Zeitung Heute : Zu viele Ingredienzien ergeben noch keinen Cocktail

"Geschüttelt, nicht gerührt": junge fotografische Kunst aus Europa im Künstlerbahnhof Westend Wenn eine Ausstellung dem Besucher den Zugang erschwert, ist für die Kunst schon fast alles verloren.Das alte Gebäude des ehemaligen S-Bahnhofs Westend ist ein schlechter Ausstellungsort.Wenn dann die Hängung in den Räumen von der Treppenhalle im Erdgeschoß bis zu der engen Sackgasse des kleinen Flurs im Obergeschoß auch noch disaströs ausfällt, die Bildlegenden von der Wand fallen, die Aufsicht der Ausstellung nichts weiß, dann macht die Sache selbst kaum noch Spaß. Dies um so weniger als die "junge europäische Fotografie" mit 28 Teilnehmern der "European Pépinières" zu einem Cocktail verquirlt wurde, bei dem alles in einen Topf geworfen wurde, was jenes seit 1991 bestehende EU-Programm zur Förderung künstlerischen Nachwuchses in drei- bis neunmonatigen Stipendien an vier Orten (Béthune, Chalon-sur-Saône, Lissabon und Neapel) hervorgebracht hat.Die Pépinières sind stolz darauf, ihren Stipendiaten keinerlei Vorgaben aufzuzwingen.Sie räumen freimütig ein, es gebe bei ihnen keinerlei Trend, keine Schule noch irgendeine Kohärenz unter den künstlerischen Ergebnissen.Auch in technischer Hinsicht, von der Videoinstallation bis zum sauberen Schwarzweiß-Abzug, ist alles vertreten. Geschüttelt, nicht gerührt, so wollte James Bond seinen Martini.Es ist das Motto, auf das sich die von der Karl-Hofer-Gesellschaft nach Berlin übernommene Ausstellung deshalb beruft.Vielleicht war es mit dem Martini aber genau umgekehrt? Egal, eine genießbare Mischung ist es nicht geworden.Zu viele Ingredienzien, in beliebiger Qualität zusammengemixt, ergeben ein Gepansche, aber keinen Cocktail.So schlägt die Freiheit der Künstler um in die Beliebigkeit der Ausstellung. Wer Glück hat, kann aber aus dem Gesamten das eine oder andere für sich Bekömmliche herausdestillieren.Ja, er wird bei näherer Betrachtung sogar ähnliche Ansätze unter den Fotografen isolieren könne: zum Beispiel was Lichtphänomene betrifft.Da gibt es den ekstatischen Tanz einer Frau vor dem Feuerschein, eine Beschwörung des Lichtes: Der leuchtende und wirbelnde Rock der Tänzerin scheint die Energie des Feuers adaptiert zu haben.Es gibt mystische Lichtspuren, schwebende Schemen im Raum, die aus dem Nichts zu kommen scheinen, und Schattenspiele, die Zuflucht zum Kruzifix zu nehmen.Es gibt den zentralen, strahlenden Lichthof in einem mehrteiligen Tableau, das an die Ikonostasen in der orthodoxen Kirche erinnert.Mitunter zeichnet das Sonnenlicht wie zufällig das christliche Symbol mittels Fensterkreuz auf den Vorhang.Auch die profane Magie des Lichtes vermag anzurühren: wie in menschenleeren nächtlichen Straßenszenen, wo leise der Schein einer Laterne das bleierne Grau durchsickert oder wo ein entfernter Autoscheinwerfer am Horizont wie ein Hoffnungsschimmer wirkt. Es scheint, daß sich im Zuge der allgegenwärtigen Digitalisierung der Bilder - wenigstens bei einem Teil der jungen Fotografen - die ursprüngliche Magie des Lichtes in Erinnerung ruft.Ohne Licht keine Lichtbilder, keine Fotografie.Daß sich das Licht einschreibt, daß es sich als Phänomen vorstellt, wird selbst wieder zum Thema, so wunderbar, daß man ihm nur durch religiöse Metaphern beizukommen scheint. Ansonsten sollte man von einem alten Medium nicht viel Neues erwarten, sondern Qualität.Auch in der Ausstellung findet man ein paar gute Reportageserien: die Schnappschüsse russischer Passantinnen, die selig-trunkene Stimmung kleiner Leute beim Akkordeonspiel, die stillen Bilder der tschechischen Provinz oder die in sich verkehrte Welt des weißen Christentums in Schwarzafrika.Meist haben diese einfachen, traditionellen Bildgenres mehr zu sagen als das künstlerische Experiment.Denn sie erlauben den Blick auf eine Wirklichkeit hinter den Bildern. Bahnhof Westend, Spandauer Damm 89, bis 3.August; Di bis Sa von 15 bis 19 Uhr, So 11 bis 18 Uhr.

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