wertvolle Zeit. Zeit, in der Reformen angeschoben werden könnten. Wir brauchen den Länder- und Schulvergleich so bald wie möglich, auch, um eine bisher vor allem ideologisch geführte Debatte voranzubringen. Bisher erklären die Verfechter der traditionellen Real-, Hauptschulen und Gymnasien, dass ihr Modell das bessere sei, die Anhänger der Gesamtschulen behaupten das Gegenteil. Die Ergebnisse der Pisa-Ergänzungsstudie müssen, sie werden hier Klarheit schaffen.

In Deutschland, so sagte uns die Pisa-Studie vom vergangenen November, ist die schulische Leistung der Kinder viel stärker als in anderen Ländern vom sozialen Status der Eltern abhängig. Schüler aus sozial schwachen Familien und Ausländerkinder haben in Deutschland extrem schlechte Aufstiegschancen. Auch hier sind wir gespannt auf die Ergebnisse der Schulvergleiche.

Mehr Chancengleichheit bieten die Gesamtschulen – sagen deren Verfechter immer wieder, und vielleicht haben sie Recht. Nur: Dann müssten doch gerade sie die Pisa-Studie nicht fürchten. Gerade sie sollten alles daran setzen, dass ihre Meinung verifizierbar wird. Erstaunlich ist dann schon, dass ausgerechnet in Berlin und Hamburg, wo es viele Gesamtschulen gibt, die Ergebnisse auf sich warten lassen. Hat man hier doch etwas zu fürchten?

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